. Es liegt mir jetzt alles daran, allein im schloss zu sein, aus dem mich der Alte forttreiben will. Locke daher das fräulein ins Freie –"
"Das wird nicht nötig sein", fiel Karl Buttervogel ein, "denn sie hat sich selber schon, ganz blümerant aufgetakelt, ins Freie gelockt, ich habe sie eben mit einem grossen Dinge unter der Schürze nach meinem Schneckenberge gehen sehen."
"Gut, das halbe Werk ist sonach getan. Locke denn also noch den Alten ins Freie."
"Ich will so tun, als ginge ich nach der Stadt in die Apoteke für Sie, um wieder Spezies zu holen fürs chemische Schmieren, und wenn ich an ihm im haus vorbeigehe, so will ich munkeln: 'Ja, wenn ich sprechen dürfte' – so wird er mir nachgegangen kommen, um mich auszufragen."
"Tue das, Karl, mache mir das Schloss rein von allem lästigen Personal, ich will daraus eine Festung für mich schaffen", sprach der Freiherr von Münchhausen mit seiner ganzen ihm so eigentümlichen Würde. Auf dem Vogelherde sass also, verlockt von dem scheinbaren Stadtgange des Bedienten, der alte Baron, während Emerentia dieses nämlichen Bedienten, der für sie kein Bedienter war, mit einem leckeren Gerichte am Schneckenberge harrte. Der Schlossherr hatte seinen Plan entworfen. So geradezu jemand aus dem schloss zu bringen, der sich darauf versteift zu haben schien, bei ihm neun Monate, drei Tage und achtzehn Stunden mit den Wachpausen für Essen und Trinken abzuschlafen, konnte misslich erscheinen. Der alte Baron wünschte daher nichts mehr, als irgendeinen Umstand zu erkunden, welcher ihn allenfalls berechtigte, die öffentliche Macht gegen den Propheten anzurufen, der ihm nun wie ein Tagedieb vorkam. Einen solchen Umstand hoffte er von dem Bedienten Karl Buttervogel herauszubringen, denn das Wort "Munkel" und die beständige Erwähnung von ungeheuren Geheimnissen, welche um die Persönlichkeit des Freiherrn nebelten, deutete nach seiner Meinung offenbar auf Verschuldungen oder wenigstens auf Verwickelungen hin, die ihm den Arm der Polizei, so hoffte er, wider den chronischen Schläfer willfährig machen sollten.
Er hatte sich mit diesen Gedanken unter eine Vogelbeerstaude gesetzt und überlegte die Mittel, mit denen er Karl Buttervogeln plaudern machen wollte. Der Mensch hatte ihn immer so freundlich und gerührt, wir wissen weshalb? seiter angesehen, dass er hoffte, auf sein Gefühl wirken und seinen Mund durch Liebe und Dankbarkeit aufschliessen zu können. Er nahm sich daher vor, ihn auf bewegliche Weise zu bewegen.
Karl sass indessen, um seinen Stadtgang glaublich zu machen, eine halbe Stunde vom Vogelherde in einem Kruge und vertrank einen teil des Lohnes, den ihm die diplomatischen Missverständnisse zwischen dem fräulein und seinem Herrn gespendet hatten. Dem alten Baron wurde darüber die Zeit lang und da er an seiner Kriegslist nichts mehr zu denken fand, so nahmen seine Vorstellungen eine andere Richtung, welche folgendes Selbstgespräch offenbarte.
"Ich habe mich resigniert", sagte er. "Der heutige Tag zeigt mir meine Lage im wahren Lichte. Münchhausen erscheint mir als das, was er ist, als ein grosser Frevler. Vielleicht ist er der Vater von Kaspar Hauser. Möglich auch, dass er ein berüchtigter Giftmischer ist wegen der beständigen chemischen Experimente. Auf jeden Fall ein Mann, dem zu vertrauen bedenklich sein muss. Ein unnatürlicher Charakter, abnorm in jeder Beziehung. Welcher Mensch ausser ihm, sammelt Schlaf von seiner Jugendzeit auf für neun Monate, drei Tage, achtzehn Stunden. Es ist zwar eine Klage manches Schulmanns, wie ich gelesen habe, dass auch die jetzt gar zu sehr angestrengte Jugend nachher schläfrig werde, aber dann schlafen sie mit offenen Augen, die Jungens werden rein dumm vom vielen Lernen, natürlichen Nachschlaf kriegen sie aber deshalb nicht. Dieser Nachschlaf ist folglich wieder ganz eine Veranstaltung à la Münchhausen.
Ich traue ihm nicht mehr. Seit heute verlasse ich mich auf meine gesunden Sinne und nicht auf Flirren und Flausen. Luft ist Luft und wird mein Tage nicht Stein. Das ganze Projekt ist Windbeutelei und die Luftverdichtungsaktienkompanie nicht so viel wert."
Der alte Baron blies bei den letzten Worten über seine flache Hand hin, senkte dann tiefsinnig das Haupt und sprach nach einer Pause: "wunderbar! – Wie demjenigen, der eine grosse Wahrheit entdeckt, zugleich viele andere Wahrheiten mit einem Schlage aufzugehen pflegen, so zerstört die Zerstörung eines grossen Irrtums auch seine Nachbarn. Seit ich nicht mehr an versteinerte Luft glaube, bin ich auch misstrauisch geworden über die Rückkehr der alten Verhältnisse und meinen Eintritt in das höchste Gericht als geborener Geheimer Rat. Es ist zuviel Gras darüberhin gewachsen, meine Tage sind gezählt; ich erlebe es nicht mehr, das fühle ich wohl.
Und so wäre ich denn ein armer, alter, zerbrochener, abgebrauchter Mann? – Nein! Mitnichten. Schon regen sich neue Gedanken in mir, die jugendliche Kräfte aufwecken. Das ist eben der wunderbare Segen der Gegenwart, dass niemand untergehen kann, der sich mit rüstigem Arm und beherzter Brust in ihre Fluten wirft. Erlischt hier ein Licht, so flammt es da wieder auf, die unendliche Mannigfaltigkeit der Mittel, Gedanken und Anregungen macht jede welkende Hoffnung zu einem Phönix, der sich zwar bestattet, aber aus dem Feuergrabe immer wieder auflebt.
Ich habe schon wieder Aussicht, Mut, eine Zukunft. Ich glaube nicht mehr an den geborenen Geheimen Rat, ich glaube nicht mehr an die Luftverdichtungskompanie; ade Syndikat! Ade ihr sechsmalhunderttausend Luftsteine, mit denen ich