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Dieser Fürst wird mir noch innerlich zum Bedienten, wenn ich nicht bald die Entscheidung herbeiführe. Fürs erste aber soll das gekränkte Weib zu jenem Verderblichen reden, über den ich mich so hart enttäuscht sehe."

Sie ging nach ihrem Zimmer und schrieb an Münchhausen: Mein Herr!

Ich bin fortan für Sie weder Diotima noch Emerentia, sondern das fräulein von Schnuck. Die Linie, der ich angehöre, ist die Linie Muckelig. Verstehen Sie mich? Nein, Sie verstehen mich nicht. Ich aber durchschaue Sie. Sie wollen mich erniedrigen. Sie wollen, dass mir der Bediente Bedienter bleibt. Armer Spötter! In dem vollen Gefühle meiner Würde, erhaben über Ihre Possen

Emerentia, Freiin von Schnuck-Muckelig

in der Boccage zum Warzentrost

Münchhausen verwünschte sein Los, als er diesen Zettel erhielt. "Das Geld an den Schlingel weggeworfen und nun das noch!" rief er. "Was will denn dieses verrückte fräulein, die mir wahrhaftig so unleidlich zu werden anfängt alsPst! Still, MünchhausenDer Alte lässt mir keine Ruhe, ich weiss mir nicht Rat gegen seine verdammten Luftgedanken, und nun büsse ich auch diesen letzten Stützpunkt ein. – O Münchhausen, Münchhausen, könntest du doch nur – –"

Er wollte sagen: "Von deinen Renten leben" – vollendete aber nicht, sondern schrieb gleich ein zweites Billet, welches nichts als das Wort entielt:

Diotima?!

Aber er fand es nach einiger Zeit uneröffnet vor seiner tür wieder. Der alte Baron und Emerentia begegneten einander draussen in der Gegend zwischen dem schloss und dem platz, wo die Luftsteinfabrik stehen sollte. Der Vater sah verdriesslich und zerstört, die Tochter kalt und stolz aus. – "Ich fürchte, Renzel", sagte der Alte, "wir haben einen Phantasten im Quartier. Noch hängt meine Hoffnung an einem dünnen Faden, Gott gebe, dass der nicht reisst!" – "Meine Hoffnung ist bei den Toten", versetzte das fräulein erhaben. "Edle Seelen werden leicht betrogen, ich schäme mich nicht, dass mich ein dürftiger Witzling täuschen konnte. Die Schuppen fallen mir von den Augen, nur Gemeines sehe ich noch, wo ich sonst gutmütig bewunderte." – "Ich verachte ihn auch bereits recht herzlich", sagte der alte Baron, "es ist nur der Punkt hier in Erwägung zu ziehen, dass auch solche Haselanten im Besitze wichtiger Fabrikgeheimnisse sein können, und wenn denn das doch der Fall wäre und man hätte ihn, ohne die Sache zu erfahren, aus dem haus getrieben, so wäre es ausserordentlich schlimm.

Wir wollen ihm daher unsere Gesinnungen fühlbar machen, Renzel, aber so, dass ihm noch eine Hintertüre offenbleibt, damit womöglich seine Ambition erweckt wird, und mir das Syndikat nicht entgeht. Nur wenn alle Aussicht verschwindet, wollen wir ihm sagen, dass er sich packen könne."

Nach diesem Tage gaben der alte Baron und das fräulein dem Freiherrn ihre Gesinnungen zu erkennen, d.h. sie behandelten ihn schlecht. Münchhausen, welcher fühlte, wie sehr er durch seine politischen Fehler sich die Stellung im schloss SchnickSchnack-Schnurr verdorben habe, machte verzweifelte Anstrengungen sie herzustellen und liess das glänzendste Brillantfeuer seines Witzes in tausend Einfällen, wunderbaren Capriccios und Mären spielen. Das fräulein aber zeigte sich um so gelangweilter, je brillanter Münchhausen wurde. Sie wandte ihm bei den Colloquiis im Garten den rücken, fiel ihm häufig mit einer Bemerkung über schlechtes Wetter in die Rede, oder sagte, wenn sie ihn hatte aussprechen lassen, weiter nichts, als: "Spasse für den Volkskalender." – Ihr Verhalten drückte unbedingte Geringschätzung aus. Der Schlossherr knüpfte dagegen die seinige noch an Bedingungen. Die Summe seiner Reden ging dahin, dass er an den Erzählungen des Gastes, ehe und bevor die Fabrikangelegenheit in Ordnung gebracht sei, wenig Geschmack zu finden vermöge. Zuweilen hörten beide Schlossbewohner gar nicht zu, sondern sprachen miteinander von Wirtschaftsangelegenheiten, während der Freiherr die buntesten Wunder vortrug.

So gingen mehrere Tage hin. Die Situation war für den Helden immer peinlicher geworden. Doch die Kräfte seines Geistes waren unerschöpflich und gerade in Verlegenheiten entfaltete sich erst deren ganzer Reichtum. Eines Abends, wo das fräulein auf ihrem Zimmer an ihrem Tagebuche schrieb, der alte Baron und er aber stumm lange Zeit nebeneinander im Versammlungsgemache auf und nieder gegangen waren; brauchte er die Rührung als grosses, heroisches Mittel. Er fing nämlich plötzlich an heftig zu schluchzen, und da der alte Baron sich erstaunt umwandte, so stellte er sich mit den strömenden doppelfarbigen Augen vor seinen Wirt, nahm dessen beide hände, sah ihm bewegt in das Antlitz und rief mit einer von Weinen gehemmten stimme: "Könnt ihr es über das Herz bringen, du und deine göttliche Tochter, euren Freund so zu misshandeln, wie ihr tut? nennen wir uns nicht du? Bin ich nicht dein Bruder in des Worts verwegenster Bedeutung?"

"Eben darum, weil wir uns du nennen, muss Offenheit herrschen", versetzte trocken und ungerührt der alte Schlossherr. "Ich merke schon, was diese Krokodilstränen bezwecken sollen. Du bist ein Krokodilein Chamäleon will ich sagen. Ich lasse mich nicht länger foppen, nicht länger lasse ich mich an der Nase herumführen. Von deinen Ziegen und deinen Holländern und deinen Poltergeistern habe ich den Pfifferling gehabt. Darum ein Wort für tausend: Kannst du Luft versteinern?"

"Bruder, sei nicht so hart – –"

"Hart