. In der Brust fühlte er ein eigenes Drücken und Wühlen, was ihn zwar nicht ängstlich machte, aber ihn doch an den Blutsturz erinnerte, den er als Achtzehnjähriger gehabt hatte und dem ähnliche Empfindungen vorhergegangen waren. Sein Arzt auf der Universität hatte ihn damals nach der Herstellung gewarnt und ihm gesagt, er müsse sich vor unordentlichem Leben und Gemütsbewegungen in acht nehmen, denn so vollsaftigen Konstitutionen, wie der seinigen, droheten beständig Rückfälle des Übels, wenn es einmal sich Bahn gebrochen habe. Nun war seine Lebensweise in den letzten Wochen freilich nicht die ordentlichste, seine Stimmung aber nur eine Gemütsbewegung gewesen.
Er nahm Speise und Trank um dadurch die erregten Lebensgeister zu beruhigen. Wirklich fühlte er sich auch danach besser. Er fragte nach dem schloss, wo es liege? Da hörte er nun seltsame Dinge. – "Sie müssen bald fertig sein da droben, der alte Herr Baron und das gnädige fräulein und der fremde Herr", sagte der Wirt. "Denn man sieht sie kaum noch ausser dem haus. Das sieht auch ganz gefährlich aus, und der Landbaumeister, der gestern hier vorsprach, sagte, wenn nicht bald repariert werde, so müsse die Obrigkeit Einsehen haben und auf Abtragung des Dinges dringen, welches jeden Tag einstürzen könne."
Der Jäger verwunderte sich über diese Reden, die mit Lisbets Beschreibungen in so grossem Widerspruch standen. Die Anwesenheit eines Fremden in dem sogenannten schloss kam ihm störend vor; er fragte den Wirt: was für ein Fremder das sei?
"Oh", versetzte der Mann, "diesen Menschen kann keine Menschenseele beschreiben; ich glaube aber, dass er Gold macht."
Der Jäger schüttelte den Kopf über die närrischen Nachrichten, die er hier empfing und machte sich rasch auf den Weg, denn ihn drängte es, das Geschäft, was seiner Liebe beigesellt war, zu Ende zu bringen. An diese dachte er mit aller Freude des Herzens und dennoch – schlich ein tragischer Hauch über die reinen Wellen, welche in seinem Busen wallten. Denn so ist es mit der Liebe. Am Tage nach der süssesten Erklärung wirst du, all dein Glück inniglich durchfühlend, verlegen sein, ausser Fassung, in Zwiespalt mit dir und der Welt. Du wirst es nicht sagen, weder laut noch leise, aber einen Gedanken wirst du haben und zürnen, dass du ihn nicht unterdrücken kannst – den Gedanken: Wäre es noch vorgestern! – Das ist keine Reue, das ist kein Wankelmut, aber du fühlst, vorbei sei das alte Leben, ein neues beginne. Und was dieses dir bringen werde, wissen nur die Spinnerinnen, deren Gesang du hörst, deren Werk aber erst in deiner Todesstunde offenbar wird.
In so unruhiger Bewegung machte der Jäger seinen Weg. Er glaubte einen Nachtraum seines Traumes zu erleben, als er auf einmal nicht weit von der Strasse drei junge Leute unter einem Baume sitzen sah, in welchen er, wenn nicht alle Ähnlichkeiten trogen, die drei Unbefriedigten wiedererkannte, von welchen in dem Briefe an seinen Freund Ernst im Schwarzwalde die Rede gewesen ist. Sie trugen noch, wie damals in Stuttgart, grüne Sammetröcke, grüne Sammetosen und grosse grüne Sammetschirmkappen, und ihre Gesichter waren im Gegensatz zu dieser hoffnungsfarbigen Tracht auch noch so bleich und leidend wie damals. Der Jäger stand einen Augenblick still und hörte den einen zu den andern sagen: "Mut, Brüder, wir sind am Ziele, oder alle Zeichen, die wir eingesammelt haben und die auf unseres Meisters Nähe deuten, trogen." – Der Jäger wollte sich ihnen nahen, denn er hatte hin und wieder mit diesen Unbefriedigten sich in Stuttgart unterhalten. Er wollte sie fragen, was sie so unvermutet in diese Gegend führe? Aber da standen sie alle drei auf und schlugen einen anderen Weg ein. Ihnen nachzugehen hatte er aber keine Lust. Vielmehr verfolgte er seine Strasse.
Er war jedoch nicht lange gegangen, so sah er einen neuen Bekannten, oder wenigstens einen Landsmann, wie das erste Grusswort ihm den Wanderer als solchen zu erkennen gab. Ein untersetzter Mann, der einen Packen auf dem rücken trug, kam ihm derben Schrittes entgegen. Da er sich schwäbisch angesprochen hörte, so blieb der Jäger bei dem Landsmanne stehen und fragte ihn nach Herkunft und Gewerbe. "Ei", versetzte der Packenträger, "ich bin ja der Ehinger Spitzenmann. Ja, die Ehinger wandern überall umher, musst' einmal auch diese Gegend besuchen. Zudem hab' ich noch ein apartes Geschäft hier, wann ich meine Spitzen bei einigen Bauern herum ausgeboten hab'. Ich such' was oder wen in dem Schloss nah'zu, darf nicht davon reden, denn die sache' betrifft eine Ehinger Heimlichkeit, aber wie ich mein', ist die Spur nach dem Schloss richtig."
Der Ehinger Spitzenkrämer trennte sich darauf von dem Jäger. Letzterer hatte abenteuerliche Gedanken über den Fremden im schloss, der ein Goldmacher sein sollte und den sein Landsmann suchte, konnte jedoch denselben nicht lange nachhangen, denn bald fesselte ein Anblick der unerwartetsten Art seine Aufmerksamkeit. Der Weg kreuzte die grosse Heerstrasse, welche den Osten Deutschlands mit dem Westen verbindet, und auf dieser sah er ein wundersames Fahrzeug sich langsam heranbewegen. Gezogen wurde es von zwei Ochsen mit Bügeln, woran Schellen klingelten, den Wagen selbst aber hätte man von weitem für einen sogenannten überdeckten Wurstwagen halten können. Er war dieses aber nicht, sondern ebenfalls ein östliches oder wenigstens ostartiges Gefähr. Auf Stützen