1836_Immermann_045_185.txt

Dickicht hineinarbeitete und vor der lichten Sonnenwelt da draussen floh. Aber es war nicht bloss der gang, der ihm heiss machte, auch sein Gemüt arbeitete unter der Last schwerer Erinnerungen. – Endlich kam er, nachdem ihm der Pfad längst unter den Füssen geschwunden war, auf einen schönen, glatten, dunkeln Platz unter mächtigen Eichen. Noch immer hörte er aus der Ferne seinen Namen rufen. "Hier wird mich der rohe laut von da draussen nicht mehr erreichen", sagte er, "hier werde ich still geborgen sein." Er sank an einem grossen moosbedeckten Steine nieder, seine Brust wogte, er kämpfte mit einem gewaltigen Gelüste. "Vergib mir, hoher Meister, meinen Fürwitz", rief er; "aber es gibt ein Wissen, dem die Tat folgen muss, sonst erdrückt es den Sterblichen! Hier, näher dem Herzen der grossen Mutter, wo unter dem Spriessen und Wachsen schon vernehmlicher ihre Pulse klopfen, hier muss ich es aussprechen, dass Zauberwort, welches ich von deinen schlafenden Lippen ablauschte, als du es im Traume sprachest; das Wort, auf dessen Ertönen die Kreatur den Schleier hinwegwirft, die Kräfte sichtbar werden, die unter Rinde und Haut und im Kerne des Felsens arbeiten, und die Sprache des Vogels dem Ohre verständlich klingt."

Seine Lippen zuckten, das Wort zu sprechen, aber noch hielt er inne, denn vor sein Auge trat der kummervolle blick, mit dem ihn sein grosser Meister Albertus gebeten hatte, nach seinem Beispiel von der zufällig erlangten Kunde keinen Gebrauch zu machen, da schwere Dinge dem Menschen bevorständen, der mit Absicht das Zauberwort spräche.

Plötzlich jedoch rief er es, wie von dem Verbote und von der Furcht nur um so gewaltiger vorwärts gestossen, laut in den Wald, indem er seine Rechte ausreckte.

Alsobald tat es in ihm einen Schlag und einen Ruck, dass er meinte, der Blitzstrahl habe ihn getroffen. Seine Augen erblindeten, und es wahr ihm, als ob ihn ein reissender Wirbelwind im Kreise durch den unermesslichen Raum schleudere. Als er entsetzt und schwindlicht mit den Händen umhergriff, fühlte er zwar den moosigen Stein, an dem er gestanden, und kam dadurch in seinem inneren wieder zur Erde zurück, aber nun geschah an ihm ein neues unheimliches Zeichen. Denn wie er vorher gleich einem Sandkorn durch das All geschleudert worden war, so kam es ihm nun vor, als ob sich sein Leib in das Unendliche ausdehne. Unter furchtbaren Schmerzen trieb die neue in ihm aufgewachte Kraft seine Gliedmassen zu ungeheurer Grösse, dass er meinte, er müsse an den Himmel rühren. Die Wände seines Hauptes und seiner Brust wurden tempelweit, in sein Ohr fielen Töne, fremd, zerreissend, himmlisch, und er sagte zu sich: "Das ist der Gesang der Sterne in ihren goldenen Bahnen." Endlich machten die Schmerzen einer prickelnden Wollust Raum, in welcher er seinen Körper wieder zu gewöhnlichem Masse zusammenschrumpfen fühlte, während die Riesengestalt wie eine äussere Schale oder eine Art von Atmosphäre in luftigen Umrissen um ihn stehen blieb. Die Finsternisse wichen von seinen Augen, indem sich grosse, gelbglänzende Lichtflächen, wie bei dem Gefühle der Blendung, von den Äpfeln ablösten und in die Augenwinkel zogen, wo sie allmählich verschwanden.

Während er so wieder sehend wurde, sang ein feiner, süssstimmiger Chor um ihn herer wusste nicht, waren es die Vögel allein, oder gaben auch Zweige, Stauden und Gräser ihren Beitrag? – ganz vernehmlich:

Wir dürfen's ihm sagen,

Er muss es ertragen;

Gehört uns nun eigen,

Wird balde

Im wald

Erkalten und schweigen.

In dem moosigen Felsblock murrte es leise aber hörbar, es war, als ob der Stein sich regen wollte und könnte es nicht, wie ein Scheintoter. Der Schüler blickte auf die Fläche des Steins, ach! da liefen die grünen und roten Adern zu einem uralten Antlitz zusammen, welches ihn aus müden Augen so wehmütig und hülfeflehend anschaute, dass er sich erschüttert abwandte und bei den Bäumen, Pflanzen und Vögeln Trost suchte.

Unter denen war auch alles verwandelt. Wenn er auf das kleine braune Moos trat, so ächzte es und schrie über den unsanften Druck, und er sah, wie es die behaarten Händchen rang und die gelben oder grünen Häuptlein schüttelte. Die Stengel der Pflanzen und die Stämme der Bäume befanden sich in einer immerwährenden schraubenförmigen Bewegung, und zugleich liess ihn die Rinde oder die äussere Haut in das Innere blicken, worin feine Geisterlein zartglänzende Tröpfchen in die Röhren schütteten. Dann stieg das klare Nass von Röhre zu Röhre, indem sich unaufhörlich Klappen öffneten und zuschlossen, bis es oben in den Haarröhrchen der Blätter zu einem grünen Dufte wurde. Leichte Verpuffungen und Feuer entzündeten sich nun in dem Geäder der Blätter; ein Äterisches, Flammendes spieen unaufhörlich ihre feingeschnittenen Lippen aus, während ebenso unaufhörlich der schwerere teil jener feurigen Erscheinungen in weichen Dampfwellen durch die Blätter hin und her schlich. In den blauen Glockenblumen, die auf dem feuchten Waldgrunde standen, war ein Klingen und Singen; sie trösteten mit einem schönen lied das arme alte Antlitz im Stein und sagten, wenn sie nur vom Boden los könnten, so würden sie ihm herzlich gern die Erlösung bringen. Aus den Lüften blickten den Schüler sonderbare grüne, gelbe und rote Zeichen an, die immer sich zum Bilde fügen wollten und dann wieder auseinanderbrachen, von allen Seiten kroch und schritt das Gewürm und Gekäfer an ihn heran und trug ihm verworrene Anliegen vor