jungen Jäger bei dem Anblicke dieses bettelhaften Elendes eine fromme Rührung, welche die zwiespältigen Empfindungen in seiner Brust verwischte, die von den sonderbaren Begegnissen des Morgens hervorgerufen worden waren. Denn er erinnerte sich an die anmutigen Beschreibungen, die ihm Lisbet von dieser Zerstörung gemacht hatte, die er nun vor Augen sah. – "So gibt es denn Gemüter, für welche das Hässliche nicht da ist, weil sie in allem nur das Schöne erblicken!" rief er freudig aus. "So blüht eine Unschuld des Geistes, welche rosengleich auch den ödesten Schutt überwächst und zudeckt. – Ich las einmal in einem Aufsatze von Ranke, der alte, ehrwürdige Pius sei ein Charakter gewesen, der in allem nur das Tröstliche gesehen habe. Ich las das damals, wie man manches liest, ohne mir dabei eben viel zu denken. Nun aber habe ich etwas Ähnliches erlebt und nicht an einem alten mann, sondern an einem jungen Mädchen, und was das Süsseste bei der Sache ist, an meinem Mädchen."
Drittes Kapitel
Die drei Unbefriedigten treten mehr in die Handlung
ein
Kaum hatte der Jäger einige Minuten den Hof verlassen, als derselbe von neuen Wanderern betreten ward. Die drei Jünglinge in grünem Sammet kamen nämlich aus den Dornen neben dem Garten und krochen durch eine Öffnung der Hofmauer, weil sie ihre Brillen nicht aufgesetzt hatten und wegen Kurzsichtigkeit die offene Pforte nicht sahen. Das Haus erblickten sie indessen notdürftig, sie näherten sich demselben, versuchten zu öffnen, aber auch ihnen wollte das nicht gelingen. Sie seufzten und klagten, dass vielleicht nur wenige Schritte sie von ihrem ersehnten Meister trennten, und eine verrammelte tür ihrem Drange ein Ziel setzte. Traurig gingen sie vor dem schloss auf und nieder.
Die geschichte dieser drei unbefriedigten Jünglinge in grünem Sammet war einfach aber lehrreich. Sie waren Brüder, Söhne eines reichen Bankiers in Hamburg und hiessen Karl Emanuel, Karl Natanael und Karl Gabriel. Ihr Vater hatte ihnen die sorgfältigste Erziehung geben lassen, weil er wünschte, drei ausgezeichnete Männer erzeugt zu haben. Sie wuchsen in geistreicher Gesellschaft heran, denn in dem haus des alten Bankiers versammelte sich alles, was auf den Namen eines klugen Mannes Anspruch machen konnte.
Die Fähigkeiten der drei Knaben entwickelten sich auch früh in der entschiedensten Weise. Karl Gabriel lief jeden Abend in die Komödie, hatte in seinem vierzehnten Jahre einen kleinen Roman mit der Tänzerin Rosamira, stand in den Zwischenakten am Büffet, ass Eis oder trank Punsch und gab danach Kritik von sich. – Karl Natanael ging dagegen auf das Kaffeehaus, las Zeitungen und spekulierte, als er den Cornelius Nepos exponierte, in den Fonds, Karl Emanuel war ein stiller Junge, der am liebsten zu haus sass, gern Bratäpfel ass und bei allen Dingen nach dem: Warum? fragte. – Der alte Bankier beobachtete diese Erscheinung, liess eines Tages, als er seine Tasse Morgenschokolade trank, die Söhne vor sich treten und sagte zu Karl Emanuel: "In dir steckt ein Philosoph"; zu Karl Natanael: "Aus dir wird ein Staatsmann"; zu Karl Gabriel: "Du bist zum Dichter geboren". Dieser Beruf war ihm nicht ganz erwünscht. Er hätte lieber einen grossen Maler in der Familie gehabt, weil die Maler jetzt besser bezahlt werden als die Dichter. Indessen liess er sich, da es nun einmal nicht anders sein sollte, auch den Dichter gefallen. Die drei Brüder aber hielten sich nach jenem Tage für das, wozu sie der Vater bestimmt hatte, und wurden in ihrer Meinung von einigen Schauspielern, Doktoren der Philosophie und von einem dimittierten Legationssekretär unterstützt, welche Personen bei ihrem Vater offenes Couvert hatten.
Karl Gabriel studierte in Berlin, um durch keinen Natureindruck von der Poesie abgezogen zu werden, Karl Natanael in München, der tiefen politischen Weisheit wegen, welche er da immer vor Augen haben konnte, Karl Emanuel in Göttingen, weil er glaubte, dass Mettwurst die Spekulation stärke. – Als sie in die Jahre gekommen waren, worin der Mensch seine Taten zu vollbringen anfängt, schrieb ihr Vater an sie drei gleichlautende Billette des Inhalts, er erwarte jetzt von ihnen Grosses. Karl Emanuel setzte sich darauf hin, um ein neues System zu erfinden, Karl Natanael griff zur Feder, um eine nie erhörte politische Wahrheit zu offenbaren, Karl Gabriel ging im Tiergarten spazieren, um ein Trauerspiel zu ersinnen, welches die Reformation der Bühne bewirken sollte. Sie gaben sich die grösste Mühe jeder in seinem Fache, aber sie war umsonst. Nicht einmal den Titel zu einem Trauerspiele fand Karl Gabriel trotz seiner vielen Spaziergänge im Tiergarten, er begriff nicht, wie einen geborenen Dichter die Musen so im Stich lassen konnten. Karl Natanael brachte nach langem Sinnen den Satz heraus: "Die Staaten teilen sich in Monarchien, Aristokratien und Demokratien." Aber ein kundiger Freund, dem er davon sprach, riet ihm, mit dieser politischen Wahrheit nicht hervorzutreten, weil sie kaum ganz neu zu nennen sei. Karl Emanuel machte es, wie Karl Gabriel, nämlich, er machte nichts.
Als sie die Vergeblichkeit ihrer Bestrebungen einsahen, zerfielen sie mit dem Leben. Gabriel nannte die Quelle der Dichtung überhaupt versiegt und knüpfte in diesem Unmute ein kurzes verdriessliches Verhältnis mit Gervinus an, bis sie sich auch wieder trennten, weil ein Malcontenter dem anderen bald unausstehlich wird; Emanuel hatte einen Augenblick Lust, fromm zu werden, konnte aber dazu nicht recht gelangen, weil sein Gedächtnis schwach war und die Frommen viele Redensarten auswendig behalten