1836_Immermann_045_201.txt

der Schnarcher an Schlummer bankerott machen. Schon tue ich die Nacht kein Auge zu. – Der Henker hole die Stunde, in welcher der Sünder in unsere Mitte geschleudert wurde!"

Er stieg die Treppe hinab und fand unten auf dem Vorsaale Emerentien, welche wieder beginnen wollte zu singen. – "Lass nur das Geplärr!" fuhr sie der Vater an, "Sankt Ursel mit den eilftausend Jungfrauen sänge den nicht auf." – "Verachten wir ihn, mein Vater", erwiderte Emerentia, "und lassen wir ihn sich der Vergessenheit entgegenschlummern!" – "Ich kann doch den Schlummerbalg nicht immer im haus behalten und ihn unnütz füttern!" fuhr der alte Baron auf.

"Wenn er nur wenigstens die Essstunden auch verschlummerte! Aber zum Frühstück, Mittags- und Nachtmahl ist er regelmässig wach! Folglich darf ich ihn nicht verachten. Verachten kann man nur den, der einen nicht inkommodiert. Und Münchhausen ist mir jetzt zur grössten Beschwer und ich würde den für meinen besten Freund halten, der mir diesen Gast vom Halse schaffte."

Er ging in das Zimmer des Freiherrn. Dieser sass auf seinem stuhl und das Haupt hing ihm auf die Brust hinab. Er schlief fest und tief. Der alte Baron nahm eine Feder, setzte sich vor ihn, kitzelte ihn mit der Feder um den Mund und rief;

"Münchhausen, wach auf!"

Einer kitzelnden Feder musste selbst der beharrliche Schlummer des Freiherrn weichen. Er kratzte sich an der gekitzelten Stelle, riss die Augen weit auf, sah seinen Wirt wüst an und fragte dann matt und verdrossen: "Was willst du, Schnuck? Warum lässest du mich nicht in Ruhe?"

"Ich wünschte von dir zu erfahren, wie lange du hier noch zu schlafen gedenkst?" sagte der alte Baron sehr ernst.

"Ich wünschte, dass du mich lieber fragtest, woher dieser chronische Schlummer rührt?" versetzte in gedehntem Tone der Freiherr.

"Ich wünschte allerdings, dass du auch darüber mir eine Aufklärung geben möchtest", sprach der alte Baron.

"Ich wünschte, dass du dich an meine Jugendbildungsgeschichte erinnertest, die ich dir einst vortrug", versetzte der Freiherr, schon wieder lallend und nur noch das braune Auge offenhaltend; denn das blaue war ihm bereits von neuem zugefallen. – "Habe ich dir nicht erzählt, dass mein sogenannter Vater mich in so vielen Sprachen und Wissenschaften unterrichtete, dass an gewöhnlichen, ausreichenden Schlummer damals nicht zu denken war? Es blieb also in meiner Jugend aller Schlaf, welchen andere Menschen zu der Zeit abmachen und entwickeln, in mir unabgemacht und unentwickelt stecken. Dieser versetzte und zurückgehaltene Schlaf bricht nun jetzt in meinen Mannesjahren aus, er entfaltet sich unaufhaltsam und wird nicht eher zu Ende sein, als bis ich nachgeholt habe, was ich in der Jugend versäumte. Dieses ist die natürliche Erklärung meines gegenwärtigen Zustandes, über den mich ein Traum inspirierte."

"Wohl. Wer mit dir verkehrt, muss sich immer auf Wunderdinge gefasst halten. Kalt will ich also bei dieser inspirierten Ankündigung bleiben, ganz kalt, und dich nur in aller Seelenruhe fragen: Wie lange dauerte jener anstrengende Jugendunterricht, und wieviel weniger als andere Menschen schliefest du während desselben?"

"drei Jahre. Mässig angeschlagen, büsste ich Nacht für Nacht sechs Stunden Schlummer ein", erwiderte der Freiherr kaum hörbar und träumerisch das Haupt hin und her wiegend.

Der alte Baron schob seinen Stuhl an den Tisch, nahm ein Stück Kreide, welches dort lag, und rechnete auf dem Tische. Nachdem er den Strich unter den Zahlen gezogen hatte, sagte er: "Vorausgesetzt, dass unter jenen drei Jahren kein Schaltjahr war, so hast du während derselben sechstausendfünfhundertundsiebenzig Stunden Schlafdefizit gehabt und würdest folglich neun Monate, drei Tage und achtzehn Stunden jetzt bei mir nachschlummern müssen. Wie?"

Er wendete sich um, da er keine Antwort bekam und sah, dass der chronische Zustand seines Gastes schon wieder eingetreten war. – Stolz erhob er sich und rief: "Keine Rücksicht der Gastfreundschaft und Höflichkeit kann mich verpflichten, einen Menschen neun Monate, drei Tage und achtzehn Stunden bei mir schlafen zu lassen. Ich habe an dir gehandelt, wie ein Kavalier sich gegen den anderen benehmen soll, die Geduld ist aber nun erschöpft, undhöre es oder höre es nichtich kündige dir hiemit Krieg und Fehde an. Darunter verstehe ich, dass ich dich aus dem schloss zu bringen wissen werde, in dem du nichts als Unheil und Verwirrung gestiftet hast."

Nach dem Abgange des Schlossherrn öffnete Münchhausen die Augen und sagte zu Karl Buttervogel, der ein stummer Zeuge dieser Szene gewesen war: "Karl, willst du mir treu bleiben?" – "O mein gnädiger Herr", rief Karl Buttervogel, "wie könnte ich es wohl über das Herz bringen, Ihnen untreu zu werden, da Sie mir soeben noch vor kurzem meinen vollen Lohn gegeben haben, zwölf Gulden vierundzwanzig Kreuzer. Nein, wenn der Mensch Geld kriegt, so muss er treu sein, wie ein Hund, und Häuser muss man auf ihn bauen können, und so lange wie der letzte Kreuzer vorhält, muss er an seinem Herrn halten, denn dafür ist er Bedienter, und ein Bedienter, der seinen Herrn verrät, der ihn ordentlich bezahlt, ist kein Bedienter nicht, sondern ein Schuft."

"Schweige!" rief Münchhausen. "Rede nicht, sondern handle, Buttervogel