ruhte ein Dach von rotem Tuch mit gelben Troddeln über einem weitläuftigen Kasten, den schmale Borde umschlossen. In diesem Kasten lagen orientalische Polster, und auf den Polstern sass mit gekreuzten Beinen ein Türke und hielt den Bernsteinknopf seiner Pfeife am mund. Nicht allein war dieser Türke in dem Kasten, sondern verschiedenes anderes Getier teilte denselben mit ihm; ein Paar Affen in Käfichen und drei oder vier Papageien. Neben den Ochsen ging ein junger Neger in weissen Hosen und roter Jacke, lenkte sie, wo es nötig war, trieb sie jedoch nicht sonderlich an, so dass das Fuhrwerk sich nur langsam fortschob.
Der Jäger begriff nicht, wie der Orient plötzlich hieher komme, sein Erstaunen wuchs aber, als der Türke, dessen blasses und geistreiches Gesicht etwas ungemein Gelangweiltes offenbarte, ihn in reinem Deutsch nach der Entfernung des Schlosses fragte, dem der junge Liebende ebenfalls zustrebte. Als er den Fremden bei der Antwort näher ansah, schoss ihm plötzlich eine Erinnerung durch den Kopf. Ein sehr ähnlicher Kupferstich, den er kurz vor seiner Abreise aus Schwaben gesehen hatte, fiel ihm ein, und es wurde ihm klar, dass er so glücklich sei, zwischen den Affen und Papageien den berühmtesten Reisenden der Gegenwart zu erblicken, den Liebling aller modernen Damen und Herren.
Als der Jäger bescheiden seine Vermutung aussprach, wurde ihm die Bestätigung aus dem mund des deutschen Türken und Semilasso gab sich sogleich mit dem jungen Grafen in ein geistreiches Gespräch. Er erzählte ihm, dass er aus dem Morgenlande zurückkehre, um den Abend jetzt mit seinen gewonnenen Erfahrungen aufzuklären. – "Die Journale haben verbreitet", sagte er, "dass ich noch eine Zeitlang in Smyrna verweilen werde; ich pronierte auch dieses Gerücht und reiste in der Stille ab, teils um den Okzident zu überraschen, teils um einen Streit unter den Gelehrten anzufachen über die Frage, wo ich nun eigentlich sei, ob in Ost oder in West? Die einen werden sich auf Augenzeugen berufen, die mich in Smyrna gesehen, die anderen werden meine Karte abdrukken lassen, die ich ihnen sandte. Es kann", sagte Semilasso mit feierlicher Leichtigkeit und anmutigem Gähnen, "eine interessante Debatte werden, welche das Publikum ein paar Monate lang beschäftigt, denn das will immer angeregt und gekitzelt sein." –
Der Jäger befragte ihn über seine Reiseroute, worauf Semilasso versetzte: "Ich bestieg in Smyrna ein österreichisches Schiff, fuhr quer durch das Mittelländische Meer an den Säulen des Herkules vorbei, um Portugal herum durch die Biskayische See, lenkte in den Kanal ein und debarkierte in Havre. Die gerade Linie ist so langweilig; es lebe die krumme! Mein Dromedar und der Hengst von Dongola folgen mir um einen Tagemarsch. Mein Kammerdiener geht, armenisch gekleidet, als Furier voraus, und so haben die Leute an jedem Orte, den die Reise berührt, drei Tage lang von mir zu reden, einen, wo der Furier ankommt, einen, wo ich ankomme, und einen, wo der Dromedar und Hengst ankommen."
Der Jäger sah verwundert das Ochsengefähr an. Semilasso erriet seine Gedanken, lachte und sagte: "Meine Ochsen sind Ihnen auffallend. Ich kaufte sie in der Normandie; im Orient fährt man fast nur mit diesen Tieren, sie passten in meine jetzige Liebhaberei und in mein System. Denn seit alle Welt sich blitzschnell fortbewegt, ist es bei mir Prinzip geworden, nur Schritt zu fahren, habe daher, um mich nicht von der plebejischen Eile verführen zu lassen, diese Ochsen vorgespannt und mache so täglich höchstens vier Meilen. Von Havre bin ich drei Wochen unterwegs. Teodor Mundt wird – if possible – an dieses Schrittfahren tiefsinnige Untersuchungen über Weltfragen und wichtige Probleme der Zivilisation knüpfen. In diesem Teodor erlebe ich überhaupt mein eigentliches Reflexions- und spekulatives Leben. Ich kann sagen, dass ich manches aus Laune und in unbewussten Anstössen getan habe. Aber Teodor rückt alles weltistorisch und bedeutend zurecht – im kleinen auf seinem Studierstübchen. Teodor und ich stellen eine umgekehrte telegraphische Anstalt dar. Ich mache da droben im Freien wunderbar arbeitende Bewegungen, welche die Hand Teodors, des Telegraphisten, regieren, so dass sie unten im Turmgemache ein niedlich Figürchen meiner Winkel und Charaktere nachzeichnet. Er hat mich sogar zu einem Stilmuster gemacht. Darüber habe ich doch lachen müssen. Denn an meinen Stil glaube ich nicht. Ich will eher glauben, dass Teodor eine Komödie machen könne, als dass ich glaube, ich schreibe einen Stil. Wie käme ich zu Stil? Gehöre ich denn zur Rotüre? Meine Wappenvögel fliegen über allen Stil hinaus. – Aber, passons là dessus, Teodor sagt, ich habe Stil, es mag also drum sein. – Wenn er mich nur nicht kopierte! Ich habe ihm ausdrücklich gesagt, als ich ihn bei der ersten Bekanntschaft zum Handkuss zuliess, dass er sich nicht unterstehen solle, nun auch offiziell reisen zu wollen. Dennoch hat er sein Wort gebrochen und ist auch ein Spaziergänger und Weltfahrer geworden. Nichts lassen diese Leute einem über. Was will so ein Ding erspaziergängern und erweltfahrern? C'est un singe, qui a fait ses études."
Der Halbtürke Semilasso hatte sich in einen solchen Ärger über seinen getreuesten Anhänger hineingeredet, dass ihm die Pfeife ausgegangen war. Er fasste sich jedoch bald wieder und sprach von dem Zwecke seiner heutigen Reise. Abermals vernahm der Jäger mit Erstaunen von einem, der mit ihm dasselbe Ziel hatte. Auch Semilasso wollte auf dem schloss seinen Besuch abstatten.