1836_Immermann_045_187.txt

ihm ein Anblick, der ihm Sinn und Seele in noch gewaltigeren Aufruhr jagte, als da er das Zauberwort aussprach. Auf dem Moose, welches wie ein Pfühl die schöne Last umquoll, ruhte die reizendste Jungfrau und schlummerte. Ihr Haupt lag etwas erhöht, den einen Arm hatte sie unter den Nacken geschoben, die weissen Finger leuchteten aus dem Goldbraun der Locken, welche in langen weichen Fluten sich zärtlich um Hals und Busen schmiegten. Mit unsäglicher Wonne und Wehmut schaute der Schüler in das herrliche Antlitz, auf den Purpur der Lippen, auf die Blüte der Glieder, von denen ein verklärender Widerschein auf das dunkele Mooslager fiel. Dass die Schläferin, wie von einem geheimen Drucke belastet, in süsser Angst zu atmen schien, machte sie in seinen Augen nur noch verlockender, er fühlte, dass sein Herz auf immerdar gefangengenommen sei, und nur an diesem mund sein Lechzen stillen könne. "Ist es nicht schade", sagte die Elster, die durch die Lucke in die Laube gehüpft war, und sich der Schläferin auf den Arm setzte, "dass eine so schöne Prinzessin sich hat müssen einspinnen lassen?" – "Wie? Einspinnen?" fragte der Schüler; "sie ruht ja, in ihren weissen Schleier gehüllt." – "O Torheit!" rief die Elster, "ich sage, es sind Spinnweben und der König Kanker hat sie eingesponnen." – "Wer ist der König Kanker?"

"Im menschlichen Zustande war er ein reicher Garnspinnerherr", versetzte die Elster, indem sie wohlgefällig mit dem Schwanze wippte. "Er hatte seine Garnspinnerei nicht weit von hier, ausser dem wald, am Flüsschen, und an die hundert Arbeiter spannen unter ihm. Das Garn wuschen sie im Flüsschen. Darin wohnt aber der Nix, und der war ihnen schon lange bitterböse, weil sie mit der ekelhaften Wäsche seine klaren Fluten trübten, und weil alle seine Kinder, die Schmerlen und die Forellen, von der Beize abstanden. Er wirrte das Garn untereinander, die Wellen mussten es über den Rand des Ufers schleudern, er trieb es abwärts in die Strudel, um den Spinnerherrn zu warnen, aber alles war vergeblich. Endlich, am Johannistage, an welchem die Flussgeister Macht haben, zu schrecken und zu schaden, spritzte er der ganzen Garnwäscherzunft und ihrem haupt, da sie eben wieder ihre Wäscherei recht frech und gewissenlos trieben, Feienwasser in das Antlitz, und, wie wilde und blutdürstige Menschen Werwölfe und Werkater werden können, so sind die Garner und ihr Haupt Werkanker geworden. Sie liefen alle vom Flüsschen zum wald und hangen mit ihren Geweben überall an Bäumen und Sträuchen umher. Die Spinner sind gewöhnliche kleine Kanker geworden, fangen Fliegen und Mücken; ihr Herr aber hat fast seine frühere Grösse behalten und heisst der Kankerkönig. Er stellt den schönen Mädchen nach, umspinnt sie, betäubt sie mit seinem giftigen Dunste und saugt ihnen dann das Blut vom Herzen. Zuletzt hat er diese Prinzessin überwältigt, welche von ihrem Gefolge im wald abgekommen war. Sieh dortdortdort regt er sich zwischen den büsche."

Wirklich war es dem Schüler, als sehe er durch die Zweige gegenüber einen riesigen Spinnenleib schimmern, zwei haarige Füsse, dick wie Menschenarme arbeiteten sich durch das Laub; eine entsetzliche Angst um die schöne Schläferin ergriff ihn, er wollte dem Ungeheuer entgegenstürzen. "Umsonst!" rief die Elster und schlug mit den Flügeln; "alle verzauberte Menschen haben furchtbare Kräfte, das Ungetüm würde dich in der Umknotung ersticken, aber streue deiner Schönen Farrensamen auf die Brust, der macht sie unsichtbar vor dem Kankerkönig, und solange nur ein Stäubchen davon liegt, dauert der Segen aus." Eiligst streifte der Schüler den braunen Staub von der unteren Fläche eines Farrenblattes ab und tat, wie ihm der Vogel gesagt hatte. Indem er sich hiebei über die Schläferin beugte, rührte ihr Otem seine Wange. Verzückt rief er: "Gibt es kein Mittel, dieses geliebte Bild zu befreien?" – "Oh!" schrie der Vogel und schoss wie toll in Zickzackflügen um den Schüler, "wenn Ihr mich um so ein Mittel befragt, das gibt es wohl. Unser weiser Alter in der Kluft hat den Eibenbaum in Verwahr, wenn Ihr davon einen Zweig bekommt und mit demselben die Stirne der Schönen dreimal berührt, so weicht alle Fesselung von ihr,

Denn vor den Eiben

Die Zauber nicht bleiben;

sie wird in Eure arme sinken und Euch, als ihrem Retter, angehören." In diesem Augenblicke war es, als ob die Schlafende die Reden des Vogels vernähme. Ihr schönes Gesicht wurde von einer zarten Röte überzogen, ihre Züge nahmen den Ausdruck einer unendlichen sehnsucht an. "Führe mich zum weisen Alten!" rief der Schüler halb von Sinnen.

Der Vogel sprang in die Büsche, der Schüler eilte ihm nach. Die Elster flatterte einen engen Felsenweg empor, der bald nur noch über Morast und wild umhergeworfene Steinblöcke gefährlich hinanleitete. Von Block zu Block musste der Schüler klimmen, wollte er nicht im Sumpfe versinken. Seine Kniee zitterten, seine Brust keuchte, seine Schläfe bedeckte kalter Schweiss. Er rupfte in der Eile Blumen und Blätter ab und streute sie auf die Steine, damit er den Weg wiederfinden möchte. Endlich stand er auf bedeutender Höhe vor einem geräumigen Felsenportal, aus dessen dunkelem Schlunde ihm eine Eisluft entgegenstrich. Die natur schien hier noch in der uralten Gärung zu sein, so fürchterlich und zerrissen starrte