Grase gab der Senkung im Sonnenlicht einen silbergrauen Schein, und die Schatten der Kühe und der Bäume spielten darauf Versteckens miteinander."
An einem solchen sonnenklaren Morgen begegneten vor vielen hundert Jahren zwei Jünglinge einander im wald. Es war in dem grossen Waldgebirge, der Spessart genannt, welches die Markscheide zwischen den lustigen rheinischen Gauen und dem gesegneten Frankenlande macht. Das ist dir ein Wald, liebe Lisbet, der zehn Stunden in der Breite und zwanzig in der Länge, Ebenen und Berge, Täler und Klüfte bedeckt.
Auf der grossen Heerstrasse, die querdurch vom Rheinlande nach Würzburg und Bamberg läuft, begegneten einander die Jünglinge. Der eine kam von Abend, der andere von Morgen. Ihre Tiere waren so verschieden als ihre Wege. Der vom Morgen sass auf einem gelben fröhlich tanzenden Rösslein und stolzierte gar stattlich im bunten Wappenrock unter rotem Sammetbarett, von welchem die Reiherfedern herabwallten; der vom Abend trug eine schwarze Kappe ohne Abzeichen, einen langen Schülermantel gleicher Farbe, und ritt auf einem bescheidenen Maultiere.
Als der junge Ritter dem fahrenden Schüler sich auf Rosseslänge genähert hatte, hielt er seinen Gelben an, bot dem andern freundlich die Zeit und sagte: "Guter Gesell, ich wollte soeben absteigen und meinen Morgenimbiss halten. Da nun aber zur Minne, zum Spiele und zum Mahl zwei gehören, wenn diese drei lustigen Dinge gehörig vonstatten gehen sollen, so wollte ich Euch fragen, ob Ihr nicht auch absteigen und mein Partner sein wollt? Eurem Grauen würde ein Maulvoll Gras nicht minder schmecken, als meinem Gelben. Der Tag wird heiss werden, und den Tieren ist einige Rast vonnöten."
Der fahrende Schüler war mit dem Vorschlage zufrieden. Beide stiegen ab und setzten sich an der Strasse auf dem wilden Tymian und Lavendel nieder, von welchem, wie sie sich setzten, eine ganze Wolke Wohlgeruchs emporstieg und hundert Bienchen, die in ihrer Arbeit gestört wurden, sich summend erhoben. Ein Knapp', der mit einem schwerbeladenen Gaule dem jungen Ritter gefolgt war, nahm die beiden Tiere in Empfang, reichte seinem Herrn aus dem Schnappsack Flasche und Becher nebst Brot und Fleisch, kandarte die Tiere ab und liess sie seitwärts vom Heerwege grasen.
Der fahrende Schüler fasste in die Seitentasche des Mantels, zog die Hand verdriesslich zurück und rief: "O über meine ewige Zerstreuung! Hatte ich mir doch heute morgen in der Herberge das Frühstück so sauber zurechtgelegt und eingewickelt, da muss mir etwas anderes eingefallen sein, und über diesen Gedanken habe ich meine Kost vergessen."
"Wenn es weiter nichts ist", rief der junge Ritter, "hier ist genug für Euch und mich!" Er teilte Brot und Fleisch, schenkte den Becher voll und reichte Festes und Flüssiges dem andern hin. Hiebei fasste er ihn schärfer ins Auge, und so tat der andere auch, und da entfuhr ihnen beiden ein Ausruf des Erstaunens. "Seid Ihr nicht ..." – "Bist du nicht ..." riefen sie. "Freilich bin ich der Konrad von Aufsess!" rief der junge Ritter. "Und ich Petrus von Stetten!" der andere. Sie umarmten einander und konnten sich vor Freude über dieses unvermutete Wiedersehen kaum fassen.
Es waren Spielkameraden, die sich zufällig im grünen Spessart trafen. Die Väter hatten auch Freundschaft miteinander gehabt, die Söhne hatten zusammen Ball geschlagen, sich hundertmal des Tages gezankt und ebenso oft versöhnt. Der junge Petrus war aber von jeher stiller und nachdenklicher gewesen als sein Gefährte, dem nichts im kopf sitzen blieb, als die Namen der Waffenstücke und des Reitzeugs. Endlich hatte Petrus dem Vater erklärt, er wolle gelahrt werden, und war gegen Köln gezogen, zu den Füssen des berühmten Albertus Magnus zu sitzen, der aller bekannten Wissenschaften Meister war, und von dem das Gerücht sagte, er sei auch in geheime Künste tief eingeweiht.
Eine geraume Zeit verfloss seitdem, in welcher keiner etwas von dem anderen hörte. Nachdem der erste Sturm der Freude sich jetzt gelegt hatte, und das Frühstück beseitigt worden war, fragte der Ritter den Schüler, wie es ihm denn gegangen sei?
"Darauf, mein Freund, kann ich dir eine sehr kurze und müsste ich dir eine sehr lange Antwort geben", versetzte der Schüler. "Eine kurze, wenn ich dir bloss die äussere Figur und Schale meines zeiterigen Lebens vorzeichnen soll; eine lange, o eine unendlich lange, begehrst du, den inneren Kern aus dieser Schale zu kosten!"
"Ei, Närrchen", rief der Ritter, "was für schwere Reden führst du da! Gib mir die Schale und ein Stückchen vom Kern, wenn die ganze Nuss zu gross für eine Mahlzeit ist."
"So wisse", erwiderte der andere, "dass mein sichtbares Leben zwischen engen Ufern rann. Ich wohnte in einem kleinen düsteren Gässchen bei stillen Leuten, im Hinterhause. Mein Fenster ging auf den Garten hinaus, dessen Bäume und Stauden ihren ernsten Hintergrund von den Mauern des Tempelhauses erhielten. Ich hielt mich sehr einsam und für mich, knüpfte weder mit den Bürgern, noch mit den Schülern Umgang an. So ist es gekommen, dass ich von der grossen Stadt nichts kennengelernt habe, als die Strasse von meinem Häuschen nach den Dominikanern, wo mein grosser Meister lehrte.
Wenn ich nun in meine Klause zurückgekehrt war und die Mitternacht bei der Studierlampe herangewacht hatte, so blickte ich wohl aus dem Fenster, um die erhitzten Augen an dem dunkeln