!"
"Nitze! Nitze!" schrie Karl Buttervogel berauscht. "O meine vierzehn Berliner Herrn! Was würden meine vierzehn Berliner Herrn sagen, wenn sie mich jetzt sähen, mich glückseligen Esel und Kerl."
Karl Buttervogel war nicht gefühllos. Rieke in Stuttgart hatte wirklich sein ganzes Herz besessen, und wenn er ihr auch um die bessere Verköstigung im schloss untreu geworden war, so wissen wir aus seinem Tagebuche, welche Kämpfe ihn dieser Wandel gekostet hatte. Emerentiens Neigung war nun, die Wahrheit zu sagen, bisher mehr seiner Eitelkeit und seines Appetites Schmeichlerin gewesen, erwidert hatte er sie bis heute nicht. Aber als er das fräulein so wunderbar geschmückt sah, ging in seinem Busen eine Umwälzung vor. Ganz richtig hatte sie ihn geschätzt; es bedurfte starker Reize, um diesen Schmetterling zu vermögen, seine Flügel zum Fluge der Liebe zu entfalten. Das rote Kleid, die grünen Schuhe, die gelbe Schärpe, der Paradiesvogel, der ganze bunte Putz – – alles das machte ihn wirblicht und er schwor bei der Asche seiner Väter, dass er noch nie eine so prachtvolle person, wie sein stummes Wort über sie lautete, gesehen habe. Nach langem Staunen, Mustern und Seufzen schleuderte er seinen lackierten Hut weit hinter sich, wischte sich das Maul und tat einen Schritt gegen Emerentien, unfehlbar in der Absicht, ihr den Handschuh zu küssen, denn bis zu ihren Lippen verstiegen sich seine kühnsten Gedanken nicht.
Emerentia streckte den Fächer streng und zurückweisend ihm entgegen. Er blieb bestürzt stehen, sah sie verlegen an und wusste nicht, was diese Sprödigkeit bedeuten sollte. Auch sie schwieg, denn sie hatte beschlossen, die Grösse dieses Momentes nicht durch rohe Worte herabzuziehen, sie wollte nur durch Zeichen mit ihrem Verehrer reden. – "Gnädiges fräulein", rief Karl Buttervogel endlich mit klagender stimme, "dieses ist sehr unrecht, und heisst einen armen Schuft auf den Geruch von einem Braten einladen. – Doch wie ist mir denn? Alle Donnerwetter! Wenn man den Teufel an die Wand malt, so kommt der Kujon! Auch ein Braten muss hier in der Nähe sein, denn meine Nase trügt mich nicht und es steigt ein Düftlein auf und in dem Korbe – hol' mich dieser und jener –"
Emerentia gab mit dem Fächer ein Zeichen, welches Karln berechtigte, die Serviette von dem Korbe zu erheben. Er tat es und nun ereignete sich etwas, was erfunden in einem Gedichte zu den grössten Fehlern gezählt werden würde; zwei Motive wurden nämlich für die Handlung gleichzeitig in Bewegung gesetzt. – "Sauerbraten!" rief Karl Buttervogel und liess die Serviette fallen. – "Sauerbraten!" wiederholte er jubelnd. In der Tat lag ein lecker zubereiteter Sauerbraten, Karls Lieblingsessen, auf der Schüssel in dem Korbe. Seine Augen gingen wie trunkene Wanderer zwischen dem fräulein und dem Sauerbraten hin und her, seine Seele spaltete sich in zwei Hälften und in jeder schlug sein Herz, endlich überwog die eine Hälfte, er riss ein Messer aus der tasche und wollte damit dem Sauerbraten eins versetzen. Da schlug ihm aber Emerentia mit dem Fächer auf die Hand und zwar nicht sanft, sondern empfindlich, ihm zugleich mit dem Zeigefinger der andern Hand drohend.
Der zurückgeschreckte Prätendent geriet in eine Art von Wut. "Alle Hagel!" schrie er, erbost mit dem Messer nach dem Braten stechend, "was soll das bedeuten? Denn sich so aufzudonnern, dass es einem rot und grün und gelb vor den Augen wird, und man gar nicht weiss, wo man vor Angst und Herzeleid bleiben soll, und einem Sauerbraten dazu aufzusetzen und noch dazu mit Zwiebeln, und dann das Zurückweisen und Fächergeschlage ist nicht auszuhalten. Denn entweder, oder. Alle Geschichten und Siebensachen in der Welt haben ihren Grund, oder sie haben ihren Grund nicht. Und also entweder soll ich den Sauerbraten fressen oder ich soll ihn nicht fressen. Und entweder wollen das gnädige fräulein nunmehr recht liebreich gegen mich sein, oder Sie wollen es bleiben lassen. Und für die Langeweile stehe ich hier nicht mit meinem Herzeleid und mit dem erbärmlichen Hunger im leib, sondern wissen muss der Mensch, woran er ist, und was er tun soll, und das will ich auch tun, wie ein rechtschaffener Kerl, wenn ich nur erst weiss, was."
Emerentia warf auf die Maske dieser Gemeinheit einen ihrer leidendsten und zugleich verächtlichsten Blicke. Dann beschrieb sie mit dem Fächer eine stolze schwungvolle Linie in der Luft, hierauf deutete sie mit demselben nach dem schloss und endlich gab sie das Zeichen, womit eine Dame andeutet, dass jemand sich entfernen könne.
Karl Buttervogel folgte mit gespannter Aufmerksamkeit allen diesen Zeichen. Seine Seelenkräfte waren durch die Ekstase des Augenblicks geschärft; er verstand den Sinn seiner Herrin. – "Ich hab's! Ich hab's!" rief er und drehte sich auf den Absätzen um. "Denn dass ich mich immer so gemein gemacht habe und so niederträchtig, das gefällt gnädigem fräulein nicht, und ich soll's jetzt sein, Fürst und Hechelkram und so weiter, wofern fernerweite gute Verköstigung ausgemacht wird, und nach dem schloss soll ich gehen und es dem gnädigen Herrn Baron ansagen, denn der muss es doch vor allen Dingen wissen und die Heimlichkeit und das Gepuschele unter der Hand gefällt gnädigem fräulein nicht mehr, und wenn ich das getan habe, dann machen wir uns frei öffentlich über den Sauerbraten her, und gnädiges fräulein lässt