Einem jeden werden seine Pfade gewiesen, dem einen dieser, dem andern jener", versetzte der Schüler. "Nicht der Sprung des Blutes macht das Leben aus; weiss ist der Marmor, und Marmorwände pflegen die Räume einzuschliessen, in welchen Götterbilder aufgerichtet stehen. – Doch genug davon, und nun zu dir. Was hast du denn getrieben, seit wir uns nicht sahen?"
"Ach davon", rief der junge Ritter Konrad mit seiner ganzen Lustigkeit, "ist wenig zu vermelden! Ich stieg zu Ross und stieg wieder herunter, fuhr an manchen guten Fürstenhöfen umher, verstach manchen Speer, gewann manchen Dank, misste manchen Dank, schaute in manches minniglichen Weibes Auge. Meinen Namen kann ich schreiben, meinen Degenknopf drücke ich daneben in Wachs ab, ein Lied kann ich reimen, wenn auch nicht so gut, wie Meister Gottfried von Strassburg. Schwertleite und Waffenwacht brachte ich hinter mich und empfing den Ritterschlag zu Forchheim, jetzt reite ich gegen Mainz, wo der Kaiser das Turnier halten will, mich bass zu tummeln und des Lebens zu freuen."
Der Schüler sah nach dem stand der Sonne und sagte: "Es ist traurig, dass wir nach diesem herzlichen Treffen uns so bald wieder trennen sollen. Aber doch wird es, wenn wir unser Ziel heute zu erreichen wünschen, notwendig sein."
"Komm mit gegen Mainz!" rief der andere, indem er aufsprang und den Schüler in einer sonderbar gerührten Stimmung, die gleichwohl ein lachen zuliess, ansah. "Lass das finstere Regensburg und den Dom und die Sakristei; erheitere dein Antlitz unter fröhlichen Gesellen am runden Tisch in der Weinlaube und vor den Blumenfenstern lieblicher Mädchen, lass deine Ohren durch Flöten- und Schalmeienklang reinbaden von den schauerlichen Vigilien der Tempelherren, die ja in der ganzen Christenheit für arge Ketzer und Baffometuspriester gelten. Komm mit gegen Mainz, mein Petrus!"
Die letzten Worte sprach er schon im Sattel. Er streckte dabei wie flehend seine Hand nach dem Freunde aus. Dieser wandte sich seitwärts ab und zog seinen Arm verweigernd zurück. "Was fällt dir ein?" rief er unwillig lächelnd. "Ach, mein Konrad, hätte ich nicht vorher gesagt, dass jedem seine Strasse gewiesen sei, so würde ich dir zurufen: Kehre du um, du Leichtsinn, du Fahrlässiger! Die Jugend vergeht, der Scherz verklingt, das lachen will eines Tages plötzlich nicht mehr gelingen, weil das Antlitz zu starr geworden ist, oder grinset widerwärtig aus welken Runzeln! Wehe dem, wessen Scheuren dann nicht voll, wessen Kammern nicht gerüstet sind! Ach! es muss etwas Trübes um so ein kahles, verarmtes Alter sein, und das Sprichwort hat wohl recht, welches sagt: Zu lustig am Morgen, schafft abends Kummer und Sorgen. Wenn ich dich so ansehe, mein Jugendbruder, kann mir recht bange um dich werden, o wer weiss, wie verwandelt ich dich wiedertreffe!"
Der Ritter schüttelte dem ernsten Schüler herzlich die Hand und rief: "Vielleicht bist du verwandelt, stossen wir wieder aufeinander, prunkst in Sammet und Seide, und tust's uns allen zuvor!" – Er sprengte davon, und aus der Ferne hörte der Schüler ihn noch ein Lied singen, welches damals von Mund zu mund ging und ungefähr so lautete:
Die schönste Rose, die da blüht,
Das ist der rosenfarbne Mund
Von wonniglichen Weiben;
Sie tut sich erst als Knospe kund,
In sich geschlossen, und bemüht,
So recht für sich zu bleiben!
Der Mai küsst alle Rosen wach,
Auf rosenfarbnen Mund der Kuss:
Die Lippe kommt zum Blühen;
Drum keine Lippe ohne Kuss,
Und jedem Kuss an seinem Tag
Der schönsten Lippen Glühen!
Ein Schmetterling flog vor dem Schüler auf. "Ist das Leben der meisten Menschen nicht dem Flattern dieses Falters zu vergleichen?" sagte er. "Bunt und leicht prunkt er dahin und doch sind seine Freuden so kurz und öde. Mit gewaltigen, grossen Augen blickt er umher, aber die matten Spiegel empfinden nur eine leere Abwechselung von Licht und Schatten, nicht die volle Gestalt, die feste Farbe." – Der Wald sah ihn aus seinen grünen Tiefen mit unwiderstehlichem blick an. "Was tut's", rief er, "wenn mein geduldig Tier auf diesem Rasen eine Weile allein zurückbleibt! Es läuft mir nicht davon, ich spüre so eine innige sehnsucht, ein Stündchen da hineinzuwandern, wie labend muss es da tief drinnen sein!"
Er schritt seitab von der Landstrasse auf einem engen Pfade, der sich nach kurzem Gehen zwischen den hohen Stämmen zu Tale senkte, in den Wald und war bald in einer völligen Einsamkeit, in der es um ihn her rauschte, flüsterte, schwirrte, und nur einzelne Sonnenlichter, grünlich gebrochen, wie Irrlichter ihn umspielten. Zuweilen war es ihm, als ob sein Name hinter ihm aus der Ferne gerufen werde, er wusste selbst nicht, der Ruf kam ihm widerwärtig und hassenswürdig vor, dann hielt er den Ton auch wohl wieder für eine Täuschung, aber er mochte dies oder das denken, fürbass schritt er nur immer tiefer in den dunkeln Forst. Grosse knorrige Baumwurzeln lagen wie Schlangen quer über den Weg hin gespannt, dass der Schüler beinahe über sie gestolpert wäre, Hirschkäfer standen wie Edelwild im Moose. Aus kleinen Felsgrotten leuchtete der Psittichglanz des Goldmooses. Der Schweiss stand ihm vor der Stirne, wie er so immer hastiger sich in das