1836_Immermann_045_176.txt

vor dir", und er schmeichelte: "So flüchte dich in Sicherheit!" und breitete die arme aus. Das tat sie denn auch. Sie stürzte mit heftiger Zärtlichkeit wider seine Brust, dass die Locken schütterten und manche sich lösete, und dann ruhten sie lange umschlingend umschlungen, er in ihr und sie in ihm, der einige, ganze, vollkommene Mensch.

Er nannte sie sein Herz, sein Mädchen, sein Reh. Sie nannte ihn nur Oswald, aber immer mit einem anderen Ausdrucke, und alle Töne auf der Laute der Liebe, vom schwärmerischen Entzücken bis zum scherzenden Schmeichelgeflüster klangen und zitterten in dem einen Worte. Sie hatte keine eigentlich schöne stimme, es lag darin etwas Bedecktes, Rauhes, aber seit heute quoll etwas unendlich Süsses aus dieser Umhüllung hervor. Es war, als ob auch die Psyche ihrer Töne erwacht sei und die Flügel nach Entfaltung rängen.

Jeder dieser Scherze, alle diese Possen und die kleinsten Kleinigkeiten hatten einen Engel, der nahm sie und legte sie am Trone Gottes nieder. Denn es war die erste Liebe, die echte, die einzige, die in diesen beiden jungen, unschuldigen Herzen brannte und klopfte! In der Fülle ihrer Vorahnungen, von gesunder, treibender Hoffnung schwanger, hatten sie einander gefunden, kein Entsagen, keine Täuschung hatte sie noch um einen Tropfen warmen Blutes gebracht, vollendet, wie Aphrodite aus dem Schaume des Meeres, erstand ihnen das Glück. Das ist die Liebe, die wie jene Wunderpflanze aus Osten, vor unseren sichtlichen Augen wächst.

Diese Liebe kümmert sich nicht um die Landesstege und -wege. Der Jäger und sein wild hatten nach der schönen Blume gehen wollen, vergassen aber diesen Vorsatz, ehe sie noch fünfhundert Schritte vom hof waren. Sie gingen, liefen, schwankten umher, sie wussten nicht, wo? War der Himmel nicht überall blau, war die Erde nicht allerorten grün? – Es gingen Leute vorüber, die sahen sie nicht; zuweilen hatten sie gar keinen Weg unter den Füssen, des achteten sie nicht. Zufällig kamen sie so Hand in Hand auf die Höhe am Freistuhl. "Ei!" rief der Jäger, "das ist schön, wie fromme Pilgrime sollen wir alle Stationen besuchen." – Er führte sie zu dem Steine, darauf sie in jener Schmerzensnacht zusammen gesessen hatten.

Das überreife Korn, welches der Hofschulze noch immer nicht hatte schneiden lassen, knickte fast unter der Bürde seiner Ähren, die Sonne schwamm wie ein zerflossenes Gold in diesem Segen, und doch war die Stelle kühl und frisch, denn aus dem Forste wehte ein gelinder Wind. Die Kronen der Linden über ihnen schauerten leise. Da sassen sie nun wieder, glücklich vereinigt und schauten über die helle freundliche Gegend hin und freuten sich, dass sie auf der Welt waren. – "Ich will deine Wunden um Verzeihung bitten", sagte der Jäger, nahm ihr das Tuch ab und küsste die feinen roten Pünktchen zwischem dem Busen und der glänzenden Schulter. Sie duldete es ohne Sträuben, sie hatte die kleinen hände kreuzweise auf ihren Schoss gelegt, so sass sie da, ein ergebenes Opfer der Liebe, aber sie sah ihn schamhaft bittend an. Den blick ertrug er nicht, Tränen stürzten ihm aus den Augen, wie damals, als er mit ihrem Häubchen sein Spiel trieb, er legte ihr hastig das Tuch um Busen und Schulter, fiel ihr zu Füssen, drückte ihre Kniee wider sein Herz und lief dann eine Strecke von ihr weg auf den Rain, um seiner Bewegung Meister zu werden.

Als er zurückkam, fand er sie nicht mehr auf dem Steine. Bestürzt blickte er umher. Da erscholl ein leises Kichern aus einer der alten Linden. Er sah erstaunt nach dem Baume und machte eine Entdeckung, die er früher übersehen hatte. Der Baum war hohl und bot in seinem Inneren geräumigen Platz für ein Versteckens dar. Er zog sein Mädchen scherzend und schäkernd heraus.

Nun stand sie vor ihm, und er mass ihre Grösse an der seinen. Sie reichte ihm gerade bis zur Brust, hatte also das rechte Mass, denn der Kopf des Weibes soll nur bis zum Herzen des Mannes reichen, dann gibt es den echten Bund, den rechten Bund. Er fasste sie bei beiden Händen, sah ihr liebevoll in die klugen, treuen Augen, und fragte sie; "Sag mir an, meine Lisbet, wie ist es nur zugegangen, dass du so geworden bist, so eigen, tief und sonderbar?"

"Wie bin ich denn?" fragte sie unschuldig. "Ich bin, wie ich bin, wie soll man anders sein? Ich tat, was mir oblag, viel verdanke ich auch dem fräulein und dem alten Herrn Baron, die beide so klug und gebildet sind. Was in den Büchern stand, die ich für mich las, behielt ich, und dann hatte ich jederzeit schon als Kind über alles meine Gedanken, von denen ich gar nicht wusste, woher sie kamen."

"Die werden wohl das Beste an dir getan haben, meine Lisbet. Wollen wir nun zur schönen Blume gehen? Mich dünkt, sie blüht nahebei."

Sie nahm seinen Arm, bat ihn aber, nun vernünftig zu sein. Sie gingen durch den Forst, kleine grüne Stege hinab. Sein Herz, ihr Herz war ruhiger geworden, sie genossen sich und ihre Seligkeit gesänftigter; eine Sabbatstille hatte sich in ihre Busen gesenkt. Von gleichgültigen