nachher noch Zeit genug zum Hingehen und Niederfallen und Handküssen, wenn Rührung ausbricht, geschluchzt wird und Schwiegervater Schwiegersohn umarmt, insofern nämlich nichts weiter als dieses ausser allem dem Sonstigen platterdings unmöglich wenngleich schwierig und wirklich effektiv."
Der alte Baron sah den Bedienten, der in diesen fremden Zungen redete, sprachlos an.
"Da man nämlich Fürst ist –"
Der Schlossherr fasste seinen Kopf mit beiden Händen. Karl fuhr, ohne sich stören zu lassen, die hände in die Hosentaschen steckend (denn er hielt dies für vornehm), und sich auf den Füssen hin und her wiegend (das kam ihm nämlich erhaben vor), fort: "Da man nämlich Fürst ist, so wird Hechelkram sich finden, wenn auch verborgen vor jetzt und in Zukunft. Maske wäre hiemit fallen gelassen, hier oben wie unten im Garten. Nach diesem Schwiegersohnsangelegenheit sehr nötig und fast schon zu spät. Nichtsdestoweniger, weil nämlich überhaupt und dennoch gnädiges fräulein sehr von mir angegriffen gewesen, und durchaus gewollt, ich soll's sein, zugesagt darauf, immer Wurst und Eier und Rindfleisch gegeben, und jetzt sich meisterhaft angezogen, Sauerbraten gekocht, so wird Widerstand unmöglich und wofern fernerweite gute Verköstigung ausgemacht wird, muss sich Rieke in Stuttgart das Maul wischen und obgleich keine Bestechung erfolgt ist, was schmerzlich war und unrecht, einen Bedienten für nichts und wieder nichts verführen zu wollen, so wird hiemit um die Hand gebeten und gänzlich entschlossen ist man, fräulein unten im Garten zu heiraten."
"Er will sich mit meiner Tochter verbinden?" stammelte der alte Baron.
"Dieses wäre die Absicht und Contentement, wofern Heirat zur Verbindung gehört", sagte Karl.
"Komme Er jetzt wenigstens, mein Söhnchen", schmeichelte der Schlossherr in einem keuchenden Tone. "Komme Er jetzt wenigstens zu mir."
"Ganz wohl", versetzte Karl Buttervogel. – "Man sieht, dass Rührung im gang ist und Tränen nicht ohne sein werden." –
Er ging zu seinem Schwiegervater, der die Zeit kaum erwarten zu können schien, um sich an dem Schwiegersohne zu letzen. Den Hut auf dem kopf behaltend, kniete er vor dem alten Baron nieder und sagte: "Folglich bäte man hiedurch um Ihren Segen!"
"Da hast du den Segen, du Racker, du Spitzbube!" schrie der Alte und reichte dem Liebenden eine der schwersten, klatschendsten und schmerzhaftesten Ohrfeigen, welche wohl jemals in Deutschland geschlagen worden sind. Der Hut fiel dem Geohrfeigten vom kopf, er sprang heulend auf, hielt die blutige feuernde Wange mit beiden Händen und stürzte nach der tür. Der grimmig-gereizte alte Mann aber stürzte ihm, die eine Pistole ergreifend nach zur Treppe, überlaut rufend: "Tot schiess' ich den Halunken! den Hund! die Katze, die ganz Schnick-Schnack-Schnurr kahlgefressen hat!"
Der Bediente voran auf der Treppe, der alte Baron hinterher – –
Hier verrichtet unsere Erzählung das Mirakel, welches einst jenem Wundertäter, dessen Name mir entfallen ist, gelang. Er war in ein Sterbehaus berufen, um einen Toten aufzuerwecken, unterweges sah er einen Schneider aus dem Fenster stürzen, den hiess er, weil er keine Zeit für ihn übrig hatte, so lange in der Luft schweben, bis er vom Toten zurück wäre, tat hierauf im Sterbehause was seines Amtes war, kehrte darnach zu dem schwebenden Schneider zurück und liess ihn sänftlich zur Erde nieder kommen.
Unsere Erzählung hat dringende Geschäfte in Münchhausens Zimmer, sie fixiert daher den Bedienten Karl Buttervogel und den alten Baron Schnuck im Herabstürzen von der Treppe und läuft zum Freiherrn, wo sie in dem engen Stübchen vor den vielen Menschen, die es inzwischen erfüllt haben, kaum noch ein Unterkommen finden kann. Denn unter dem Mantel des Haarrauches waren die drei Unbefriedigten, der Ehinger Spitzenkrämer und Semilasso in das Schloss eingedrungen. Froh über die Öffnung, die nach ihrem Abzuge entstanden war, hatten sie nicht aufeinander geachtet, waren, vom Instinkt geleitet, die Treppe hinauf und in das Zimmer gegangen, worin sich nun grosse und merkwürdige Entdeckungen zutragen sollten. "Ja, er ist es!" riefen die drei Unbefriedigten.
"C'est lui", sagte Semilasso.
"'s ist der nämliche", sprach der Ehinger Spitzenkrämer.
Diese Personen umstanden in verschiedener Stellung das Bette des Freiherrn. Der Ehinger klopfte nämlich mit seinem Stocke den Schläfer sanft unter den Fusssohlen, um ihn zu erwecken, Semilasso sah ihn mehr von weitem durch seine Gläser an, die drei Unbefriedigten hatten die hände des Schlafenden inbrünstig gefasst und Karl Gabriel der Dichter war neben dem Bette auf die Kniee gesunken. Münchhausen liess sich von dem klopfenden Stocke des Ehingers nicht erwecken, sondern behielt sein Engelslächeln bei. Der Schriftsteller, welcher sich so hatte überrumpeln lassen, sass mit einem verlegenen gesicht hinter dem Tische und zeichnete mit der Feder allerhand seltsame und inkorrekte Arabesken auf einen Bogen Papier, welcher vor ihm lag. Die Fremden aber ergingen sich in freudigen Ausrufungen über das Glück, ihre Vermutungen bestätigt zu finden, Karl Gabriel sprach von der poetischen Divination, die ihm Schnick-Schnack-Schnurr als das leuchtende Grab gezeigt habe, worin dieser Merlin des neunzehnten Jahrhunderts ruhe und Orakel spende, Karl Emanuel sagte, er habe sich, als der Meister ihnen in Schwaben jammervoll abhanden gekommen sei, a priori konstruiert, dass er in Westfalen sein müsse, Karl Natanael sprach von einem glücklichen politischen aperçu, welches ihm