grosses Hindernis dar. Denn die Feder war in dem alten verrosteten schloss längst untätig geworden, und die Klinke gab nur wiederholtem und gewaltsamem Drücken nach, bei welchem sie aber nicht selten aus ihrer Mutter fuhr und dem Klinkenden in der Hand sitzen blieb. Die Bewohner pflegten sich daher auch mehr eines nach und nach sehr erweiterten Loches in der Wand zum Ein- und Ausgange zu bedienen, und dieses nur für die Nachtzeit durch vorgesetzt Tonnen und Kasten zu versperren.
Wenn man die Fenster die Augen eines Hauses nennen darf, so konnte man dieses sogenannte Schloss mit gutem Rechte zum teil erblindet heissen. Denn nur vor wenigen und den notwendigsten Zimmern waren jene Augen noch ersichtlich, viele andere Gelasse waren für immer durch die zugemachten Läden in Dunkelheit versetzt worden, weil sich die Scheiben nach und nach aus den Rahmen verloren hatten.
Zwischen so morsch gewordnen vier Pfählen und in kahlen, vernutzten Zimmern Lauste noch vor wenigen Jahren ein bejahrter Edelmann, den sie in der ganzen Gegend nur den alten Baron nannten, mit seiner gleichfalls verblühten nachgerade vierzigjährigen Tochter Emerentia. Er gehörte zu dem weitläuftigen Geschlechte derer von Schnuck, welches weit umher in diesen Landschaften seine Besitzungen hatte, und sich in folgende Linien, Zweige, Äste und Nebenäste spaltete, nämlich in die I. Ältere, oder graumelierte Linie – Linie Schnuck
Muckelig; gestiftet von Paridam, Herrn auf und zu
Schnuck-Muckelig.
1. Älterer oder aschgraumelierter Zweig – Zweig
Schnuck-Muckelig-Pumpel.
2. Jüngerer oder silbergraumelierter Zweig – Zweig
Schnuck-Muckelig-Pimpel.
II. Jüngere oder violette Linie – Linie Schnuck
Puckelig, gestiftet von Geiser, Burgmannen auf
und zu Schnuck-Puckelig.
1. Älterer oder violetter Zweig mit Schüttgelb.
Zweig Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf.
a. Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf-Mot
tenfrass.
b. Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf, ge
nannt aus der Rumpelkammer.
(NB. Stand nur auf vier Augen.)
2. Jüngerer oder violetter Zweig, genannt im Grütz
feld. Zweig Schnuck-Puckelig-Erbsenscheu
cher.
a. Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher von
Donnerton.
b. Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der
Boccage. Davon der Nebenast: Schnuck
Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage
zum Warzentrost.
Von diesem Nebenaste war unser alter Baron entsprossen.
Die vielfältige Teilung des Geschlechts derer von Schnuck hatte eine bedeutende Teilung des Stammerbes zur Folge gehabt, und namentlich in der jüngeren Linie, welche von jeher durch grosse Fruchtbarkeit ausgezeichnet war, die Güter in eines jeden Erbherrn Händen merklich gemindert. Man war daher zu der Erfindung überzugehen genötigt gewesen, dass denen von Schnuck alle Kirchenpfründen und alle Kriegsämter im Fürstentume von Rechts wegen gehören; eine Erfindung, die um so eher bei den Fürsten von Hechelkram Glauben fand, als die Schnucks, wie gesagt, über das ganze Land verbreitet waren, und Vetter Boto sagte, es sei so, Vetter Günter behauptete, es sei so am besten, Vetter Achaz einfliessen liess, die Schnucks und ihr Anhang bildeten die eherne Mauer um den Tron, Vetter Bartolomäus folgerte, weil es notwendig sei, dass die Schnucks existierten, so müssten sie auch die Mittel zu ihrer Existenz, d.h. Pfründen und Ämter, haben, sechsunddreissig andre Schnucks aber noch sechsunddreissig andre Gründe für die Richtigkeit der Erfindung zum Vorschein brachten. Die Fürsten, welche nur von Schnucks umgeben waren, und von diesen nichts anderes hörten, als vorgedachte Reden, mussten wohl endlich an die Richtigkeit der Erfindung glauben. Bedeutend wirkte auch auf die Stärkung dieses Glaubens der Umstand ein, dass nach der Verfassung von Hechelkram der jedesmalige Fürst seine jedesmalige Geliebte aus dem Geschlechte derer von Schnuck zu beziehen hatte. Diese Damen waren aber, wie sich von selbst versteht, im agnatischen Interesse tätig.
Die Erfindung war daher bald fest begründet, und gelangte als Anhang in den Landeskatechismus. Nun konnten die von Schnuck unbesorgt hinleben und ihren Samen mehren, wie Sand am Meere. Wenn sie das Ihrige verzehrt hatten, so zehrten sie als Generale auf Regimentsunkosten weiter, und die Söhne, ausser einem, liessen sie Prälaten oder Geheime Räte im höchsten Kollegio werden. Denn ich habe die Erfindung nicht ganz vollständig vorgetragen: Nach derselben war jeder Schnuck, wenn er den Zivildienst wählte, geborner Geheimer Rat im höchsten Kollegio. – –
"Sie stocken ... Sie seufzen ... Herr Herausgeber?"
"Ach, meine Gnädige, ist es nicht ein Unglück für einen armen Erzähler, dass er immerfort die alten Geschichten wieder aufwärmen muss? Die Sachen, die ich da berichte, schienen schon vor fünfzig Jahren durch die Romanenschreiber jener zeiten so verbraucht zu sein! Und ich muss den längstgekochten Kohl doch wieder zum Feuer rücken!"
"Sie erzählen ja von der Vergangenheit, Herr Herausgeber, und dahinein gehören allerdings solche alte Geschichten."
"Ich danke Ihnen tausendmal für diese Erinnerung, meine Gnädige. Jawohl, ich erzähle von der Vergangenheit, von Dingen, die ab und tot sind, wie die weiland in der Schmiede gewesene Adelskette. Meine Phantasie riss mich nur hin, dass ich mir die Erfindung derer von Schnuck als der Gegenwart oder nächsten Zukunft angehörig vorstellen musste. Nein, sie wird nicht wieder aufkommen, diese Erfindung; gegen sie spricht wirklich eine ungeheure Majorität, die Majorität aller rechtlichen Leute, die es sich haben sauer werden lassen in der Welt. Also nur ohne Stocken und Seufzen weiter in diesen Sagen der Vorzeit!