das Gestein über, neben, vor der Höhle.
"Hier wohnt unser Weiser!" rief die Elster, indem sich ihre Federn vom Kopf bis zum Schweife sträubten und krausten, so dass sie ein unheimliches und widerwärtiges Ansehen bekam. "Ich will dich bei ihm anmelden und fragen, wie er über deinen Wunsch gesonnen ist?" mit diesen Worten schlüpfte sie in die Kluft. Sie kam aber gleich wieder herausgesprungen und rief: "Der Alte ist mürrisch und eigensinnig, er will nicht anders dir den Eibenzweig geben, als wenn du ihm alle Ritzen der Höhle verstopfest, denn er sagt, die Zugluft sei ihm empfindlich. Aber ehe du damit fertig wirst, kann manches Jahr vergehen." – Der Schüler raffte des Mooses und Krautes zusammen, soviel er fassen konnte, und ging nicht ohne Schauder in die Höhle. Drinnen sahen ihn von den Wänden Tropfsteinfratzen an, er wusste nicht, wohin er sein Auge vor den abscheulichen Gestalten retten sollte. Er wollte tiefer in den Felsging dringen, da schnarchte es ihm aus der hintersten Ecke entgegen: "Zurück! Störe mich nicht in meinen Forschungen, treibe da vorne dein Wesen!" Er wollte entdecken, wer da spreche, sah aber nichts als ein Paar glühroter Augen, die aus dem Dunkel leuchteten. Nun gab er sich an seine Arbeit, stopfte überall Moos und Kraut ein, wo er eine Spalte sah, durch welche ein Schimmer des Tageslichtes drang, aber das war ein schwieriges und, wie es schien, unendliches Werk. Denn, glaubte er mit einer Spalte fertig zu sein und sich zu einer anderen wenden zu können, so fiel das Eingestopfte wieder heraus und er musste von vorn beginnen. Dazu schnarrte das Schnarchende im Hintergrund der Höhle Töne und Laute ohne Sinn ab und liess nur bisweilen verständliche Worte ausgehen, die so klangen, als ob es sich seiner tiefen Forschungen berühme.
Die Zeit schien dem Schüler im reissenden Fluge unter seiner verzweiflungsvollen Arbeit vorüberzueilen. Tage, Wochen, Monate, Jahre kamen, so dünkte ihm, und schwanden, und dennoch spürte er weder Hunger noch Durst. Er glaubte sich dem Wahnwitze nahe und wiederholte sich still mit einer Art von rasender leidenschaft die Jahreszahl und dass er am Tage Peter und Paul zu wald gegangen sei, um nicht gar aus aller Zeit zu treten. Wie aus weiter Ferne sah ihn das Bild seiner geliebten Schlummernden an, er weinte vor sehnsucht und Trauer und doch fühlte er keine Träne über die Wangen rinnen. Auf einmal war es ihm, als sehe er eine bekannte Gestalt sich der Schläferin nähern, entzückt sie betrachten und sich dann wie zum Kusse über sie beugen. In diesem Augenblicke übermannten ihn Schmerz und Eifersucht, alles um sich her vergessend stürzte er gegen den dunkeln Hintergrund der Höhle. "Den Eibenzweig!" rief er heftig. "Da wächst er!" antwortete das Glühende, Schnarchende, und zugleich fühlte er die Zweige eines Baumes in der Hand, der aus einer finsteren Spalte der Grotte emporstand. Er brach an einem Zweige, da tat es ein Winseln um ihn her, das Glühende schnarchte stärker als jemals, die Höhle schwankte, schütterte, stürzte zusammen, Nacht wurde es vor den Augen des Schülers, und unwillkürlich rief es aus ihm hervor:
Vor den Eiben
Kein Zauber tut bleiben.
Als seine Augen wieder helle wurden, sah er sich um. Ein dürrer, sonderbar missfarbiger Stecken lag in seiner Hand. Er stand zwischen Gestein, welches sich zu einer Kluft wölbte, die aber nicht eben mächtig war. In der Tiefe klangen schrillende, pfeifende Töne, wie sie die grossen Eulen von sich zu geben pflegen. Die Gegend umher war wie verwandelt. Es war eine mässige Anhöhe, kahl und ärmlich, mit unbedeutenden Steinen übersäet, zwischen denen auf der einen Seite nach der Tiefe zu durch feuchtes Erdreich der Weg hinableitete, den er heraufgekommen war. Von den grossen Felsblöcken war keiner mehr zu erschauen. Ihn fror, obgleich die Sonne hoch am Himmel schien. Es bedünkte ihn, als habe sie denselben Stand, wie damals, als er ausgegangen war, den Zweig zu holen, der nun zum dürren Stecken in seiner Hand geworden war. Er ging den Pfad über die Steine hinab, das Wandern fiel ihm beschwerlich, er musste sich auf den Stecken stützen, das Haupt hing auf die Brust hinab, er hörte seinen Otem, der mühsam aus ihr hervordrang. An einer schlüpfrichten Stelle des Pfades glitt er aus und musste sich am Gebüsch halten. Dabei kam ihm seine Hand dicht vor das Auge, die sah grau und runzlicht aus. "Herr Gott!" rief er, von einem Schauder gepackt, "bin ich denn so lange – –?" Er wagte seinen eigenen Gedanken nicht auszusprechen. "Nein", sagte er, sich gewaltsam beruhigend, "es tut die kühle Waldluft, dass mich so friert, matt bin ich von der Anstrengung geworden, und das gebrochene fahlgrüne Licht, welches durch die Büsche fällt, gibt den Händen die seltsame Farbe." Er schritt weiter und sah auf den Steinen die wilden Blumen und Blätter liegen, welche er bei dem Hinaufklimmen dahin gestreut hatte, den Weg zu merken. Sie waren frisch, als seien sie eben hingelegt worden. Damit war ihm ein neues Rätsel gesetzt. Ein Köhler hockte seitwärts vom Wege im Gehölz und schnitt Äste ab, den fragte er nach dem Tage.
"Ei Vater", versetzte der