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bin ich, hart will ich sein, steinhart wie Luftstein. Wisch dir die Tränen von der Nase, sie erweichen mich nicht. Du hast mir den Geheimen Rat verleidet und die tröstlichen Gedanken an das höchste Gericht durch dein Luftprojekt, du Luftspringer! Die Ruhe meines Alters hast du vergiftet. Nun sind zwei Fälle möglich. Entweder kannst du Luft versteinern oder du hast mir's vorgelogen. Im ersten Falle soll dir alles vergeben sein, ich werde Syndikus, kriege für sechstausend Taler Fabrikat jährlich und damit basta. Hast du mir's aber vorgelogen, so wollte ich dich ersuchen, dich an deine vielfachen anderweitigen Verbindungen in der Welt zu erinnern, die sich gewiss schon lange nach dir sehnen und dir es übelnehmen würden, wenn du länger dein Pfund in diesem abgelegenen schloss vergraben wolltest. – Hierüber sehe ich morgen deiner bestimmten Erklärung ohne alle Einkleidungen, Geschichten und Carmina entgegen."

Mit diesen unzweideutigen Worten trennte sich der Wirt von seinem gast. Letzterer blieb im Zimmer stehen, legte die Hand an seine Stirn und sagte nach tiefem Besinnen: "Behaupten muss ich mich noch eine Zeitlang hier, es geht nicht ohne dieses. Ich muss ihn erwarten hier, ihn, meinen Freund, meinen Kurator. Kann ich mich nicht durch Worte und Tränen halten, so muss ich es durch den Zustand des Epimenides versuchen." – Er ging auf sein Zimmer und legte sich augenblicklich nieder.

Am folgenden Vormittage um elf Uhr fragte der alte Baron Karl Buttervogeln, der von des Freiherrn Gemache herabkam: "Ist Sein Herr noch nicht aufgestanden?" – "Nein", versetzte Karl, "er schnarcht, dass es nur so eine Art hat, wenn das so fortgeht, kann es lange dauern." – Der Schlossherr stellte sich vor das Zimmer seines Gastes und hörte wirklich ein ungemein kräftiges Schnarrwerk da drinnen.

Um ein Uhr bei Tische, wo sich nur Vater und Tochter zusammenfanden, warf Emerentia nachlässig die Worte hin: "Dieser Mensch scheint uns heute zu verschmähen." – Karl wurde berufen, hinaufgesandt und brachte den Bescheid, der gnädige Herr habe sich eben so weit ermuntert, um allenfalls etwas Suppe und Gemüse zu sich nehmen zu können, wenn man die Güte haben wollte, ihm davon zu senden. – Emerentia gab dem Bedienten das verlangte, der alte Baron liess hinaufbestellen, er bitte, dass der Freiherr aufstehe. Nach einiger Zeit kam Karl mit den leeren Tellern zurück und sagte: "Mit dem letzten Bissen im mund wieder auf die linke Seite gefallen und weiter geschnarcht." – "Zum Henker, was bedeutet das?" rief der Schlossherr. – Um vier Uhr nachmittags ging er, da kein Münchhausen sichtbar wurde, selbst hinauf. Münchhausen schlief. Der alte Baron rief ihn an, rüttelte ihn, schüttelte ihn, Münchhausen richtete sich etwas auf, sah ihn schlaftrunken an, lallte mit schwerer Zunge: "Warum weckst du mich?" und fiel auf den rücken. Um sechs Uhr, um acht Uhr abends hatten gleiche Weckversuche die gleichen Erfolge, oder vielmehr Nichterfolge. Münchhausen schlief.

Der erste Tag war sonach verschlafen. Am andern nahm der alte Baron allerhand lärmende Geschäfte vor, er brachte z.B. schweres Gerät und Möbelwerk von der Gerichtsstube herab und hatte dessen kein sonderlich Arg, wenn ein Stück donnernd gegen Münchhausens Stubentüre flog. "Denn", brummte er ingrimmig, "ich will diesen verruchten Kerl denn doch wohl wachkriegen!" Alles vergebens. Münchhausen schlief auch den zweiten Tag hindurch mit Ausnahme kurzer Esspausen. Karl Buttervogel berichtete, sein Herr sei zwar aufgestanden und habe sich angekleidet, aber immer mit halbgeschlossenen Augen und mit Gähnen. Sobald er das letzte Stück angezogen gehabt, sei er wieder in einen Stuhl gesunken und sitzend eingeschlafen.

Am dritten Tage schnarchte Münchhausen stärker, als je zuvor. Der alte Baron, der die ganze Nacht schlummerlos zugebracht hatte, sass bekümmert auf der Gerichtsstube. Emerentia sang unten im haus auf Befehl ihres Vaters. Denn dieser meinte, was sein Rütteln und Rumoren nicht zuwege gebracht, werde der helle und durchdringende Gesang der Tochter bewirken. Als sie ihre besten Gänge und Kadenzen von sich gegeben hatte und eine Pause entstand, stellte sich der Schlossherr an die Söllertreppe und rief hinunter: "Karl!" – Karl Buttervogel trat aus des Freiherrn Dormitorium. "Ist er wach?" fragte der alte Baron. – "Ich hab' mir die Ohren zugehalten, denn ich bin kitzlig gegen Musik", versetzte der Bediente, "mein gnädiger Herr aber legten sich auf die andere Seite und lächelten im Schlaf wie ein Engel. Jetzt eben verlangen sie mit zugemachten Augen Waschwasser, werden also wohl aufstehen wollen, um sich dann zum Schlummer niederzusetzen. Glauben mir der Herr Baron, Sie treiben es mit meinem Herrn nicht durch, was der sich vornimmt, das führt er aus, wachend oder schlafend."

Zornig lief der alte Baron in die Gerichtsstube zurück, rannte mit grossen Schritten auf ihr hin und her, stiess an den Tisch, dass ein teil der aufgestellten juristischen Handbibliotek herabfiel und polterte: "Da habe ich mir einen schönen Störenfried und eine wakkere Rute Gottes in das Haus geladen! Das ist nun der Gipfel des Unglücks! Ich sehe es kommen! Ich sehe es kommen! Dieser Mensch schläft uns allen Schlaf weg in und um Schnick-Schnack-Schnurr! Wie ein starker Fresser eine ganze Wirtschaft auszehren kann, so wird uns