" Er ging in den Baumgarten und gab der ersten Brautjungfer den Auftrag, hinaufzugehen.
Das Mädchen verstand ihn in dem Getöse nicht recht und meinte, sie solle Lisbet zum Tanze herunterholen. Sie sprang rasch hinauf und rief, um sich nicht zu lange von ihrem Vergnügen abzumüssigen, in die dunkele stube hinein: "Sind Sie hier? Sie werden gebeten, zum Tanze zu kommen!" erschrak aber heftig, als ihr aus der Ecke des Zimmers ein inniges Schluchzen antwortete. Bestürzt rannte sie hinab, fand unten ihre Gefährtin, und beide Mädchen kehrten darauf mit einem Lichte zurück.
Nun hatten sie einen Anblick, der selbst diese rohen Geschöpfe erschütterte. Denn an der Stelle, wo noch vor einer Viertelstunde eine Jubelnde und Frohlockende gestanden, lag nun eine Zerbrochene. Lisbet war an dem Tische niedergesunken in ihre Kniee, ihre arme hingen schlaff herab, schlaff ruhte der Leib in den Hüften, die blonden Locken hatten sich gelöst und umflossen das gebeugte und weinende Gesicht. Das Gold war ihrer Schürze entfallen und hatte sich, eine blanke Saat, um sie ausgestreut, nicht weit von ihr lag die ausgelöschte Lampe.
Die Mädchen standen eine Weile verlegen und stumm. Sie wussten mit diesem Bilde des tiefsten Schmerzes nichts anzufangen. Eine erhob die Lampe, zündete sie wieder an, und stellte sie auf den Tisch, die zweite wiederholte schüchtern die Worte: "Sie werden gebeten, zum Tanze zu kommen."
Hierauf hob Lisbet ihr Antlitz gegen sie empor, und nun zogen sich die Mädchen voll Grauen aus der stube zurück. Denn die Wangen waren leichenweiss geworden und die Augen in ihren Höhlen zurückgetreten und so voll Tränen, dass sie strömenden Quellen glichen. Die Brautjungfern gingen hinunter zum Tanze, tanzten, hatten den Vorfall bald vergessen, und Lisbet blieb allein. Denn niemand sprach unten von ihr, sonst wäre der Diakonus wohl zu ihr gegangen, da er sie sehr lieb hatte.
Als sie allein war, begann sie ein Werk, so ernst und traurig, als ihre Spiele von vorhin fröhlich und ausgelassen gewesen waren. Mit einem Blicke des Ekels und Abscheus sah sie das Gold am Boden an, dann überwand sie sich dennoch, raffte mit zitternden Fingern die Stücke auf, die nun nur noch ihre Schande widerspiegeln sollten, und rollte sie wieder ein, indem ein erhabener Hohn ihren Mund umzuckte. Dann warf sie die Rolle verächtlich in einen Kasten, und verächtlich warf sie das grüne Särglein dazu, und deckte dann ein Tuch über das Hingeworfene. Sie fand das Blatt mit den Versen Oswalds an sie; da brachen noch einmal heftige Tränenfluten aus ihren Augen; es waren die letzten Zähren, welche sie heute abend weinte. Dann hielt sie das Papier an die Flamme der Lampe, und sah kalt es verlodern. Das Tuch, welches der Jäger ihr geschenkt, zerschnitt sie und liess die Stücke zu Boden fallen, da, wo die Asche von dem Papiere lag. Nun nahm sie an sich entsühnende Handlungen vor. Sie wusch ihre Finger, die sie auf seinen Mund hatte legen müssen. Dann wusch sie die Lippen, welche seine Küsse geduldet und wiedergegeben hatten.
Alle diese Handlungen verrichtete sie schweigend, nicht einmal einen Seufzer stiess sie aus. Ihr Schmerz war so gross, dass er auch nicht durch ein Selbstgespräch sich erleichtern mochte. – In den Kelch der Rose, den der süsseste Hauch soeben aufgeschmeichelt, war ein ätzendes Gift getropft worden – fühlt ihr, wie die Rose in ihren keuschesten Tiefen zucken musste? – Fragt ihr mich, ob sie dem glauben konnte, was der alte Bauer ihr gesagt, so antworte ich, dass ich es nicht weiss. Denn alles weiss der Dichter zwischen Himmel und Erden, aber eines weiss er nicht: das Innerste, Feinste, Heimlichste eines liebenden Mädchens.
Das kann ich sagen: Sie musste ihre Seele schänden lassen, als diese nackt dalag vor Gott und Oswald, weil sie nichts von ihrer Seele für sich behalten, sondern alles an Gott und den Geliebten ergeben hatte. Nur in Gott und in ihrem Geliebten wollte sie ihre Seele noch besitzen, da hörte sie, dass dieser Wille eine Sünde gewesen sei und eine Torheit.
Sie weinte nicht mehr, ihre Augen waren heiss und trocken geworden. Ihre Gestalt hatte sich gestreckt, sie hielt sich gerader als sonst, ihre Bewegungen waren langsamer geworden, sie sah vornehm aus. Ruhig ordnete sie ihr Haar unter dem Mützchen, welches sie aufsetzte, dann verhing sie das Fenster und entkleidete sich still und züchtig. Sie löschte die Lampe und bestieg ihr Lager, auf dem sie sich gerade ausstreckte, die hände über der Brust gefaltet. In dieser Lage, worin sie kein Schlummer besuchte, obgleich sie die Wimpern geschlossen hielt, liess sie, ohne dass ein laut von ihr hörbar wurde, wie eine schöne Leiche, die Kräfte in sich wühlen, welche ein neues Leben der Auferstehung in ihr entzünden wollten. Während die Geliebte so traurige Abend- und Nachtstunden zubrachte, stürmte der Liebende durch das Dunkel fröhlich der Gegend zu, die er am andern Morgen erreichen wollte. Er hatte noch immer sein Blumenkrönchen auf dem haupt und noch immer sang er das Schifflied seines Freundes, freilich in lyrischer Unordnung, oft die letzte Strophe zuerst, und die erste zuletzt, auch wohl Verse der einen Strophe in die andere hinein. Nun wusste er, warum die Frauen ihm stets eine so wonnevolle Ahnung erweckt hatten, sie waren ihm die Traube gewesen aus dem