Karln hatte er vor kurzem auf ihr fortwandern sehen, und sogleich war von ihm beschlossen worden, dem Bedienten bei der Heimkehr, die mittags zu erwarten stand, den Weg zu verlegen, ihn auf den Vogelherd zu rufen, mit ihm dort, begünstigt von der Einsamkeit des Ortes, ein scharfes Verhör anzustellen und dadurch womöglich hinter die Geheimnisse Münchhausens zu kommen.
Der alte Herr hatte lange über diesen Entschluss mit seinem Zartsinne gefochten, endlich aber war er doch zu dem Resultate gediehen, dass er ihn unbeschadet seines Gewissens ausführen dürfe, weil ein so dankvergessener Gast, wie der Freiherr von Münchhausen, durchaus keine Rücksicht verdiene.
Die Verhältnisse im inneren des Schlosses hatten sich nämlich folgendermassen gestellt:
Durch den Abzug des Schulmeisters waren die Akademiker von Schnick-Schnack-Schnurr desjenigen Individuums quitt geworden, welches einer jeden menschlichen Gemeinschaft not tut, nämlich des Sündenbockes. Irgendeiner muss in jedem haus vorhanden sein, an welchem die übeln Launen, die Zornmütigkeiten und die verdriesslichen Stimmungen ausgelassen werden dürfen. Ohne einen solchen Abzugskanal lässt sich ein dauerhafter häuslicher Friede gar nicht denken. Ich habe ein Hauswesen gekannt, in welchem so lange zwischen der herrschaft und den übrigen Hauptpersonen eine vortreffliche Einigkeit bestand, als ein dummes und ungeschicktes Mädchen, eine entfernte Verwandte, tagtäglich auszuschmälen war. Herr und Frau begingen aber den Torenstreich, dieses Mädchen fortzuschicken aus dem grund, weil der Ärger und Lärmen mit ihr im haus zu gross sei. Und von stunde an hörte alle Verträglichkeit auf; es war, als ob in der Dummen und Ungeschickten der Schutzgeist des Herdes verscheucht worden sei, der Mann zankte mit der Frau, die Frau schmollte mit dem mann, der erwachsene Sohn und die mannbare Tochter hatten ein beständiges Schrauben und unangenehmes Reiben miteinander; selbst die Hausfreunde bekamen Augen für die Schwächen ihrer Wirte und erkalteten, kein Gesinde wollte mehr bleiben, weil es die erschwerte Last der übeln Behandlung nicht zu tragen vermochte – kurz, es war eben mit allem Komfort zwischen jenen vier Pfählen vorbei, als man rechten Komfort darin stiften wollte. So können sich die Menschen über ihre nächsten Verhältnisse und Umgebungen täuschen. Und in der grossen Weltistorie geht es mitunter nicht anders zu. Einem volk tut ein tüchtiger Feind not, nur solange es ihn besitzt, ist es in Flor. Solange Rom sich mit Kartago herumbiss, setzte es alles böse Wesen draussen ab, als aber die Nebenbuhlerin in Trümmern rauchte, ging die innerliche böse Wirtschaft an; von Napoleon hat nicht einer bloss gesagt, er sei für uns viel zu früh gefallen.
Doch um von Rom und Kartago und Napoleon und uns zum schloss Schnick-Schnack-Schnurr zurückzugelangen – solange der Schulmeister auf dem Gebirge Taygetus sass, wussten der alte Baron und seine Tochter, wohin mit ihren verdriesslichen Stimmungen, und als er abzog, wurde es buchstäblich wahr, was der Schlossherr gesagt hatte: Es kam eine Lücke in den schönen Kreis. Das Glück war bekanntlich nicht die Göttin des dortigen Herdes, es gab also viel Anlass zu Verstimmungen, an wem sollten sie nun ausgelassen werden? Hätte das fräulein Lisbet gehabt, so wäre wenigstens ihr geholfen gewesen, so aber wie die Sachen standen, gab es durchaus keinen Rat. Vater und Tochter waren zu sehr aneinander gewöhnt um miteinander hadern zu können. Der Bediente Karl Buttervogel war für Emerentien Karlos, der geliebte und verehrte Schmetterling, für den alten Baron ein zu geringfügiges Individuum. In dieser Not und Verlegenheit sank der Freiherr von Münchhausen von einem langweiligen Erzähler, der er für den alten Baron bereits geworden war, zum Sündenbock herab.
Ja, es ist richtig, wenn auch betrübt; dieser grosse und wunderbare Charakter war bald dahin gediehen, wo der verachtete Schulmeister Agesel gestanden hatte; er wurde wechselweise von dem alten Baron und seiner Tochter über die Achsel angeschaut. Das war nämlich so zugegangen.
Der Baron Schnuck-Muckelig in der Boccage zum Warzentrost verbracht einige unmutige Tage nach dem Abzuge des Schulmeisters und suchte sich durch wiederholtes Besichtigen des freien Platzes, wo die Luftverdichtungsfabrik zu stehen kommen sollte, leidlich hinzuhalten. Er dachte, Münchhausen werde rücksichtsvoll genug sein, auch ohne Erinnerung ihm das Geheimnis der Bereitung kundzutun. Münchhausen schwieg. Hiernächst spielte er von ferne auf Pflichten der Gastfreundschaft an, welche nicht verabsäumt werden dürften. Münchhausen schwieg. Darauf gab er die Sache näher und sagte, es sei nicht gleichviel, jemandem etwas in den Kopf zu setzen, man müsse auch Wort halten können. Münchhausen schwieg. Endlich wurde er klar und rief: "Wenn du mir nicht die Luftfabrik machst, so bist du kein ehrlicher Mann!" Münchhausen seufzte und schwieg.
Emerentien war die Zeit ebenso lang geworden, wie ihrem Vater. Der Prätendent von Hechelkram ass Wurst, Eier und Rindfleisch, soviel ihm von diesen Dingen die Hand der Liebe reichte, blieb aber nach wie vor Bedienter, die Gemeinheit seiner Maske täuschend in Worten und Werken festaltend. Unglaublich war es, bis zu welchem Grade sich dieser maskierte Fürst verstellen konnte, besonders seitdem er fern von den vornehmeren Personen dieser geschichte in dem Gartenhause auf dem Taygetus wohnte und bis auf die zu leistenden Dienste sein eigener Herr geworden war. Emerentia begann zu zittern, wenn sie, die Wurst unter der Schürze, das Stiftskreuz im Herzen, nach dem verfallenen Schneckenberge ging, und war eines Tages bei einem unbeschreiblichen Anblicke genötigt gewesen, zu Karln zu sagen: "Fürst, spielen Sie nicht zu natürlich." – Bei dieser gelegenheit hatte Karl Buttervogel erwidert: