in vollendeter Wahrheit geschaffen, könnten Sie sich an eine Erscheinung hingeben, so wäre Ihnen vielleicht geholfen. Sie waren stets ein Dichter von Gesinnung, leider aber ohne alles Gefühl und ohne Liebe."
Der Schriftsteller schüttelte dem Freiherrn die Hand, lachte und sagte: "Ich hatte schon gemeint, dass Ihr ernstaft mit mir anbinden wolltet, nun sehe ich aber, dass Ihr Spass macht, alter Spötter. Ihr habt den Ton meiner öffentlichen Beurteiler ziemlich lustig kopiert. Jetzt bestehen allerhand Leute hauptsächlich darauf, dass ich mehr Liebe haben solle. Sie fordern es aber so entsetzlich grob, dass die Liebe, welche ein scheues, feines Kind ist, sich weinend versteckt, oder schleicht, sie ahnen nicht, wohin?"
In diesem Augenblicke sah er durch das Fenster und erschrak. Denn er erblickte den alten Baron in der Ferne, der mit dem Bürgermeister herbeikam. "Wir schwatzen hier Allotria!" rief er hastig, "und da naht schon das Corps Ihrer Angreifer! Rasch einen Plan der Verteidigung und des Ruckzuges aus diesem Kastelle ersonnen. Wie wäre es –"
"Wenn wir improvisierten!" fiel Münchhausen ein und warf die rote Uniform ab benebst dem hut. – "So gelingt alles am besten. Das ganze Leben ist ein Impromptu." Er verwandelte das militärische Kleid in den Frack und den dreieckichten Hut in den Klack zurück, forderte auch, dass sein Biograph sich entferne, denn er wolle, sagte er, allein seinen Mann stehen. Dieser aber schwor, dass er seinen Helden nicht verlassen werde und so musste er sich die Waffenbrüderschaft gefallen lassen, wohl die ungewöhnlichste, die seit langer Zeit vorgekommen ist. Freilich aber hatte der Schriftsteller noch ausser seinem zärtlichen auch ein grosses egoistisches Interesse dabei, dass der Freiherr von Münchhausen in diesem Kampfe nicht umkam. Denn um von tausend Gründen nur einen anzuführen: Er hatte Herrn Schaub in Düsseldorf die Fortsetzung der Münchhausenschen Abenteuer versprochen, und wo blieben die Abenteuer, wenn Münchhausen unterging?
Schriftsteller und Held verabredeten in der Eile doch einige allgemeine Massregeln. Wir aber überlassen vorderhand die Ereignisse im schloss ihrer entwicklung und verfügen uns nach dem Schneckenberge. Auf diesem Gebirge Taygetus sass das fräulein mit feierlicher Miene und im ungewöhnlichsten Putze, der aus einem ehemals rosenfarbenen Seidenkleide, einem weissen Flortuche, einer Schärpe, worauf der Tempel der Liebe gestickt war, und grünen Atlasschuhen bestand. In der Hand hielt sie einen elfenbeinernen Fächer mit der geschichte Amors und Psychens, und ihr Haar zierte ein Paradiesvogel, dem nur vor Alter die Schwungfedern ausgefallen waren. Einen Ridicule von sogenannten Freundschaftsläppchen zusammengefügt, trug sie an einem arme und eine Tändelschürze von schwarzem Taffent mit Phantasieblumen eingefasst, hatte sie vorgebunden.
In diesem Aufzuge stellte sie die verschollene Freiin von Schnurrenburg-Mixpickel aus den Bädern zu Nizza dar. So kostümiert war sie dort mit Rucciopuccio gelustwandelt und den Juden in die arme gefallen, als die verhängnisvolle Stunde der Trennung schlug. In frommer Erinnerung an die süsseste und schwerste Zeit ihres Lebens hatte sie den ganzen Staat aufbewahrt und er war durch alle Stürme der zeiten, durch das ganze Elend der Verarmung hindurch gerettet worden. Heute hatte sie ihn mit erhabenem Lächeln aus dem Koffer hervorgeholt, und ihn, nachdem sie ihr Werk in der Küche besorgt, angelegt, denn ihre Seele brütete einen grossen Entschluss und sie wollte mit starken Mitteln auf den maskierten Fürsten wirken. Sie sass vor einem kleinen Tischchen, welches der Schulmeister aus einem alten Brette und mehreren abgestumpften Zaunstacken da droben zusammengefügt hatte, um, wenn das Wetter schön war, seine schwarze Suppe im Freien geniessen zu können. Auf dieses Tischchen hatte sie einen Korb gestellt, der mit einer weissen Serviette zugedeckt war. Gänzlich in die Welt ihrer Träume verloren, achtete sie der drei unbefriedigten Jünglinge nicht, welche nach ihr in den Garten gekommen waren. Diese achteten ihrerseits wieder nicht auf Emerentien, und so nahm keiner von dem anderen Notiz, was bei idealistischen Naturen öfter vorzukommen pflegt, auch wenn sie im engsten raum zusammen sind. Die Unbefriedigten sassen alle drei um das trockene Wasserbecken und sahen den kupfernen Delphin ohne Strahl tiefsinnig an. Emerentia dagegen wiegte sinnend ihr Haupt, dass der nicht recht fest eingesteckte Paradiesvogel zuweilen nach der Wange zu eine trunkene Bewegung machte, und faltete spielend den elfenbeinernen Fächer auf und zu.
In diesem Sinnen, Wiegen und Spielen hatte ihre Seele die reizendsten und glänzendsten Bilder der Vergangenheit hervorgezaubert, als sie plötzlich durch den Ruf: "Alle Donnerwetter!" aus ihren Phantasien erweckt wurde. Karl Buttervogel stand vor ihr. Er war auf seinem Rückwege vom Vogelherde durch ein Loch in der Hecke unter dem Schneckenberge gekrochen, denn er ging, wie alle Bedienten nicht gern auf dem geraden Wege nach haus, sondern pflegte sich, wo es nur möglich war, einen heimlichen Katzensteig zu bahnen.
Nichts in der Welt hätte ihn mehr überraschen können, als was er jetzt vor seiner wohnung zu sehen bekam. Er stand, eine starre Bildsäule vor Emerentien, musterte mit rollenden Augen ihre Gestalt und ihren bunten Putz, der Mund lief ihm voll wasser und: "Alle Donnerwetter!" waren die einzigen Worte, die er von Zeit zu Zeit hervorbringen konnte.
Emerentia sah, wie sie auf den Prätendenten von Hechelkram wirkte. Ihre Brust schwoll von dem süssen Triumphe, den sie erlebte. Nach einer Pause, während welcher sie sich an seinem Entzücken geweidet hatte, lispelte sie, ihr Antlitz hinter dem Fächer verbergend: "Nun? O Nizza