"Immer und ewig sich genieren müssen, tut keinem Menschen gut. Wofür bin ich hieher in des Schulmeisters seine alte Kabache gezogen, wenn ich meine Freiheit nicht haben soll? Ich verlange und bestehe darauf, dass wofern ich es platterdings sein soll, mir meine fernerweite Verköstigung draussen hingesetzt wird, stillschweigend, ohne Ansprache und Bekümmernis um mich."
Emerentia wurde hochrot vor Zorn, denn diese Antwort war zu grob, um sie selbst einem Fürsten hingehen zu lassen. Sie rief: "Und ich bestehe darauf, dass Ew. Durchlaucht nunmehr bald aus Ihrem Inkognito hervortreten, denn meine Lage wird Ihnen gegenüber von Tage zu Tage zärter und peinlicher. – Gnädiger Herr, erwacht denn nicht Ihr Mitleid mit einem armen Mädchen, dessen Lebenshoffnung Sie sind?" setzte sie weicher werdend hinzu, und einige Tränen liefen über ihre Wangen. Karl ass schon die Wurst, die ihm Emerentia gebracht hatte, und da sein Herz der Rührung immer am offensten war, wenn er Wurst ass, so tat ihm die Weinende leid, er trat daher, das letzte Stück in der Hand, zu ihr und sagte: "Ich bin ja, weiss Gott, kein schlechter Kerl, und Frauenspersonen muss man alles zu Gefallen tun, was nur menschenmöglich ist. Wenn ich also nur wüsst', wie ich's anfangen sollte, so geschäh's ja alsobald. Wofern aber mit meinem Herrn Rücksprach' genommen würde, so könnt' es sein, dass ich's würde, denn er weiss für alles Rat und hat mehr Grütz im kleinen Finger als wir beide im ganzen Leib, sonst wär' er nicht vermöglich, so schreckbar zu lügen, wie er lügen tut." – "Ich verstehe Ihren Wink", versetzte das fräulein, wischte sich die Tränen ab und ging getröstet vom Taygetus.
Dieser Vorfall ereignete sich an dem Tage, an welchem der alte Baron gegen den Freiherrn klar geworden war. Emerentia hatte sich seit der Stunde, wo sie Münchhausen zum ersten Male nicht verstanden, in einer stillen Entfernung von ihm gehalten, welche jedoch die Fortdauer achtungsvoller Empfindungen noch nicht ganz ausschloss. Jetzt war es ihr sogar lieb, eine gelegenheit zu finden, mit ihm wieder anknüpfen zu dürfen. Sie setzte sich daher nieder und schrieb folgenden Brief an ihn: Münchhausen! Ich nenne Sie nicht mehr du, denn schmerzlich habe ich einsehen lernen, dass wir einander doch nicht ganz so nahe standen, als schöne Träume mir sagen wollten. Denken Sie an den Augenblick, da ich die Bohnenschüssel fallen liess, weil Sie mich nicht begriffen. Indessen ist mir ein hohes Gefühl von Ihnen geblieben, und das Schicksal lehrt uns wohl, uns begnügen, wo uns die volle Befriedigung versagt wird.
Münchhausen, Karl hofft auf Sie. Sie haben, wenn Sie wollen, alles in der Hand; einem mann, gleich Ihnen, ist nichts unmöglich. Erinnern Sie sich Ihrer Verpflichtungen gegen ihn, helfen Sie ihm zu dem Seinigen. Ich sage nichts weiter.
Emerentia
Münchhausen rieb sich die Augen, als er diesen Brief überlesen hatte. Er las ihn zweimal, bevor er einen Sinn finden konnte, endlich glaubte er doch einen solchen gefunden zu haben und rief: "Die Bestie hat mich also endlich auch noch bei meiner Anbeterin wegen des rückständigen Lohnes verklagt. Schlimm, schlimm, schlimm! Aber man muss schon in den sauren Apfel beissen, denn es gibt nichts Gefährlicheres für die weibliche Verehrung, als wenn der Verehrte seinem Bedienten etwas schuldig bleibt."
Er hatte eben eine kleine dünne Einnahme von fernher empfangen. Traurig riss er das Kuvert mit den fünf Siegeln auf, zählte, was er notdürftig entbehren konnte, wehmütig ab, rief den Schmetterling und gab ihm das Geld mit einer Flut harter Reden. Karl hörte nicht auf die Beschimpfungen hin. Wenn er Geld bekam, so war er gegen alles andere gleichgültig, er dankte dem Himmel, der ihm abermals so unerwartet half. Freudetrunken lief er in den verwilderten französischen Garten und zählte sein Geld auf dem Postamente des Schäfers ohne Flöte über.
Münchhausen schrieb an Emerentien: Diotima!
Denn das bleibst Du mir. Nenne Dich Emerentia, mir bleibst Du Diotima. Karl ist bezahlt. Ich war ihm allerdings seit Lichtmess Lohn schuldig. Vielfache Gedanken und unter diesen hauptsächlich die tiefe Seelenbewegung, in welche mich Dein Umgang und Geist versetzt hatten, bewirkten, dass mir die Kleinigkeit aus dem Sinne gekommen war.
Dank für Deine Erinnerung. Wie ich nie, oder nur ein einziges Mal in meinem Leben log, so bezahlte ich auch stets meine Schulden; denn Ausnahmen von dieser Regel befestigten sie eben. Deine Wünsche sind Befehle
Deinem Münchhausen
Emerentia wurde starr, als sie diesen Brief empfing. Sie hatte darauf gerechnet, dass der Freiherr durch seine grossen diplomatischen Verbindungen die Restauration des Fürstentums Hechelkram bewirken solle, und – er gab dem Prätendenten Lohn! – Zerstört ging sie in den Garten. Karl sprang ihr vom Schäfer entgegen, schüttelte in einem ledernen Beutelchen den klingenden Inhalt und rief jauchzend: "Ich hab' mei' Geld, ich hab' mei' Geld! O was für ein glückseliger Tausendsassa bin ich! Ich möchte' den ganzen Markt von Cannstatt auskaufen." – Emerentia versetzte nichts; sie stand bleich und entsetzt da. – "So ist es denn also wahr", sagte sie, nachdem Karl fort und auf seinen Schneckenberg gesprungen war, "dass ein fortwährendes Rollespielen mit der Rolle identifiziert.