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womit schöne Minne erweckt wird. Statt dessen musste ich nach dem Eibenzweige gehen und dem Schuhu seine Klause vor Wind und Wetter verwahren helfen. Nun, wie es gekommen ist, so musste es kommen. Er hat die Braut, und ich habe den Tod davongetragen."

Konrad hatte immerfort starr in das Gesicht des Alten gesehen, um durch die Runzeln und Falten hindurch ein früheres Lineament des Jugendfreundes zu entdecken. Endlich stammelte er: "Ich beschwöre dich, Mensch, uns zu verkünden, wie diese Verwandlung hat zugehen können, damit uns nicht ein Schwindel fasst und zu schrecklichen Dingen treibt!"

"Wer Gott versucht und die natur, über den stürzen gesicht, an denen er rasch verwittert", antwortete der Alte. "Dabei bleibt der Mensch, wenn er auch die Pflanzen wachsen sieht und die Reden der Vögel verstehen lernt, so einfältig wie zuvor, lässt sich von einer albernen Elster Fabeln von der Prinzessin und vom Kankerkönige aufbinden, und sieht Frauenschleier für Spinnweben an. Die natur ist Hülle, kein Zauberwort streift sie von ihr ab, dich macht es nur zur grauen Fabel."

Er schlich langsam in die Waldgründe. Konrad wagte nicht, ihm zu folgen. Er leitete seine Emma aus dem Schatten der Bäume nach der heiteren Strasse, wo das Licht in allen Farben um die Kronen der Stämme spielte.

Noch einige Zeit lang hörten die Wanderer im Spessart hinter Felsen und dichten Baumgruppen zuweilen mit einer hohen und geisterhaften stimme Reime sprechen, die dem einen wie Unsinn, dem anderen wie tiefe Weisheit klangen. Gingen sie dem Schalle nach, so fanden sie den Alten, der noch so wenige Jahre zählte, wie er, erloschenen Auges, die hände auf die Kniee gestützt, starr in die Weite blickte und die Sprüche vor sich hinsagte, deren keiner aufbehalten geblieben ist. Nicht lange aber, so wurden sie nicht mehr gehört, und auch den Leichnam des Alten fand man nicht.

Konrad freite seine Emma; sie gebar ihm schöne Kinder und er lebte bis zu späten Jahren mit ihr in grosser Freude und Lust.

Sechstes Buch

Walpurgisnacht bei Tage

Erstes Kapitel

Wache Träume

Als der Jäger am Morgen nach seinem schönsten Tage im Heu erwachte, schmerzte ihn heftig sein Kopf. Denn man sei so verliebt, als man will, der Duft von frischem Heu nimmt den Kopf ein, und er hätte den Tod von der unvorsichtig gewählten Lagerstatt haben können. Anfangs zwar hatten die lieblichsten Träume von Lisbet sein Hirn umgaukelt. Ihm träumte, ein Bauer trete mit einem verschlossenen Korbe zu ihm und sage, darin sei ein Geschenk, der Herr wisse wohl, von wem? Nun öffnete er den Korb, und ein weisses Täubchen war darin mit purpurroten Füsschen und purpurrotem Schnabel. Er erstaunte über die Weisse und Schönheit des Tierchens und hatte seine grosse Freude daran. Wie wurde ihm aber, als das Tierchen sein rotes Schnäblein öffnete und zu ihm sprach:

"Lisbet schickt mich zu dir und lässt dir sagen –" die Taube redete aber nicht aus; sie wurde ängstlich, flatterte scheu fort, und er bekümmerte sich im Traume darüber, dass er nicht zu erfahren bekam, was sein Mädchen ihm durch den zarten Boten hatte sagen lassen wollen.

Nach diesem hatte er verworrene Gesichter und gegen Morgen eins, was ihm kaum noch wie ein Traum vorkam, es schien ihm Wirklichkeit zu sein, die in seine vom Heuduft umwölkten Sinne fiel. Es war ihm, als oboder vielmehr, es war in der Tat so. In einer anderen Ecke des Schoppens begann es sich zu rühren, und der Jäger sah, wie eine dunkele Gestalt sich reckte, er hörte, wie sie gähnte und darauf sprach: "Mein' Treu, ich glaube', 's ist halber sieb'n." Die stimme war eine ihm ganz bekannte. Die Gestalt erhob sich, tastete umher und kam an den Ort, wo der Jäger lag, befangen von dem Dunste des Schoppens und unfähig, ein Glied zu bewegen, ängstlich starr unter der Last des Alps, der ihn drückte. – "Ei, was a wüster G'sell" rief die Gestalt. "Hast nit heime finden können? Bist ins Heu gekrochen? Nun, schlaf aus, ich verstör' dich nit weiter."

Mit diesen Worten entfernte sich die Gestalt. Der Jäger wollte: "Jochem!" rufen, konnte aber keinen laut aus der zusammengeschnürten Kehle bringen. So lag er noch eine Zeitlang. Endlich setzte sich das stockende Blut doch wieder gewaltsam in Bewegung, er konnte seine arme und Füsse regen. Hastig sprang er von dem gefährlichen Lager auf und eilte in das Freie, um Gottes reine Luft einzuatmen.

Draussen pfiff ihm ein rauher Nordostwind entgegen. Ein brenzlichter Geruch schwebte in der Luft, und ein Bauer, der vorbeiging, sagte: "Es gibt heute Haarrauch." Er fragte den Mann nach dem nächsten wirtshaus, welches ihm in einiger Entfernung auf einer Höhe gezeigt wurde. Sein Weg lief über ein hohes, braunes Heideland, in geringer Entfernung in der Tiefe sah er aber grüne Wiesen, durch welche sich der Fluss, der sie speiste, in zwanzig Windungen schlängelte. Scharen von Landleuten waren mit dem zweiten Hiebe auf den Wiesen beschäftigt. Auf manchen Wiesen wurde die Grummet auch schon gewendet.

Im wirtshaus heilte sich der Jäger von seinen Kopfschmerzen durch das kalte wasser, in welches er sein brennendes Antlitz eintauchte. Aber er blieb nichtsdestoweniger unwohl