manches Narren stand mir zu Gebote und blieb unberührt von mir; höchstens erlog ich mir hin und wieder Obdach und freie Beköstigung, wenn ich sonst nicht wusste, wohin mein Haupt legen und was beissen oder brechen?"
"Waren Sie stets so uneigennützig?" fragte der Schriftsteller mit scharfem Akzent.
"Nein", rief Münchhausen plötzlich wieder kleinlaut, "ich will mich gegen Sie nicht besser machen, als ich bin. Einmal habe ich einer einfältigen Gans Liebe vorgelogen, um zu ihres Vaters Geld und Gut zu gelangen und da musste ich zuletzt erfahren, dass kein Geld und Gut vorhanden sei. Diese eigennützige Lüge ohne Erfolg brachte nun eine ganz greuliche und ekelhafte Nachwirkung in mir hervor. Denn es gibt kein abscheulicheres Gefühl für einen Charakter, wie ich bin, als Witz und Phantasie umsonst ausgespendet zu haben. Und da gab ich mir eben das Ehrenwort, fortan in der reinen unselbstischen Erfindung zu schwelgen."
"Doch im grund eine traurige Schwelgerei!" sagte der Schriftsteller.
"Die lieblichste und üppigste!" rief der Freiherr begeistert. Seine Züge nahmen ein Gepräge an, wie es noch niemals in ihnen gesehen worden war. Seine Augen leuchteten wunderlich und schrecklich, durch die Irrgänge seiner Lineamente schlichen Schelmerei, Spott, trunkenes Behagen, wie schöne Mädchen, die in einem vernachlässigten Park spazierengehen. Mit den Fingern griff er in die Lüfte, als wollte er da tausend lustige Erinnerungen sich greifen, er sah wie der Geist Capriccio aus. – "Was ist das süsse Feuer, welches die Traube in unsere Adern giesst, was sind die veratmenden Ohnmachten des höchsten Liebesrausches gegen das selige Behagen, mit allen stolzen Torheiten der Zeit zu tändeln, zu scherzen, zu spielen und des Witzes urkräftige Blitze in alle Spelunken hinableuchten zu lassen! Man fühlt sich wahrhaft als Schöpfer;
eine neue Welt ersteht, durch welche man als König und Wohltäter hinzieht, denn hinter den Rädern des Siegeswagens blühen in den Geleisen phantastische Blumen auf, welche dem Gefolge lieblicher duften als Rosen und Jasminen. Ich habe viele Narren glücklich gemacht und da die Welt aus Narren besteht, so habe ich die Welt beglückt, so weit mein streifender Fuss sie betrat.
Was soll ein gescheiter Kerl jetzt anders tun als lügen, die Prahlhänse zum besten haben, umherlaufen, sich wandeln und verwandeln? In Kriegsdienste gehen? – Napoleon hat das Heldentum ausgebeutet, wie er selbst ungefähr mit den nämlichen Worten auf Sankt Helena sagte, für fünfzig und mehrere Jahre, es ist heutzutage als sähe man bleierne Soldaten aufgestellt, darunter ist auch immer noch einer als General und mehrere sind als Hauptleute lackiert, aber bleierne Soldaten sind sie alle. In der Staatskunst sich versuchen? Auch da verlangt man nach einem Chef, der's ist, der nicht bloss so heisst. Zeigt mir einen Richelieu, oder nur einen schlauen, geschminkten Mazarin und ich werde Legationsrat. In Papier spekulieren? Pfui! Ich bin ja kein Jude. Den Tiefdenker machen, das Original, den Sonderling, den Unglücklichen? Abgebraucht. Was bleibt übrig? Lügen, Flirren, Flausen produzieren. Ein Lügner war ich, ein Lügner bin ich, ein Lügner will ich sein! Ich habe auf Tollheiten spekuliert, das ist das höchste und nobelste Hasardspiel, was es gibt. Lucian ist mein Evangelium und Ebu Seid von Serug mein Herr und Meister!
Und da ich ein solcher bin, wie können Sie, mein Herr, sich herausnehmen, mir so unhöflich zu begegnen?"
"Was!" rief der Schriftsteller Immermann, "du empörst dich, geschöpf, wider deinen Schöpfer?"
"Alter Freund", versetzte der Freiherr mit ruhiger Hoheit, "Ihr seid nicht der Mann, einen Mann wie mich zu schaffen. Ihr habt einige meiner Abenteuer aufgeschrieben und demnach ein Stück meiner Biographie geliefert, das ist das Ganze, und wer weiss noch, ob mir und meinem Rufe damit sehr gedient gewesen ist, denn Ihr habt wenig Kredit in der Literatur. Ihr besorgt mir die Flaschen mit der Hühneraugenessenz an den Oberkammerherrn, und wollt mir durch dieses und andere Mittel mein sicheres Brot bei dem Erbprinzen von Dünkelblasenheim verschaffen. Ob ich Euch dafür zu danken habe, weiss ich erstlich noch gar nicht, denn vielleicht sagt mir die gebundene Lage nicht zu. Wäre das aber auch, so sind jene Dienste kleine Gefälligkeiten, die ich Euch dadurch reichlich vergütet habe, dass ich Euch erlaubte, aus mir ein Buch zu machen."
"Sie behaupten also im vollen Ernste, ein selbständiger Charakter zu sein?" fragte der Schriftsteller befremdet.
"Freilich. Ich weiss gar nicht, wie Sie mir vorkommen. Nehmen Sie sich nur in acht, dass Sie nicht ganz gegen mich verschwinden, dass Sie nicht für eine Erfindung von mir gelten. Was hätten Sie mir geben oder leihen können? – Sie sind kein Genie –"
"Nein", versetzte der andere ohne alle Ironie oder Empfindlichkeit.
"Sie sind höchstens ein Talent, doch sind Sie auch das nicht, sondern nur ein Nachahmer. Sie ahmten immer nach, erst Shakespeare, dann Schiller, zuletzt Goete. In Ihren arbeiten ist mehr Witz, Phantasie, Reichtum als in denen der andern, die Ideen strömen Ihnen aus ergiebigeren Quellen zu als den andern, aber Sie sind ein mittelmässiger Kopf und ein seichter Geist. Adel und Hoheit der Weltanschauung kann man Ihnen nicht absprechen, wenn Sie nur nicht so trivial wären. Sie haben einige Figuren