in der stube hören müssen, da würde ich mir den Wald hinzugedacht haben, aber hier unter den grünen Blättern, bei den wehenden Winden und dem fliessenden wasser kam mir alles so unnatürlich vor, und ich konnte nicht recht daran glauben."
Die Antwort machte ihn froh, als habe er das begeistertste Lob vernommen. – "Aber deinen Lohn sollst du dennoch erhalten, denn manches hat mir sehr darin gefallen. Ich hab' dir ein Krönlein geflochten, damit will ich dich krönen als meinen König und Herrn", sagte sie liebreich.
Er sank vor ihr nieder, drückte sein Gesicht an ihren Leib und empfing die Blumenkrone von ihr auf seinem haupt. Zu ihr aufschauend mit verklärten Blicken rief er: "Weihe meine Lippen, dass sie immer Reines reden! Lege deine Finger auf sie!" – Ihre hände hatten die Eigenheit, dass sie oft plötzlich erkalteten, was freilich auf ein warmes Herz deutete. So war es auch jetzt. Er fühlte die reine Kühle an seinen heissen Lippen, er sog sie ein; sie schauerte ihm wie Tempelschauer bis in das tiefste Herz. Lieblich fühlte sie dagegen ihre Finger von seiner Lippenglut erwärmt.
Das Abendrot glänzte durch die Klippen und Büsche. Trunken gingen sie längs des Baches auf und nieder. Ein Lied fiel ihm ein, er sang:
Meine Liebe, meine Lieb' ist ein Segelschiff,
Auf hohem Meer zwischen Bank und Riff;
Der Kiel so stark und der Wind so gut,
Und das Schiff fährt weiter und weiter voll Mut.
Meine Liebe, meine Lieb' o du Segelschiff,
Und fürchtest dich nicht vor Bank und Riff? –
"Ich fürchte mich nicht vor Riff und Bank,
Mich treibet hindurch guten Windes Drang."
Meine Liebe, meine Liebe, und weisst du denn,
Wohin die kühnliche Fahrt soll gehen? –
"Weiss nicht, wohin mich führet der Wind,
Weiss nur, dass die Segel blähet der Wind."
Der Pilot, der schlief am Steuer ein,
Träumt von Wundergestaden, vom Palmenhain,
Statt seiner fasste das Steuer ein Gott,
Nach Wundern und Palmen der beste Pilot!
Sie hatte dem lied fast ängstlich zugehört. – "Ei, wie bist du darauf gekommen?" fragte sie. "Das passt nicht auf unsere Liebe, unsere Liebe ist ein Nachen, der auf dem Spiegel eines klaren Weihers schaukelt." – "Es ist auch nicht auf unsere Liebe gemacht", versetzte er, "es ist das Lied eines Freundes, meines besten Freundes, an dessen gefährliche Liebe ich in meinem Glücke denken muss. Sein Liebesschiff fährt dahin durchs wüste Meer, und möge ein Gott an seinem Steuer stehen, wie er gesungen hat!"
"Ach, das muss wohl eine verwegene frevelhafte Liebe sein, die Liebe deines Freundes, deren Schiff so dahinfährt!"
"O nein, Lisbet, eine fromme Liebe, eine heilige Liebe, und dennoch starren die Widersprüche ringsum sie her, wie Klippen!"
"Kann denn auch die fromme Liebe ein solches Schicksal haben?" fragte sie. – "O Kind! Kind!" rief er, von einem seltsamen Schauer gefasst, "lass uns nicht weiter davon sprechen! Gebe der Himmel, dass unsere Liebe nicht – Ich will dir etwas sagen. Ich gehe gleich nach dem schloss zu deinen Pflegern und bringe unsere Sache in Ordnung. Noch vor völliger Nacht erreiche ich wohl den Ort auf der Hälfte des Weges, da schlafe ich, und bin morgen in der Frühe am Ziel und am Abend wieder bei dir."
Er wollte sie erst nach dem Oberhofe zurückgeleiten. "Nein", sagte sie, "lass uns hier auseinandergehen, hier wo wir so froh waren!" – Er gab ihr eine Rolle Gold, die er jetzt immer bei sich tragen musste, weil er keinen Verschluss dafür hatte, und bat sie, ihm sie zu verwahren.
Sie schieden. Als sie eine Strecke auseinandergegangen waren, sahen sie sich um, eilten noch einmal zurück, umschlangen sich inniglich, ohne zu reden, und gingen dann stumm ihre verschiedenen Wege, der Jäger über die Klippen der Gegend zu, wo das Schloss lag, Lisbet durch die Wiese nach dem Oberhofe.
Neuntes Kapitel
Jäher Sturz
Nur das Weib weiss, was Liebe ist, in Wonne und Verzweiflung. Bei dem mann bleibt sie zum teil Phantasie, Stolz, Habsucht; das Weib wird durch den Kuss ganz Herz vom Scheitel bis zur Fusssohle. Da ist keine Fiber, kein Nerv, der nicht jubelte, oder – jammervoll zuckte!
Lisbet kam nach dem Oberhofe, ohne zu wissen, wie. Ihr Busen klopfte, ihre Wangen waren heiss, sie drückte die Rolle Gold zärtlich an ihr Herz, denn er hatte sie ihr ja gegeben. Unaufhörlich flüsterte sie: "Er ist gar zu gut"; und wusste weiter nichts zu sagen. Ach, das Wörterbuch eines liebenden Mädchens entält nur diese fünf Worte und dann das Wörtlein: du! aber was ist der Reichtum aller Sprachen gegen die selige Armut dieses Wörterbuches?
Im Oberhofe tosete das Tanzgelag. Alles hatte sich nun nach dem Baumgarten gezogen, wo man Lichter und Laternen angezündet hatte, weil die Dämmerung bereits eingebrochen war. Die Gäste, welche nicht tanzten, sassen und standen umher. Lisbet wurde durch den Lärmen zuerst aus ihren Träumen geweckt, sie schlüpfte von der Seitenpforte, durch welche sie wieder in den Hof eintrat, rasch in das