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müssen. Am glücklichsten war noch verhältnismässig Natanael, er resignierte und legte sich in seinem zweiundzwanzigsten Jahre auf den reinen Papierwucher. Freilich klagte auch er, wie seine Brüder, dass der Himmel dumm und die Erde abgeschmackt sei, indessen machte er doch guten Profit.

Die drei Brüder hatten sich, als ihre Hoffnungen scheiterten, zusammengetan. Sie klagten einander vor, wenn ihr Gähnen es zuliess. Auch darin waren sie unglücklich, dass niemand sonst ihr Weh mitempfand. Emanuel pflegte zu sagen: "Nichtiges Dasein"; Natanael: "Nüchterne Zustände"; Gabriel: "Kahles, vernutztes Leben". – Viele Leute hielten sie für Narren. Ich aber sage: Es ist ein grosses Missgeschick, wenn ein Jüngling kein reformatorisches Trauerspiel machen, kein neues philosophisches System erfinden, keinen Umschwung in den politischen Ideen des Zeitalters hervorbringen kann.

Als sie am tiefsten herunter waren, stand ihnen jedoch die hülfe am nächsten. Sie lernten nämlich einen Mann kennen, einen wunderbaren Mann, einen Mann, der mehr zu sein schien als ein Mensch. Nach wenigen Unterredungen, die in geheimnisvollen Worten geführt wurden, hörten sie, dass dieser übermenschliche Mann das Mittel besitze, ein klassisches Trauerspiel zu verfertigen, dem Philosophen aber und dem Politiker auch zu helfen.

Die Existenz dieses Mannes war ein Geheimnis und ein Wunder. Sie erfuhren in einer Stunde der Weihe von ihm, was sie vor Erstaunen beinahe starr machte. – Der Umgang mit dem Meister übte auf die drei Unbefriedigten den wohltätigsten Einfluss. Damals war es, wo sie grünen Sammet anlegten, das Kleid der Zukunft und der Erwartung. Karl Gabriel fand sogar den Titel und die Begeisterung zu einem Trauerspiele, welches "Das Trauerspiel" heissen und das Tragische an und für sich ohne Rücksicht auf ein bestimmtes Ereignis behandeln sollte.

Aber die hülfe blieb nicht nahe, sondern verschwand in die Ferne. Seit diesem Trauertage liefen die drei Unbefriedigten umher wie Frauen mit falschen Wehen. Die falschen Wehen leiteten indessen nach einiger Zeit auf die wahre Spur, die wahre Spur jedoch leider nur bis zu einer verrammelten tür vorderhand. Über dieses symbolische Ereignis ergingen sich die drei grünen Sammetröcke in Betrachtungen. Karl Gabriel sagte, er wolle den Helden seines Trauerspiels: "Das Trauerspiel", auf eine erschütternde Weise an einer verrammelten tür niederstechen lassen, in welche er hineingewollt, aber nicht hineingekonnt; Karl Emanuel behauptete, alle Philosophie bestehe eigentlich darin, zugemachte Türen nicht aufzumachen, wogegen Karl Natanael versicherte, die höchste Maxime der Staatsweisheit sei, alte Tonnen und Kasten von innen vorzuschieben, wenn Schloss und Riegel nicht mehr halten wollten.

Als sie, ich weiss nicht zum wievielsten Male vor dem schloss und vor der Fronte seiner Baufälligkeit auf und nieder gegangen waren, stiess der Dichter mit seiner Nase an die gegengelehnte Leiter und entdeckte dadurch dieses Motiv. Der Philosoph setzte die Brille auf und sah das oben offenstehende Fenster, der Staatsmann aber, der von dieser doppelten Entdekkung hörte, schlug vor, auf der Leiter emporzuklimmen und zum Fenster einzublicken. Denn auch sie hörten oben schnarchen und zogen daraus den Schluss, dass dort jemand sein müsse, der schnarche. Vielleicht liess er sich erwecken und möglich, dass man dann mit ihm über die Eröffnung des Schlosses unterhandeln konnte.

Diese idee war wohl eine glückliche zu nennen und sie wurde sogleich ausgeführt. Karl Gabriel stieg zuerst die Leiter hinauf, die andern Brüder folgten und alle drei reckten sich oben so hoch empor, dass sie in das Zimmer sehen konnten. Als dieser Moment gekommen war, liess sich ein dreifaches "Ach!" des Entzückens von ihnen hören. Mit sanfter stimme riefen sie nun einen grossen Namen vergebens, darnach riefen sie lauter, jedoch umsonst; endlich schrieen sie, es war indessen fruchtlos. Dieser Schlaf schien ein Totenschlaf zu sein.

Karl Gabriel, der kühne Dichter, schlug darauf vor, den Schlummernden mit einigem Kalk zu bewerfen, wogegen sich aber Karl Emanuel und Karl Natanael erklärten, indem sie sagten, dass man einen solchen Mann nicht mit Kalk werfen dürfe. – "Bisweilen kommt es mir vor", sagte Gabriel, "als blinzle er." – "Optische Täuschung, mein Bruder", versetzte Natanael, "warum sollte er sich gegen uns, seine treuesten Anhänger, verstellen?"

Als Natanael das gesagt hatte, knackte es unter ihnen. Die alte Leiter, welche über die Jahre hinaus war, das Gewicht von drei Unbefriedigten tragen zu können, bekam einen gefährlichen Sprung und eiligst stiegen sie und erschrocken hinab, nicht gewillt von der Höhe ihres Standpunktes zu stürzen. Sie gingen in den verwilderten französischen Garten, um dort das Weitere zu erharren.

Viertes Kapitel

Ein chronischer Schläfer und ein seltenes Beispiel von

Bediententreue

Während dieser begebenheiten sass der alte Baron, unwissend noch über die Verrammelung des Schlosses, etwa eine Viertelstunde von diesem in einem krausen und durcheinandergewirrten Busche von Hagdornen, Eschen und Birken, der auf einem kleinen Hügel wuchs. Er hatte den Ort in seinen wohlhabenden Tagen zum Vogelherde benutzt; es stand aber von der früheren Vorrichtung nichts mehr als der Pfahl für den Lockvogel nebst den vier Pfosten, zwischen welchen die Hütte erbaut gewesen war. Das Dach und Bretterwerk war längst verfault oder von armen Leuten gestohlen. An diesem stillen und wüsten platz sass der Schlossherr und lauerte auf einen gleichsam Vogel, aber nicht auf einen Finken, Hänfling oder Kreuzschnabel, sondern auf den Bedienten Karl Buttervogel.

Die Strasse nach der Stadt zog sich nämlich unter dem Hügel durch.