1836_Immermann_045_205.txt

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In diesem Augenblicke ging der alte Baron rasch an dem Gefähr vorüber. Er war so verdriesslich, dass ihm selbst der fremdartige Anblick des Fahrzeuges keinen blick abnötigte, er stieg vielmehr, ohne sich umzusehen, die Schlossstrasse empor. – "Landsmann", rief der Ehinger, der alle Völker der Erde für seine Kompatrioten hielt, dem Alten nach, "Euer Laufen hilft Euch nit, Ihr kommt oben nit ein, die Zugäng' sind verbollwerkt." – Der Baron wandte sich um, fragte, was das bedeuten sollte? und erfuhr zu seinem grössten Ärger, was wir schon wissen.

"Nein!" rief der alte Baron knirschend vor Zorn, "was zu arg ist, ist zu arg! Ich füttere den Hasenfuss, er verrückt uns allen die Köpfe und zum Beschluss und zur Krönung der Schandtaten treibt er die rechtmässigen Eigentümer aus dem haus und setzt sich darin fest. Das ist offenbare Gewalt, Friedensbruch und Beschädigung mit gemeiner Gefahr, und auf der Stelle laufe ich zum Bürgermeister, denn jetzt, jetzt tut Polizeihülfe not." – Mit einer Schnelligkeit, die man seinem Alter nicht hätte zutrauen sollen, lief der Schlossherr zurück und bog in den Weg, der nach dem dorf führte, worin der Bürgermeister wohnte.

Als er aber rasch um eine Hecke schwenkte und nichts im Sinn und Auge hatte, als den ihm nun so verhasst gewordenen Duzbruder, rannte er heftig mit einem andern zusammen. Dieser andere war ein Mann, der in entgegengesetzter Richtung dahergeschritten kam und wegen seiner Kurzsichtigkeit oder aus Zerstreuung auf den alten Baron nicht geachtet hatte. Da er auch sehr rasch ging, so war das Zusammenprallen, wie gesagt, ein heftiges, der Schlossherr verlor seine Seehundskappe vom haupt, der Mann im braunen Oberrock (denn einen solchen trug der zweite) den Strohhut. Nachdem beide ihre Kopfbedekkungen aufgerafft hatten, machten sie einander gegenseitige Entschuldigungen, denen der im braunen Oberrock die ironische Bemerkung hinzufügte, dass diese Art Bekanntschaften zu knüpfen die glücklichste sei, weil sie mit dem Gefühle beginne, dass einer dem anderen etwas nachzusehen habe, der erste Moment derselben daher sich von aller Überspannung in den Erwartungen fernhalte.

"Mit wem habe ich die Ehre ...?" fragte der alte Baron.

"Ach", versetzte der im braunen Oberrock, "lassen wir meinen Namen unausgesprochen! – Durch eine seltsame Laune des Schicksals, deren es mehrere an mir übte, ist mir auch ein Name zuteil geworden, der mehr versprach, als meine geringe Persönlichkeit zu halten imstande gewesen ist. Aber vergönnen Sie mir dagegen eine Frage: Wissen Sie nicht, ob sich ein gewisser Freiherr von Münchhausen hier herum in der Nähe aufhält?"

Der alte Baron sah den Fremden gross an. "Haben Sie auch durch ihn gelitten? Können Sie mir irgendeinen haltbaren Verdacht wider ihn liefern, mittelst welches ich ihn vor die Gerichte bringe?" fragte er darauf mit Eifer.

"Mein Herr", versetzte der andere, "was denken Sie von mir? Ich habe mit diesem Freiherrn von Münchhausen ganz eigene und zarte Beziehungen, die mir die Lippen über ihn versiegeln würden, selbst wenn ich etwas Schlechtes von ihm wüsste. – Sonach kann ich nur meine Frage wiederholen: Hält sich dieser Mann hier in der Nähe auf?"

"In meinem schloss sitzt der Spitzbube und hat sich verbarrikadiert!" rief der alte Baron. "Dort geht die Strasse hinauf, und ich bin in diesem Augenblicke auf dem Wege, die Polizei wider ihn zu hülfe zu rufen." – Er lief eilig seine Strasse nach dem dorf weiter.

"Halten Sie an!" rief der Fremde mit starker stimme dem Davoneilenden nach. "Der Freiherr ist zwar ein grosser Schalk, gehört aber doch nicht in die Kategorie der Spitzbuben und ist über die Angriffe der Polizei erhaben." – Der alte Baron hörte aber nicht auf ihn, sondern rannte spornstreichs seinen Weg. – "O der Unselige, in welche Verwickelungen hat er sich gebracht!" sagte der Fremde. – "Ich muss sehen, wie ich ihn rette", setzte er murmelnd hinzu und lief die Schlossstrasse hinauf.

Denn auch er lief mehr als er ging, was einen ziemlichen Kontrast mit seiner Figur abgab, die man schon zu den korpulenten zählen konnte. Es war ein breitschulteriger untersetzter Mann, dieser Fremde im braunen Oberrock, der seinen Wanderstock bei jedem Schritte mit Energie auf die Erde stiess. Er besass eine grosse Nase, eine markierte Stirn, deren Protuberanzen jedoch mehr Charakter als Talent anzeigten und einen feingespaltenen Mund, um den sich ironische Falten wie junge spielende Schlangen gelagert hatten, die jedoch nicht zu den giftigen gehörten. Seine Augen wurden in den Reisepässen gewöhnlich als graue bezeichnet. Sie lagen auch wirklich wie hellgraue Perlhühner in ihren Höhlen unter Brauen eingewühlt, die trockenem gelbbräunlichem Reisig glichen. Mehrere Damen seiner Bekanntschaft aber, die ihm wohlwollten, behaupteten, diese Augen hätten einen angenehmen blauen Ausdruck, und seit der Zeit glaubte er selbst an ihre Bläue. Nicht allein in dem Antlitze dieses Mannes, der nach seinem Habitus ein Vierziger zu sein schien, sondern überhaupt in seinem gesamten Wesen war eine eigene Mischung von Stärke, selbst Schroffheit, mit Weichheit, die hin und wieder in das Weichliche überging, sichtbar.

"Es wäre ja traurig, wenn dieser merkwürdige Charakter in einem elenden Abenteuer umkäme, man muss sehen, man muss sehen ..." flüsterte der braune korpulente Laufende