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wunderbarerweise konnte ich mich selbst schauen und sah, dass meine Wangen von der Wonne lächelten, als würden mir himmlische Freudenlieder zugesungen. Immer weiter griff die Wonne in mein Herz, immer weiter drängte sie das Grauen zurück, eine furchtbare Angst befiel mich, dass dieses Pünktchen ganz aus mir getilgt und ich eitel Wonne werden würde.

In dieser Not, und dem Verschwinden alles Bewusstseins nahe, gelobte ich mich dem, der mich erwecken und befreien werde, zu eigen. Ich sah nun durch meine geschlossenen Augenlider eine dunkele Gestalt sich über mich beugen. Das Antlitz war edel und gross, und doch fühlte ich einen tiefen Widerwillen gegen diesen und es flog wie ein Schatten durch meine Empfindung, dass er es gewesen sein möchte, der das verdammliche Wort gesprochen habe. Aber immer rief ich stumm in mir und doch laut für mich: 'Wenn er dich weckt und befreit, so musst du ihm für diese überschwengliche Wohltat angehören, denn du hast es gelobt.' – Er hat mich nicht geweckt!"

"Ich, ich habe dich geweckt, mein teures Lieb, und nicht mit Zauberspruch und Segen, nein, mit heissem Kuss auf deine roten Lippen!" rief der junge Ritter entzückt und hielt die schöne Emma fest umschlungen. – "Das sind wohl rechte Wunder im Spessart gewesen, die uns zusammengeführt haben. Ich hatte mich draussen am Heerweg von meinem geliebten Freunde Petrus getrennt nach seltsamen verfänglichen Gesprächen. Als ich einige hundert Schritte geritten war, überfiel mich noch einmal eine grosse sorge um ihn, ich sass ab und wollte wiederholt ihm ans Herz legen, seine dunkelen Wege zu lassen und mit mir gegen Mainz zu ziehen. Als ich mich wandte, sah ich ihn in den Wald schlüpfen. Ich rief seinen Namen, er aber hörte mich nicht. Die Sporen verhinderten mich am raschen Gehen; ich konnte ihm nur von weitem folgen, doch liess ich nicht ab, hinter ihm her zu rufen, was aber vergeblich blieb. Endlich verschwand mir sein schwarzer Mantel zwischen den Bäumen. Auch ich sah die schöne grüne Wiese schimmern und wollte mir den lichten Blumenschein besehen. So kam ich her, nachdem ich noch die Kreuz und Quer nach meinem Freunde gesucht hatte. Auch mich umgab es hier im wald aus den Lüften wie ein Wühlen und Schwingen, das Gewürm war in einer Bewegung, die Vögel verführten ein so eigenes Flattern und Zirpen. – Weil ich aber an die helle gute Strasse dachte, auf die ich den Petrus gern bringen wollte, so hat mir vermutlich das Wesen nichts anhaben können. Als ich dich schlummernd fand, drang mir mit der Gewalt der süssesten Liebe ein ungeheures Mitleid um dich in das Herz, ich frohlockte und weinte doch Tränen, die heissesten, die je aus meinen munteren Augen gekommen. Ich glaube, dass mir vergönnt war, in den Winkel zu schauen, wo dir das Grauen wohnte. Schluchzend und lachend rief ich:

Die schönste Rose, die da blüht,

Das ist der rosenfarbne Mund

Von wonniglichen Weiben;

Am Kuss des Mai'n die Ros' erglüht,

Es soll der schönste Rosenmund

Nicht ungeküsset bleiben!

und da boten meine Lippen in Gottes Namen den deinen ihren Gruss ..."

"Und die Fesseln fielen ab von mir, ich erwachte, und mein erster blick traf in dein treues weinendes Auge", rief die schöne Emma. "Ich dankte Gott, auf dessen Namen ich mich jetzt wieder besann, dass ich erlöset sei, und dann dankte ich ihm, dass du es gewesen, der mich befreiet habe, und nicht jener Dunkle."

Der junge Ritter war nachdenklich geworden. "Ich fürchte", sagte er, "alle diese geheimnisvollen Waldwunder stehen mit Petrus in Zusammenhang. Ich fürchte, dass ich an dem Tage, wo ich meine Liebe gewann, meinen Freund verloren habe. Wo mag er nur geblieben sein?"

Das Paar fuhr erschreckt auseinander; denn sie sahen in dem wasser zu ihren Füssen zwischen ihren blühenden Häuptern ein eisgraues, greises abgespiegelt. "Hier ist er", sagte ein zitternder, gebeugter, schneeweisser Alter, der hinter ihnen stand. Er trug den neuen, schwarzen Mantel des Schülers.

"Ja", sagte der Alte mit schwacher, erloschener stimme; "ich bin dein Freund Petrus von Stetten. Ich stand schon lange hinter euch und hörte eure Reden, und die Geschicke sind klar geworden. Es ist noch der Peter- und Paulstag, an dem wir uns trafen und trennten draussen auf dem Heerwege, der kaum tausend Schritte weit von hier läuft und seit wir voneinander gegangen sind, mag eine Stunde verstrichen sein, denn der Schatten, den der Strauch da auf den Rasen wirft, ist nur um ein Geringes gewachsen. Wir waren vierundzwanzig Jahre alt vor dieser Stunde, du bist darin um sechzig Minuten, ich aber bin derweile um sechzig Jahre älter geworden. Ich habe vierundachtzig. – So sehen wir uns wieder; ich habe es freilich nicht gedacht."

Konrad und Emma waren aufgestanden. Sie schmiegte sich scheu an den Geliebten und sagte leise: "Es ist ein armer Irrsinniger." – "Nein, du schöne Emma", sagte der Alte, "ich bin nicht irre. Dich habe ich geliebt, mein Zauber fiel auf dich, und ich hätte dich haben können, wäre es mir vergönnt gewesen, in Gottes Namen dir den roten Mund zu küssen, was der einzige Segen ist,