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Kanaan der Liebe, darin Milch und Honig fliesst. "An meine Mutter werde ich freilich nun weniger denken!" rief er – "oder noch öfter als sonst" – setzte er gleich darauf hinzu. Sein Dasein war ihm voll, ganz, geründet worden.

Er freute sich seines Streichs, seines Schwabenstreichs. "Es ist im grund sehr gleichgültig, dass sie Gräfin Waldburg-Bergheim wird", sagte er, "aber eine Lust wird es doch sein, wenn ich sie aus dem Wagen hebe in die Fähre über den Neckar und sie nun drüben auf der grünen Höhe das Schloss mit den beiden Seitenflügeln sieht und mich fragt: 'Ei, Oswald, wem gehört das prächtige Schloss?' – Ich werde dann sprechen: 'Meine liebe Lisbet, dem reichsten Kavalier der Gegend, und ich wollte dir eine unverhoffte Freude machen, ich bin sein Förster, wir wohnen auch auf der schönen Höhe, dort, sieh, in der kleinen Dienstwohnung, die du neben dem Schiefertürmchen schaust. Vorläufig bring' ich dich aber ehrbar zu meiner Frau Base, die bei der herrschaft Ausgeberin ist.' – Nun steigen wir aus und gehen den Weg durch den Park sacht den Schlossberg hinan. Die Leute, die uns begegnen, grüssen gar ehrerbietig, da fragt die Lisbet: 'Du musst hier gute Freunde haben, Oswald?' – 'O ja', versetze ich, 'die Leute halten etwas von mir, haben aber auch gar manches durch mich.' – Nun sind wir am Schloss, gehen durch eine Hintertüre ein, dass kein aufsehen entsteht. Ich bring' sie ins purpurne Damastzimmer, da wird sie wohl etwas staunen über die Teppiche und die Vergoldungen und meinen, sie dürfe in dem prächtigen raum nicht bleiben. – 'bleibe immerhin und mache dir's bequem, Lisbet', sage ich, 'der gnädige Herr ist gut und dir schon gewogen, ich habe ihm von wegen deiner geschrieben, werde mir nur nicht untreu um seinetwillen.' – Jetzt habe ich eigentlich vor, dass ich aus dem Zimmer gehen und nach einiger Zeit wiederkehren will, aber ich glaube, dass ich mich nicht werde halten können, sondern ich werde mich unter der tür umwenden und sprechen: 'Hör' Lisbet, noch ein Wort. Nimm mir's nicht übel, ich hab' dich doch betrogen. Ich bin leider nicht der Förster, sondern nur der Graf Soundso. Willst du die Frau Försterin daran geben und seine gnädige Frau Gräfin werden?' – Da bin ich denn begierig, was für ein Gesicht sie machen wird. Und meine Hauptfreude ist, dass ich mir denke: sie wird nach dem ersten Schreck eben gar kein verlegenes oder absonders freudiges machen, sondern sanft und liebevoll antworten: 'Du sollst mir so lieb sein, wie der Förster.' – Es ist, wie gesagt, an allem dem wenig gelegen, aber es freuet einen doch, wenn man sein Lieb in Sammet und Seide kleiden kann, und ihm Perlen um den Hals hängen, und Brillanten in das Haar stecken und den Fuss der Trauten auf Teppiche von Brüssel setzen darf."

So schwärmte und scherzte sich der Jüngling die Bilder der lachendsten Zukunft zusammen. Es war hoch Mitternacht geworden und sein Körper denn doch der Ruhe bedürftig. Auf der Höhe des Gebirges fand er einen einsamen Schoppen. Er ging hinein und fühlte, dass der Raum voll Heu war. Abgehärtet durch seine Reisen und in den letzten Wochen nicht verwöhnt, stellte ihn dieses einfache Lager vollkommen zufrieden. Er beschloss die Nacht in dem Schoppen zuzubringen. Als er die Augen schloss, sagte er: "Jetzt wird sie träumen und dich auch im Traume mit lieben Namen nennen!"

Das sagte er vielleicht in dem Augenblicke, als Lisbet in ihrem Bette von den wütenden Schmerzen überwältigt, sich krampfhaft krümmte und endlich doch in ein leises und jammervolles Stöhnen ausbrach.

Die Wunder im Spessart

Waldmärchen

"Bist du wohl schon, Lisbet, an einem klaren Sonnenmorgen durch einen schönen Wald gegangen, zu dem der blaue Himmel durch die grünen Kronen einblickte, wo dich der Otem der Bäume wie ein Hauch Gottes anwehte und dein Fuss von den Spitzen der Gräser tausend blitzende Perlen streifte?"

"Wohl bin ich das, Oswald, erst noch neulich, als ich durch das Gebirg nach den Zinsen und Gülten ging. Es ist gar herrlich im grünen, frischen Wald; ich könnte tagelang hindurchwandern, ohne einem Menschen zu begegnen, und fürchtete mich nicht. Der Rasen ist der Mantel Gottes, man ist von tausend Englein beschirmt, man stehe oder sitze darauf. Jetzt ein Hügel und dann eine Ecke; ich lief und lief, weil ich immer dachte, dahinter schwebe der Wundervogel mit blauen und roten Schwingen und dem Goldkrönchen auf dem haupt. Ich lief mich heiss und rot, und nicht müd'; man wird nicht müde im wald!"

"Und sahst du hinter Hügel und Hecke den Wundervogel nicht schweben, so standest du atmend still und hörtest weit, weit aus dem Eichental herauf den Schall der Axt, die Uhr des Forstes, die da ansagt, dass auch in solcher lieben Einöde dem Menschen seine Stunde rinne."

"Oder weiterhin, Oswald, die freie Sicht den Hang hinauf zwischen dunkeln, runden Buchen und oben doch wieder der Kamm der Halde von hohen Stämmen beschlossen! Da weideten rote Kühe und schwangen die Glöcklein, der Tau im