, fuhr er nach einigem Besinnen fort. "Wer sollte auch davon nicht gehört haben!"
"Apapurincasiquinitschchiquisaqua", flüsterte das fräulein schwärmerisch vor sich hin.
"Dieser Indianerstamm", sagte der Freiherr, "wohnt dreiundsechzigdreiviertel Meilen südlich vom Äquator auf einem Bergplateau zweitausendfünfhundert Fuss über der Meeresfläche. Von den schneeichten Piks der Cordilleras rings geschützt, leben jene Menschen ein einfaches Ur- und Naturleben hin. Nie suchte die Habsucht und Grausamkeit der Konquistadoren sie hinter ihren beschirmenden Felsenwällen heim. Bäume gibt es nicht auf Apapurincasiquinitschchiquisaqua wegen seiner hohen Lage, aber unendliche Flächen dehnen sich an den sonnebeschienenen Abhängen der Piks aus, smaragdgrün von einer Grasart, in deren breiten, fächerartigen Blättern der Westwind, welcher da beständig weht, ein melodisches Säuseln zu erwecken nicht müde wird. Zahlreiche Herden von pfirsichblütenen Kühen und Stieren (so lieblich scherzt dort die natur in Farben), weiden in den grünen Grasweiden; die feurigen Kälber sind goldgelb, erst nach und nach nehmen sie jenen kälteren Farbenton an. Dieses Rindvieh ist der einzige Reichtum der unschuldigen Apapurincasiquinitschchisaquaner. Sie leben fast nur von der sauren oder sogenannten Schlippermilch, welche ihre schönen Jungfrauen, vom Antlitz bis zu den Fussknöcheln tätowiert, mit den feinen, rot- und gelbbemalten Fingern den strotzenden Eutern der Kühe entziehn."
"Ihr himmlischen Mächte, wie reizend!" sagte das fräulein, in Gefühl schwelgend.
"Das heisst", erinnerte der Baron, und rieb sich die Stirn, "aus den Eutern gewinnen sie süsse Milch, und nachher machen sie den sauren Schlipper daraus."
"Nein!" antwortete der Freiherr. "Der saure Schlipper kommt auf jenem glücklichen Bergplateau von der Kuh, und nur, wenn er lange gestanden hat, und dem Zustande der Verdernis sich nähert, dann geht er in Süssigkeit über."
"Hm! Hm! Hm! Ja ... aber – –" murmelte der Alte und schüttelte den Kopf.
"Erstaunen Sie nicht, hören Sie mich ruhig aus. Ist nicht alles Ursprüngliche sauer? Wie schmeckt die wilde und unverbildete Kastanie? Kannst du in den jugendgrünen Apfel beissen, ohne das Gesicht verzerren zu müssen, oder in die kindliche harte Pflaume? geben Trauben, die der buhlerische Strahl der Sonne noch nicht um ihre Unschuld betrog, etwas anderes, als Essig? Pindar singt: 'Das Fürnehmste ist wasser'; ich aber sage: Das Ursprüngliche ist sauer."
"Oh, das Ursprüngliche!" seufzte Emerentia.
"Sauer ist daher die Milch jener Naturkühe. Alle Haustiere verlieren bekanntlich durch den Umgang mit Menschen viel von ihrer ursprünglichen Ausstattung; Hund und Katze, die in der Wildnis zottige, energische Bestien sind, werden in unsern Stuben kleine glatte Schmeichler, und so gibt denn auch unser Hornvieh, weil es in alle Widersprüche abschwächender Kultur mit einging, einen Saft, von welchem wir zwar glauben, er sei das Ergebnis unverstimmter Kräfte, welcher aber gleichwohl in seiner süssen Schlaffheit nur die herabgekommne Konstitution der zahmen oder Kunstkuh anzeigt. Erst wenn diese sogenannte süsse, eigentlich aber entnervte Milch eine Zeitlang gestanden hat, besinnt sie sich wieder auf ihre verscherzte Ursprünglichkeit, fährt in Reue und Scham zu den klaren Molken und dem gehaltvollen Schlipper auseinander, den die Leute in Niedersachsen auch wohl Waddicke nennen, und nun, in diesem biedern Zustande, wird sie von allen reinen Seelen in der holden Einsamkeit eines bäuerlichen Düngerhofes mit Wollust verschlürft. Aber Reue ist keine Unschuld, und unsre Schlippermilch nicht die, welche auf den Höhen von Apapurincasiquinitschchiquisaqua warm von der Kuh gezogen wird. – O tränke wieder jeder deutsche Mann saure Milch ..."
"Und rauchte dazu seine Pfeife Tobak ..." fiel der alte Baron mit Wärme ein.
" ... ginge dann zwischen Gemüsebeeten auf und nieder spazieren! ..." rief der Freiherr.
"Und hörte nichts, als: 'Alle neun!' oder 'Sandhase!' von der benachbarten Kegelbahn" – seufzte der alte Baron.
"Dann wäre Germanien wahrhaft restauriert!" schloss der Gast mit Emphase.
"Aber um der Götter willen", rief ein hagrer Mann, welcher während dieser gespräche eingetreten war, "wir erfahren ja noch immer das Wort der Wahrheit nicht, wodurch Ihr Ahnherr dreihundert Menschen vom Leben zum tod brachte!"
Der Freiherr sah auf seine Uhr, und sagte mit dem Tone geistiger Überlegenheit, welcher ihm eigen war: "Es möchte dazu heute zu spät sein. Auf morgen also, wenn Sie vergönnen." Er stand auf, nahm eine Kerze, und verliess, allen eine gute Nacht wünschend, das Zimmer.
"Warum fielt Ihr ihm in die Rede, Schulmeister?" sagte der alte Baron verdriesslich zu dem Hagern. "Einen solchen Mann, mit einem so weltumfassenden Gesichtskreise muss man nie im Flusse der Worte stören, es kommt immer dabei etwas zum Vorschein, was unterhält und belehrt, und am Ende wären wir doch wohl noch zu dem Worte der Wahrheit seines Ahnherrn gediehen, wenn Ihr ihn nicht unterbrochen hättet."
"Schelten Sie mich nicht, mein gönner, um diesen Freiherrn von Münchhausen, der uns da so unversehens in das Schloss geworfen ist"; erwiderte der Hagre. "Er kann den an Kürze und Lakonismus Gewöhnten schon ungeduldig machen, dieser endlose Redner und Erzähler, denn er verfällt immer aus dem Hundertsten in das Tausendste. Kürze aber, die körnige Kürze der Sparter, ist wie ein Köcher, darin