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einer rotlackierten Uniform und weissem Unterzeuge; auf dem haupt aber trug er einen imponierenden Federhut. Emerentia hatte ihn zu ihrem Namenstage geschenkt bekommen. Sobald sie seiner ansichtig wurde, erzitterte sie, erseufzte sie, errötete sie. Niemand verstand ihre Regung. Sie aber trug den Nussknacker auf ihr einsames Zimmer, stellte ihn auf den Kamin, blickte ihn lange glühend und weinend an, und rief endlich: "Ja, so muss der Mann aussehen, dem sich dieses volle Herz zu eigen ergeben soll!" Von der Zeit an war der Nussknacker ihr vorläufiger Geliebter. Sie hielt mit ihm die zärtlichsten Zwiegespräche, sie küsste seinen schwarzen Schnurrbart, sie hatte dem ganzen Verhältnisse eine so tiefe Beseelung gegeben, dass sie jederzeit des Abends, wenn sie sich zum Schlafengehen entkleiden wollte, schamhaft zuvor ihrem Freunde auf dem Kamin das Haupt mit einem Tuche verhüllte. Nussknacker liess sich das alles gefallen, stand zuversichtlich auf seinen Füssen, und blickte mit den grossen, blaugemalten Augen mildkräftig vor sich hin.

Emerentien hatte diese schöne Liebe rasch gereift. Von der natur war sie, wenn auch nicht mit Reizen, doch mit blühenden Gesichtsfarben und runden Armen ausgestattet worden; es konnte ihr daher an Verehrern unter den benachbarten Landjunkern nicht fehlen. Aber sie schlug alle Bewerbungen von der Hand und sagte, sie folge ihrem Ideal und gehöre der Zukunft an. Unter dem Ideal verstand sie den auf dem Kamin und unter der Zukunft einen Hechelkramischen Fürsten.

Ihre Eltern liessen ihr ganz freie Hand. Sie sagten, in den Linien Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig seien alle Gefühle seit Jahrhunderten der heraldisch-richtigen Bahn gefolgt. Es lasse sich also nichts daran ändern und modeln, was ihre Tochter empfinde.

Um die Zeit der vielfältigsten und heissesten Bewerbungen machte ihr Vater mit den Seinigen eine der obengedachten Erholungsreisen zur Stärkung auf die Beschwerden der Jagd und des Spiels. Der Ausflug war diesmal in die Bäder von Nizza gerichtet. Die Familie reiste unter fremdem Namen, denn sechs feurige Landjunker hatten geschworen, dem fräulein nachzueilen bis an das Ende der Welt, und sie wollte allein sein, allein mit ihrem Nussknacker, dem heiligen Meer und den ewigen Alpen gegenüber.

Die Familie hiess in Nizza die von SchnurrenburgMixpickelsche. Eines Tages gehen SchnurrenburgMixpickels am Strande spazieren; das fräulein geht etwas voran, den Freund im Ridicüle. Plötzlich sehen die Eltern sie wanken; der Vater springt zu, und empfängt die Tochter in seinen Armen. Bleich ist ihr Antlitz, aber von Entzücken strahlen ihre Augen, sie liegt wie eine Selige am Busen des Vaters. Ihre Blicke dringen schüchtern in die Ferne, und kehren dann wie mit goldnen Schätzen der Wonne beladen, in sich zurück. Auch die Eltern erstaunen, als sie den Blicken der Tochter in die Ferne folgen. Denn von der andern Seite des Strandes schreitet ihnen eine Gestalt entgegen, Nussknacker zu entzünden. Von schöner, gedrungner, proportionierlicher Gestalt, sprach sich in allen seinen Gliedern männliche Kraft aus, aus seinem glänzenden, hellroten gesicht mit breiten, festen Kinnbacken leuchtete der Entschluss, auch die härteste, vom Geschick ihm vorgelegte Nuss zu im grossen, weisse Unterkleider, rote Uniform, Federhut, grellblaue, und doch milde Augen, hellrot-glänzendes Gesicht, wie lackiert, breiter Mund, verborgen von der wunderbaren Fülle des schwarzen Schnurrbarts, eine schöne gedrungne Gestalt, Kraft in allen Gliedern, kurz Nussknacker in jeder Miene, Form, Falte.

Besorgt tritt er hinzu und fragt, was der Dame fehle? Der Vater fragt ihn seinerseits: mit wem er die Ehre habe ...? "Ich bin", versetzt der Fremde, indem er die Nasenflügel zitternd bewegt, und mit den Augen zwinkert, "Signor Rucciopuccio, von Geburt ein Senese, in Kriegsdiensten Seiner Majestät, des Kaisers aller Birmanen, bei den Truppen auf europäische Art, Kommandeur der sechsten Elefantenkompanie."

"Ei der tausend, da sind Sie wohl verteufelt weit her?" fragte der alte Baron. "Es geht noch", erwiderte der Fremde, indem er sich in den Hüften zurechtrückte, dass die Gelenke knackten.

Der Alte fragte ihn über die Birmanen aus, die Mutter musterte die Stickerei an seinem Kragen, Emerentia flüsterte, in einen Abgrund von Glück verloren, nichts als: "O Rucciopuccio!.. " So kamen sie in das Hotel der Familie, wo sich der Fremde nach kurzem Verweilen beurlaubte mit der Bitte, seine Besuche wiederholen zu dürfen, und nachdem er die Augen nochmals bedeutend-zwinkernd auf Emerentia geworfen hatte.

Lasst mich von ihr schweigen! Der Traum ist Wahrheit geworden, das Herz hat sich seinen Wunsch verkörpert, und in die Sichtbarkeit ausgeschaffen! Am andern Tage lässt sich der Kommandeur der sechsten birmanischen Elefantenkompanie wieder anmelden. Wo das Schicksal gesprochen hat, sind die Menschen über Worte hinweggehoben. Er tritt in die eine tür, sie tritt in die andre; er zupft am Schnurrbart, sie zupft am Schnupftuch; heute wird er blass, und sie wird rot, er breitet die arme aus, sie breitet die arme aus, er neigt sich zu ihr, sie neigt sich zu ihm, und: "Füreinander geschaffen!" ist der erste laut, den ihre glühenden Lippen nach der Wonne des ersten Kusses finden. "Füreinander geschaffen!" wiederholt Rucciopuccio beteuernd, indem er abermals mit den Augen zwinkert und die Nasenflügel zitternd bewegt.

Aber diesem rascherblühten Lenze der Liebe folgte ein verheerender Sturm, der alle Rosen jählings zu knicken