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, als er die beiden Wappenlöwen erreicht hatte. Da die Absicht der gegenwärtigen Geschichten nicht sein kann, den Leser beizeiten über jenen Fremden zu unterrichten ...

Brief des Herausgebers an den Buchbinder

Hiebei, lieber Herr Buchbinder, Manuskript des "Münchhausen", soweit ich geschrieben habe. Nicht wahr, hier wäre wieder so ein Ort, über den Braunen eine ungemeine Spannung zu stiften? Geheimnisvoll ... dunkel ... Andeutungen usw. Sie verstehen mich. Ich wollte doch aber nicht ohne Ihren Rat verfahren. Der ich mit aller achtung usw.

Antwort des Buchbinders

Ew. Wohlgeboren! Beileibe jetzt keine Spannung mehr. Spannung genug durch Semilasso, den Jäger, die drei Unbefriedigten, den Ehinger Spitzenmann und den alten Herrn Baron, der zum Bürgermeister läuft. Zuviel Spannung überspannt; die Leser möchten Ihnen am Ende gar abgespannt werden. Nein, jetzt durch eine tüchtige Entdeckung Effekt gemacht, je unerwarteter, desto besser. Mit besonderer Hochachtung usw.

Fortsetzung der Erzählung

Da die Absicht der gegenwärtigen Geschichten nur sein kann, den Leser beizeiten über jenen Fremden zu unterrichten, indem die Folter längst abgeschafft ist und nur noch in englischen Romanen durch dreibändelange Spannung missbräuchlicherweise angewendet wird, so ist hier zu sagen, dass der korpulente Mann im braunen Oberrock niemand anders als der bekannte Schriftsteller Immermann war.

Er befand sich auf einer seiner jährlichen Ferienreisen, während welcher die eine Hälfte seiner Düsseldorfer Freunde ihn da, die andere dort versorgt. Er kommt aber immer wieder nach Düsseldorf zurück, weil – – – –

So kommt er denn immer wieder von diesen Kreuzund Querzügen durch Deutschland zurück, nachdem er durch Berge, Täler, Höhlen und Klüfte, Hütten, Paläste, Kirchen und Gräber geschweift ist, ein weltdurstiger und weltfroher Odysseus, den keine Kalypso zurückzuhalten für gut fand.

Gegenwärtig befand er sich auf einer Wanderung nach den Extersteinen, die er noch nicht gesehen hatte. In der Nähe der Stadt, worin der Diakonus wohnt, bog er jedoch von der geraden Strasse ab, um den Helden dieser Geschichten aufzusuchen, mit welchem er wirklich Beziehungen der eigensten Art hatte, und dem er wichtige Mitteilungen machen wollte, entscheidende Mitteilungen für seines Schützlinges Geschick. Denn in diesem Verhältnisse stand Münchhausen zu Immermann. Immermann übte eine Art von Kuratel über den Freiherrn aus.

Sechstes Kapitel

Der bekannte Schriftsteller Immermann führt eine

sehr ernste Unterredung mit dem Freiherrn von

Münchhausen. Karlos der Schmetterling entschliesst sich, bewogen durch den Anblick eines Sauerbratens

und die Zuredungen seiner Geliebten, endlich die

Maske abzuwerfen

Der Schriftsteller lief, als er den Schlosshof erreicht hatte, gerade auf das Haus zu, indem er fortwährend für sich murmelte: "Hätte ich ihn nur erst aus dieser Klemme! Sich so zu verfahren und zu versteigen, gerade in dem Augenblicke, wo ich ihm ein anständiges und sicheres Brot verschaffen kann! Wenn sie mein Wort nur gelten lassen!" – Er drückte an der Klinke der tür. Da sie sich aber so nicht öffnen lassen wollte, so stemmte er sich mit der ganzen Gewalt seiner Schultern gegen sie, und da ihn die natur mit einer ziemlichen Leibeskraft ausgestattet hatte, gelang ihm, was Semilasson und den drei Unbefriedigten so wenig, als dem Jäger möglich gewesen war. Die morsche tür wich nämlich aus den Angeln, einige innen vorgesetzte Tonnen und Kisten fielen um, die tür fiel auf sie und in das Innere des Flurs, der Schriftsteller fiel auf die tür, wenigstens halb, und solchergestalt, fast mit der tür in das Haus fallend, eröffnete er gewaltsam den Zugang zu dem schloss SchnickSchnack-Schnurr, dessen Inneres ohne seine Dazwischenkunft vielleicht lange unzugänglich geblieben wäre. Einen Augenblick sich erholend und im Flure stehenbleibend hörte er oben das heftige Schnarchen. – "Der Schäker! Was hat er nun da vor!" rief der Schriftsteller lachend und eilte die Treppe hinauf. In Münchhausens Zimmer standen mehrere Fläschchen und Gläserchen mit den seltsamschillernden Feuchtigkeiten, deren schon einmal Erwähnung geschehen ist, gefüllt, auf dem Tische. Der Inhalt war hin und wieder verschüttet und ein scharfer mineralischer Dunst würzte die Luft. Nahe bei dem Tische schlief aber der Freiherr auf einem stuhl, das Haupt zur Seite hängend, den festesten und gesundesten Schlaf, obgleich der Apparat auf dem Tische anzudeuten schien, dass er noch wenige Minuten zuvor gewacht haben müsse. Ganz überaus schnarchte er und lächelte wirklich, wie Karl Buttervogel gesagt hatte, gleich einem Engel in seinem Schlummer. Der Schriftsteller überblickte einige Augenblicke schweigend und ironisch schmunzelnd den Schläfer und die chemischen Zurüstungen, dann setzte er seine Brille auf, wie er immer vor wichtigen Momenten zu tun pflegt, schlich sich auf den Zehen zu dem Freiherrn, schlug ihm auf die Schulter und flüsterte ihm in das Ohr: "Keine Verstellung gegen mich, alter Freund!"

Das hangende Haupt des Freiherrn fuhr rasch empor, so dass er gegen die Nase des Schriftstellers anstiess und die Brille aus ihrer richtigen Stellung brachte, die Augen Münchhausens öffneten sich weit, starrten mit dem Ausdrucke eines unglaublich freudigen Erstaunens den Besuch an und schienen zu sagen: Nun, das muss wahr sein, wenn die Not am höchsten, ist die hülfe am nächsten. Er blieb aber sprachlos.

Der Schriftsteller nahm die Brille ab, wischte die Gläser mit seinem Taschentuche rein und rief dann mit der Brille in der Hand lebhaft gestikulierend, dem Freiherrn zu: "Nun sagt mir, Erzkauz und Herzog der Phantasterei, Marquis von Traumland und König aller modernen Zigeuner und Bettelstudenten –" " .