1836_Immermann_045_213.txt

mittags. Der alte Baron hatte heute noch nicht einen Bissen genossen. Ihn hungerte trotz alles Ärgers. Er suchte Emerentien, sie war aber freilich weder im Wohnzimmer noch in ihrem Schlafgemache zu finden. In der Küche sah er ein verglimmendes Feuer. "Mich dünkt, wir sollten heute Sauerbraten bekommen", sagte er, "vielleicht ist er gar und ich kann mir immer schon ein Stückchen abschneiden für den ersten Angriff." – Es roch recht lieblich und nahrhaft da zwischen den Brandmauern, aber ach, die Töpfe und Schüsseln auf dem Herde waren leer. Auf dem Schemel lag die Hauskatze, eine von den schwarz- und gelbgestreiften, ruhig und harmlos, mit zugekniffenen Augen spinnend. Der alte Baron sah grimmig von den leeren Schüsseln nach der Katze, von dieser nach jenen. Er hielt sich nicht länger und mit dem Rufe:

"Ich will dir Bestie denn doch endlich das Fressen wohl verleiden!" gab er der armen Unschuldigen einen so heftigen Schlag, dass das treue Haustier schreiend aufsprang und winselnd fortinkte, denn eine Pfote war ihm von dem Stockschlage gelähmt worden.

Der blick des zornigen Hausherrn fiel auf ein Buch, welches neben dem Herde lag. Er erkannte Emerentias Handschrift, wurde neugierig und begann darin zu lesen, nur die letzten Blätter, so dass er nicht den ganzen Zusammenhang von seiner Tochter Gedanken und Gefühlen daraus entnehmen konnte, aber leider erfuhr er schon durch das, was er las, ein neues, nur zu grosses Unheil.

Es war Emerentias Tagebuch. Sie pflegte, was sie am Abend geschrieben, am Morgen darauf in der Küche zu ihrer Erholung sich vorzulesen. Nun hatte sie in den letzten Wochen, da sich der Schatz ihrer anderweitigen Vorstellungen und Erinnerungen ausgeleert haben mochte, nur eingezeichnet, was sie an Lebensmitteln dem maskierten Fürsten zugesteckt hatte, den sie aus einer zärtlichen Grille gerade auf diesen Blättern nur Karlos nannte, also mit dem Namen, der ihrem Vater entzifferbar war. Zu seinem Entsetzen las er demnach, dass der Bediente Karl Buttervogel die Katze gewesen war, welche das Schloss in Hungersnot versetzt, dass sein eigenes Fleisch und Blut dieses häusliche Elend gestiftet hatte.

Ohne ein Wort zu sagen, liess er das Tagebuch fallen. Heimlich murmelnd ging er die Treppe nach dem Söller hinauf in seine Gerichtsstube, als müsse ihm da irgendein Gedanke kommen, der ihm Luft in die Brust schaffen könne. Münchhausen hatte er fast vergessen. Karlos, den Schmetterling oder die Katze, wie man ihn nun nennen will, abzustrafen, nicht mit Worten, sondern mit Werken, dahin zielten alle seine Gedanken. Oben musterte er irren Blickes die abgelegte Garderobe seiner Gemahlin, die an den Pflöcken umherhing. Man hätte sehen können, dass seine Vorstellungen nicht bei diesen Roben, Spenzern und Taffentmänteln waren, die Augen suchten nur mechanisch Gegenstände, um sich anzuheften. Er riss, ohne zu wissen, was er tat, ein altes Kleid vom Pflocke, dahinter wurde ihm ein Paar Pistolen an Nägeln aufgehängt, sichtbar, und neben den Pistolen hing ein Pulverhorn. Die Pistolen von den Nägeln nehmend, versuchte er ihre Schlösser. Sie waren gut eingeölt gewesen, die Hähne knackten und die Steine gaben lustig Feuer. Er schüttelte das Pulverhorn, es war nicht leer. Er lud die eine Pistole, und würde zum Verhängnis vielleicht auch noch eine Kugel gefunden haben, wenn er nicht in seinem gefährlichen Werke von jemand unterbrochen worden wäre, und zwar von dem, den er in seinem erbitterten Sinne trug.

Karl Buttervogel betrat nämlich, gerade als der alte Baron die Pistole mit Pulver geladen hatte, ohne vorher anzupochen, die Gerichtsstube, um die Gebote seiner Dame auszuführen. Er betrat die stube mit den Empfindungen eines Fürsten, eines Liebenden und eines Esslustigen. Hechelkram schwebte zwar seiner Seele immer nur noch in unbestimmten Umrissen vor, desto fester zeichneten sich die Gefühle des Liebenden und Esslustigen in ihm. Stolz und keck trug er sich, hatte Stiefeln und Rock rein abgebürstet, den lackierten Hut in der Hand, und das rot und weiss geblümte Halstuch von Zitz vorn in einer übermässig grossen Schleife zusammengebunden. Zum Zierat war von ihm in dem Knopfloche ein Tannenreis und eine gelbe Malve befestigt worden.

So trat er höchst mutvoll und sicher, denn ihn stärkte die Erinnerung an Emerentias rotes Kleid, zu dem mann ein, dessen Schwiegersohn zu heissen jetzt sein heissestes Verlangen war.

Die Züge des alten baron nahmen bei Karls erscheinen den Ausdruck einer giftigen Süssigkeit an. Er setzte sich in seinen Lehnstuhl, legte die Pistolen vor sich auf den Tisch, holte tief Atem und sagte dann: "Er kommt mir gerade recht, mein Sohn."

"Allerdings Sohn, nichts als Sohn und so weiter Sohn", versetzte Karl sich räuspernd.

"Trete Er doch etwas näher hieher zu mir", sagte der alte Baron, indem die Finger seiner rechten Hand unruhig auf dem Tische spielten.

"Niemals vor jetzt", erwiderte Karl Buttervogel und setzte seinen lackierten Hut auf, denn er glaubte als Fürst und glücklich Liebender sich diese Rücksicht schuldig zu sein. – "Sondern hier stehenbleiben und der Tisch zwischen uns, während die Anhaltung geschieht und Maske fallen gelassen wird. Denn alles muss seine Ordnung haben, und wenn keine Ordnung mehr in der Welt ist in Fürsten- und Heiratssachen, so wäre der Mensch ein Dummerjahn und ein rechter Flegel. Also hier stehenbleiben aus der Entfernung, in dieser Distanz und Augenmass von zehn Fuss wird Rede gehalten und