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Sternenhimmel abzukühlen. Dann sah ich nicht selten in dem gegenüberliegenden Tempelhause Licht; bei dem Scheine roter fackeln zogen die Ritter in ihren weissen Ordensmänteln wie Geister durch die Galerien, verschwanden hinter den Pfeilern und kamen dann wieder zum Vorschein; im äussersten Eck des Flügels wurden vor den Fenstern Vorhänge niedergelassen, durch deren dünne Stellen aber ein wundersamer Schein drang, und hinter welchen sich Weisen vernehmen liessen, welche süss und schaurig wie verbotenes Gelüste durch die Nacht drangen.

So gingen meine Tage hin, unscheinbar von aussen, innen aber ein glänzendes fest aller Wunder. Albertus zeichnete mich bald vor den übrigen Schülern aus; nicht lange, so merkte ich, dass er gewisse Worte, die den andern unbeachtet vorüberschlüpften, gegen mich mit einer besonderen Betonung zu wiederholen pflegte; Worte, die auf den geheimnisvollen Zusammenhang alles menschlichen Wissens und auf eine tief unten in dunkler Verschwiegenheit treibende gemeinsame Wurzel des grossen Baumes hinwiesen, welcher da droben am Lichte seine gewaltigen Zweige als Grammatik, Dialektik, Redekunst, Zahlenlehre, Geometrie, Astronomie und Musik auseinanderlegte. – Sein Auge ruhte bei solchen Worten durchdringend auf mir, und meine Blicke liessen ihn erkennen, dass er eine tiefe sehnsucht nach den letzten und grössten Schätzen seines Geistes in mir entzündet hatte.

So kam es denn allgemach, dass ich der Vertraute seiner heimlichen Werkstatt und der Lehrling wurde, auf den er einen teil seines Pfundes als kostbares Vermächtnis vererben wollte. – Es gibt nur ein Mark der Dinge, welches hier im Metall lastet und wieget, dort in der schwankenden Pflanze, im leichtsinnigen Vogel vom Urkern sich abzulösen ringt. Alles wandelt und verwandelt sich; Gott wirkt zwar in der natur, aber die natur wirkt auch für sich, und wer der rechten Kräfte Meister ist, der kann ihr eigenes und selbständiges Leben hervorrufen, dass ihre sonst in Gott gebundenen Glieder sich zu ganz neuen Regungen entfalten. – Mein hoher Meister führte mich an sicherer Hand dem Brunnen zu, wo jenes Mark der Dinge quillt. Ich tauchte meinen Finger hinein, da wurden alle meine Sinne voll übermenschlichen Schauens. In der russigen Schmelzküche sassen wir seitdem oft zusammen und schauten in die Gluten des Ofens; er vorn auf niedrigem Schemel, ich hinter ihm kauernd, mich fest an ihn drückend und ihm die Kohlen oder die Erze darreichend, die er mit der Linken in den Tiegel warf, denn mit der Rechten hielt er mich liebreich gefasst. Da wehrten sich die Metalle, die Salze und die Säuren prasselten, wie in einer festen Burg wollte sich der hohe König, der alle Welt regiert, inmitten scharfwinklichter Kristalle verteidigen, zornig entbrannten die roten, blauen und grünen Vasallen und streckten uns die glühenden Speere abwehrend entgegen, aber wir brachen die Werke und kämpften die Mannen danieder, und über Schlackentrümmer hinüber lieferte sich uns demütig der glänzende Fürst aus. Das Gold an sich ist nichts für den, der sein Herz nicht an Irdisches hängt, aber diese teuerste und köstlichste Gabe der natur in allem und jedem, auch in dem Geringfügigsten und Unscheinbarsten zu erkennen, das gilt dem Weisen viel. Zu andern Stunden wiesen uns die Sterne ihre Kreise, die als geschichte sich ablösten und zur Erde sanken, oder die innigen Verwandtschaften der Töne und der Zahlen wurden wach, und zeigten uns die Bündnisse, welche zu schildern kein Wort genügt, die sich vielmehr nur wieder in Zahl und Ton offenbaren. In allem diesem geheimen Wesen und Weben aber schwebte, dass es nicht wieder zu kalter klebriger Gestaltung gerinne, ewig verbindend und ewig lösend, sich in dem Hader nie verwelkender Jugendkraft in sich und an den Dingen entzweiend, das Grosse, Unergründliche; der dialektische Gedanke.

O selige, genügliche Zeit des erschlossenen Verstehens, des Wandelns durch die inneren Säle des Palastes, an dessen metallener Pforte die andern vergeblich anklopften! Endlich – –"

Der fahrende Schüler, dessen Lippen bei der Erzählung sich in einem dunkeln Rote immer glühender gefärbt hatten, und dessen Augen von einem seltsamen Feuer blitzten, hielt hier, wie aus seiner Begeisterung plötzlich ernüchtert, inne. Der Ritter wartete vergeblich auf die Vollendung der Rede, dann sagte er zu seinem Freunde: "Nun? Endlich –"

"Endlich", versetzte der Schüler mit einem gezwungen- gleichgültigen Tone, "mussten wir uns doch trennen, wenn auch nur auf kurze Zeit. Mein hoher Meister schickt mich jetzt nach Regensburg, aus der Sakristei des Domes gewisse Schriften zu erbitten, die er als Bischof dort zurückgelassen hat. Ich bringe sie ihm und werde dann freilich meine Tage, wenn es angeht, bei ihm verleben."

Der junge Ritter tröpfelte den Rest des Weins in den Becher, sah hinein und trank den Wein bedächtiger als er früher getan hatte. "Du hast mir da wunderbare Sachen vertraut", hob er nach einigem Schweigen an, "Sachen, in die ich mich nicht wohl zu finden weiss. Gottes Welt scheint mir so schön geputzt zu sein, dass es mir kein Vergnügen machen würde, diese lieblichen Schleier abzustreifen, und, wie du sagst, in das Innere der Kreatur zu schauen. Der Himmel blaut, die Sterne leuchten, der Wald rauscht, die Kräuterlein duften, und ist dieses Blauen, Leuchten, Rauschen und Duften nicht das Allerschönste, hinter welchem es kein Schöneres mehr gibt? Verzeihe mir; aber ich bin nicht neidisch auf deine geheime Wissenschaft. – Du Armer! Rot macht sie nicht, diese Wissenschaft. Deine Wangen sind ganz bleich und eingefallen."

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