Köhler, "seid Ihr ein so böser Christ, dass Ihr Apostelntag nicht kennt? Wir haben Peter und Paul, wo der Hirsch aus dem Wald ins Korn tritt. Ich will meinem Jungen da aus dem Maserast ein Spielwerk schneiden, sonst arbeit' ich nicht an dem Tag, aber das ist zur Lust und Ergötzlichkeit, und die ist erlaubt, sagt der Kaplan."
"Ich bitte dich, Gesell", rief der Schüler, den das Grauen immer stärker durchrieselte, "sag' mir an, welche Jahrzahl schreibt ihr in der Christenheit?" Der Köhler, von dem auch die Feiertagswäsche den Russ nicht hatte bringen mögen, hob sich mit seinen mächtigen Gliedern schwarz zwischen den grünen büsche empor, und sprach nach einigem Besinnen die Jahreszahl aus. – "O du mein Heiland!" schrie der Schüler und stürzte, von seinem Stecken nicht gehalten, auf den Steinen zusammen. Dann schleuderte er den Stekken hinweg und kroch zitternd den Steinpfad hinab.
Verwundert trat der schwarze Köhler, den Maserast in der Hand, aus den Sträuchen auf die Steine, sah den Stecken liegen, bekreuzte sich und sprach: "Der ist von der Eibe, die da droben wächst im Eulenstein, wo der Schuhu horstet. Sie sagen, sie schaffe den Zauber, und löse geschaffenen Zauber. Gott behüte uns! der Alte hatte böse Dinge auslaufen lassen." – Dann ging er in die Büsche zurück, seiner Hütte zu, um das Spielwerk für seinen Knaben zu schnitzen. Unten auf der lustigen Waldwiese neben der Hainbuchenlaube, am klaren Wässerlein, welches dort seine Ränder zu einem breiten Becken auseinandergespült hatte, sassen der junge Ritter Konrad und die Schöne, welche er ohne magische Künste aus dem Schlummer geweckt hatte. Lieblich drängten sich rote, blaue und gelbe Kelche aus den Gräsern um sie her, und das Paar blühte in Jugend und Schönheit, der Ritter in seinem bunten Schmuck, die Jungfrau in ihren silberglänzenden Schleiern, als die herrlichste Blume aus diesem Schmelz empor. Er hatte seinen Arm sanft um ihren Leib gelegt und sagte, ihr treu und zärtlich in das Auge sehend: "Bei der Asche meiner lieben Mutter, und bei dem heiligen Zeichen auf dem Griffe dieses Schwerts, ich bin, der ich mich dir genannt habe, Herr meiner Schlösser und meiner Tage, und beschwöre dich nun, du holdseliges Wunder dieses Forstes, dass deine Lippen das Wort sprechen, welches mich auf ewig dir in den Besitz geben wird, den der Priester vor dem Altare weihen und segnen soll." –
"Was für ein Wort begehrst du noch?" sagte die Schöne leise, indem sie züchtig die Wimpern senkte. "Hat nicht mein Auge, meine Wange, mein klopfender Busen alles gesprochen? Minne ist eine gewaltige Königin; sie fährt daher unversehens und ergreift, den sie mag, ohne Widerstand zu dulden. Bringe mich, bevor der Tag sinkt, nach dem Kloster am Odenwald zur frommen Äbtissin, sie wird mich unter Schirm nehmen, dort will ich zwischen stillen Mauern harren, ob du kommen und mich heimführen willst." Sie wollte aufstehen, der junge Ritter hielt sie aber sanft zurück und sagte: "Lass uns an diesem platz, wo meine Seligkeit wie ein goldenes Märchen emporsprosste, noch einige Augenblicke verweilen. Fürchte ich doch noch immer, dass du mir, gleich einer reizenden Waldnymphe verschwindest! Hilf mir, dass ich an dich glaube und an deine holde Sterblichkeit. Wie bist du hergekommen? Was war mit dir?"
"Ich war", versetzte die Schöne, "heute morgen zu wald geflohen vor meinem Vormunde, dem Grafen Archimbald, dessen Absichten plötzlich, ich weiss nicht, ob auf mich, oder auf meine Güter, bös und erschreckend hervorgetreten waren. Was hilft der Jugend und dem weib reiches Erbe? Es ist immerdar schutzlos und verlassen. Ich wollte mich zur Äbtissin flüchten, ich wollte den Kaiser in Mainz antreten, kaum
wusste ich selbst, was ich wollte. So kam ich in diese grünen Baumhallen. Mein Herz war nicht auf den Helfer gerichtet, meine Gedanken haderten mit dem Himmel.
Auf einmal, wie ich diese Wiese schon vor mir liegen sah, war mir, als würde da drüben in den büsche etwas gesprochen, worauf ich mich und alles um mich her verwandelt fühlte. Ich kann dir das Wort, oder den laut nicht beschreiben, mein Geliebter! Der Gesang der Nachtigall klingt heiser gegen seine Süssigkeit und das Rollen des Donners ist, mit ihm verglichen, nur ein schwaches Flüstern. Es war gewiss das Geheimste und Zwingendste, was es zwischen Himmel und Erde geben kann. Auch auf mich übte es eine unwiderstehliche Gewalt, da es in meinen fassungslosen Geist, in das Getümmel meiner Sinne fiel und kein Gedanke des Heils ihm in mir entgegentrat. Meine Augen schlossen sich und doch sah ich den Weg vor meinen Füssen, den die Füsse, wie von unsichtbaren, weichen Händen gelenkt, wandeln mussten. Ich schlief und schlief doch nicht, es war ein unbeschreiblicher Zustand, in dem ich endlich unter jener Laube auf weichem Moose niedersank. Es sprach und sang alles um mich her, in mir fühlte ich den Wogenschlag der jubelndsten Wonne, jeder Tropfen Blutes leuchtete und tanzte durch die Adern und doch sass mir im tiefsten Herzen das alleräusserste Grauen vor dieser Verfassung und die heisseste Bitte um Erweckung aus meinem Schlafe. Aber ich spürte, dass von dem Grauen nichts in mein Antlitz trat,