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Haus, um nicht bemerkt und dann wohl gar zum Tanze aufgefordert zu werden.

Sie ging nach ihrem Stüblein und zündete arglos das Lämpchen an, obgleich sie sich hätte sagen können, dass der Schein durch das Fenster ihre Anwesenheit verraten müsse. Aber sie hatte zu diesem und allem Ähnlichen keine Überlegung. Ihre Seele wallte, flutete, es war ihr zumute, als stehe sie auf einem hohen Berge, rote Wolken zu ihren Füssen, rote Wolken, so weit sie blickte, und in der Ferne ragten goldene Kuppeln aus den roten Wolken hervor. Nun wusste sie, was Glück ist, sie konnte es aber nicht aussprechen.

Sie setzte sich an das Tischchen im Fenster, sah die Blumen an, die dort im Glase blühten, dann hob sie ein Blatt der Lilie auf, welches abgefallen war und vereinigte es wieder sanft mit dem Kelche, dann warf sie durch das Fenster einen Kuss ihrem Wanderer nach und bat die Lüfte, den Kuss ihm zuzubringen.

Sie stand auf und ging hin und her, denn ihr Gemüt war zu sehnsuchtsvoll und unruhig. Sie wollte das grüne Särglein aus ihrem Busen nehmen, da rührte sie mit ihrer Hand an die junge Brust, und es überflog sie bei dieser Berührung ein Schauer der Ehrfurcht vor ihr selbst. Ihr Leib kam ihr geheiligt vor, denn sie war geliebt.

Aber nicht lange blieb sie in dieser erhabenen Stimmung. Scherzender jubel ergriff sie. Sie fasste ihre Schürze mit beiden Händen und machte zu dem Schrei der Musik da draussen für sich ein Tänzchen rund um das Zimmer. Dann fiel ihr die Goldrolle wieder ein, welche sie auf das Tischchen gelegt hatte. – "Was sein ist, ist mein, ich muss doch sehen, wieviel er geerbt hat!" rief sie. Er hatte ihr gesagt, er sei ein Förster aus Schwaben, der nach der hiesigen Gegend gereist sei, um eine Erbschaft zu heben. Als sie die Rolle öffnete, sah das Gold sie mit blitzenden Augen an. Sie zählte und zählte, das wollte für sie kein Ende nehmen. Nimmermehr hätte sie geglaubt, dass so viel Gold auf Erden sei. – "Ach, ist er so reich?" rief sie fröhlich in die hände klopfend, als sie die hundert und etlichen Doppelpistolen auf den Tisch gezählt hatte.

"Da bauen wir uns ein eigenes Haus mit Milchkämmerchen und einem Brünnlein, klar und kalt!" jauchzte sie. "Jetzt aber lass sehen, wie sich das Gold in eine Reihe gezählt ausnimmt, so auf dem Haufen sieht man gar nicht, wieviel man hat. Ich will es am Boden in einer langen Reihe aufzählen, und die Lampe stelle ich dazu, so geht mir nichts verloren."

So badete der arme schöne Findling oben in den Wellen der seligsten Lust. Der Hofschulze aber sagte zum alten Schmitz, dem Sammler, der auch, wie er, den ganzen Tag über verdriesslich gewesen war und ihm jetzt eröffnete, dass er ihn notwendig über die Amphora und das Schwert Karls des Grossen zu sprechen habe: "Nach diesem, Herr Schmitz, jetzt habe ich eine notwendige Verrichtung." – Er hatte den Schein des Lämpchens in Lisbets stube wahrgenommen und sich sogleich vorgesetzt, zu ihr zu gehen, um, wie er für sich sagte, Ordnung in dem Handel zwischen ihr und dem Jäger zu stiften. "Ich werde dem kind sagen" – sprach er, indem er seinen Hut auf dem haupt und den Stab in der Hand, langsam und bedächtig durch den Flur schritt. Bei seinem Vieh stand er einen Augenblick stille, denn die prächtig geschmückte Blesse stöhnte ungeachtet ihres Putzes an Stirn und Hörnern erbärmlich, und als er hinleuchtete, stand das arme Tier ganz krumm zusammengezogen. "Was ist denn das nun wieder?" rief der Hofschulze. – "Was wird es sein?" versetzte der Rotaarige, der aus einer dunkeln Ecke des Stalles hervorkam, trotzig, "das Vieh hat seinen Eigensinn, davon ist es krank, ich habe ihm aber schon was eingegeben." – Der Hofschulze beschaute mit zornigem Schmerz die Leiden seines besten Stücks; aber auch dieser Anblick entlockte ihm kein Fluch- oder Scheltwort, sondern er stiess nur sein gewöhnliches "Ei! Ei! Ei!" aus und setzte dann dumpf hinzu: "Diese Hochzeit, auf welche ich gespart und gehofft habe, nimmt ein übles Ende."

Er stieg die Treppe empor und trat so hart auf, dass die Stufen dröhnten. Dann öffnete er die tür von Lisbets stube fest und rauh. Sie hatte die Lampe in der Hand und in dem Schürzchen die Goldstücke, mit denen sie ihr kindliches Spiel treiben wollte. Bei seinem plötzlichen Eintritte erschrak sie, fasste sich jedoch und blieb ruhig am Tischchen stehen.

etwa eine Viertelstunde mochte er mit ihr in einem gespräche gewesen sein, welches sie anfangs gar nicht verstand, als jemand, der unter dem offenen Fenster vorbeiging, einen Schrei, ein Klingen wie von fallendem Gelde und ein Geräusch hörte, wie wenn einer zu Boden stürzt und dabei ein Gerät hart berührt. Zugleich erlosch der Schein. Der Mann blieb stehen und gleich darauf kam der Hofschulze aus dem haus. – "Was gab es da droben?" fragte ihn jener. – "Eben nichts", versetzte der Alte. "Junge Frauenzimmer sind schreckhaft, wenn man ihnen die Sache in aller Manier bei dem rechten Namen nennt. Besser Leid tragen, als Schmach tragen.