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Als der junge Jäger fragte, wen Semilasso dort kenne oder zu finden hoffe? glitt der berühmte Reisende darüber hin und sprang, wie es schien, von einer plötzlichen Erinnerung überwältigt, zu Betrachtungen allgemeiner Art ab, die mit seinen vorigen Äusserungen keinen erkennbaren Zusammenhang hatten. – "Ich habe immer", rief er angenehm lebhaft, "im stillen lachen müssen, wenn man sich, wie es jetzt Mode ist, den Kopf darüber zerbricht, durch welche styptische Mittel der allgemeinen Erschlaffung des Menschengeschlechtes entgegenzutreten sei. Das Abnüchtern und Versanden der Jetztlebenden ist ein ziemlich konstatiertes Faktum. Das will man nun mit Religion, Patriotismus, Philosophie, Naturbetrachtung, mit, was weiss ich noch? hemmen. Es hilft nichts, da liegt der Trost nicht, er steckt ganz woanders, ist mit Händen zu greifen, und niemand hat ihn gefasst, es geht damit wie mit dem Ei des Kolumbus.

Wie entstehen die Menschen? Wie entstehen sie denn, mein Bester? Der Schwächling heiratet die kräftige Jungfrau, der kräftige Mann die Bleichsüchtige, häufig kommen auch Hektik und Hektik zusammen. Was für Kinder muss das geben? Auf das Physische wird gar nicht mehr gesehen, es ist, als ob wir nichts als Geist, Rücksicht, Verhältnis, Geld wären. Daher rührt denn das matte, aschgraue, totlebendige Geschlecht.

Sehen wir uns dagegen unter den Tieren um! Gehen wir in die Stammschäfereien, in die Gestüte, ja, besuchen wir nur einen tüchtigen Ökonomen, der auf sein reines friesisches Vieh hält. Wie macht man es denn da? Man hält auf Vollblut. Und eine edle Rasse folgt der andern. Da sitzt es. Tere's te rub. Will man wieder ein munteres, geistreiches, poetisches, lebensfrisches Menschengeschlecht haben, so muss man vor allen Dingen für Vollblut sorgen, man muss Rasse stiften. Reine Kreuzungen, reine Kreuzungen, junger Freund, darauf kommt es an! Dass aber diese nicht möglich sind, wenn wir gewisse veraltete Meinungen und Formalitäten festalten, leuchtet ein.

Lange mit diesen Ideen beschäftigt, fand ich in Ägypten das Genie, welches sie befruchtete. Ich sage nichts, qui a compagnon, a maître, aber unter uns: Haben mich hier meine Vermutungen nicht getrogen, so werden Sie binnen Jahresfrist von einem Institute unter den Kassuben auf meiner herrschaft hören, gegründet nach dem Muster von Trakehnen. Suffit! Ich kann sagen, ich schwärme dafür, mein Dromedar ist mir nicht so lieb wie dieser Gedanke, von dessen Ausführung ich mir ungeheure Resultate verspreche."

Semilasso, der diese Gedanken mit grossem Feuer vortrug, liess unerörtert, ob er auch bei seinen Standesgenossen Vollblut zu schaffen für möglich halte, Vollblut, nicht im aristokratischen, sondern im physischen Sinne. Aber mit graziösem Lächeln setzte er hinzu: "Ich bedaure nur eins, dass ich nicht mehr in den Jahren bin, um selbst praktisch die Sache angreifen zu können, ich werde mich leider auf die Verwaltung beschränken müssen, auf die trockene Verwaltung."

Zweites Kapitel

Eine Überraschung eigener Art

Den jungen Jäger widerten diese Auseinandersetzungen an. Sobald es die Höflichkeit erlaubte, machte er Semilasson eine Verbeugung und eilte, dem langsamen türkischen Fahrzeuge voranzukommen, was auch seinen raschen Füssen gelang. Der Deutschtürke blieb im Schritte, so dass der Jäger ihn bald weit zurückgelassen hatte. Dieser sah nach einer Stunde das sogenannte Schloss auf seinem kahlen Hügel liegen. Schon die Strasse mit den ausgerissenen Steinen und den grundlos gewordenen Geleisen hatte ihn sonderbar überrascht, noch mehr aber setzte ihn das Ansehen des Gebäudes in Erstaunen. Er zweifelte einen Augenblick, ob er auch an der rechten Stelle sei. Als er aber die beiden Wappenlöwen sah, den stehenden und den liegenden, so musste er sich davon überzeugen. Nun schritt er über den Schlosshof auf das Haus zu. Es war ganz still in demselben und um dasselbe her; nur die Bachstelzchen liefen an der Pfütze im hof auf und nieder. Er klinkte an der tür; sie war zwar nicht verschlossen, aber von innen verrammelt, und Lärmen wollte er doch nicht gleich zur Eröffnung der Bekanntschaft machen. Er liess also von weiteren Versuchen gegen diesen Eingang ab. Das Loch neben der tür war ebenfalls mit Tonnen und Kisten verstellt; auch hier hätte er nur polternd und ungestüm eindringen können; er glaubte das gleichfalls unterlassen zu müssen. Selbst die Fenster des Hauses, nämlich die praktikabeln, nicht die mit Brettern oder Läden geblendeten Fensterhöhlen waren sämtlich verschlossen, nur eins stand offen, und er hörte in dem Zimmer, zu dem es gehörte, heftig schnarchen, ein Beweis, dass ein Lebendiger in dem Zimmer war. Eine Leiter stand in der Nähe, so dass die Möglichkeit vorhanden war, sich mit diesem Lebendigen in Verbindung zu setzen. Indessen konnte ihm auch dies nicht recht anständig vorkommen. Er beschloss daher, geduldig in einem hof der Nachbarschaft zu warten, bis das verwünschte einsame Kastell zugänglich werden würde. Vorläufig aber setzte er sich auf einem Stein, der im hof lag, zur kurzen Rast nieder, denn der Weg seit früh morgensund jetzt ging es schon auf Mittaghatte ihn ermüdet. Von diesem Steine überblickte er den Schauplatz. Er sah den verwilderten unordentlichen Platz voll Nesseln, Disteln und Wegerich, die zerstörte Pforte, das elende, klüftige, verfallene Haus mit dem durchlöcherten dach. Alles das sah in dem nun schon heranwehenden grauen Haarrauche noch unheimlicher und jammervoller aus, als gewöhnlich.

Und dennoch ergriff unseren