1836_Immermann_045_175.txt

, die Leute sind zu dumm, um Sie zu fassen. übrigens bin ich der untertänigen Meinung, dass Sie, wofern Sie länger unter ihnen verweilten, bald von Ihrem Glauben zurückkommen würden."

"Wieso?"

"Gemütlich sind die Bauern gar nicht. Exzellenz, die Leute haben keine Zeit zum Gemüt. Gemüt kann man nur haben, wenn man wenig zu tun hat, der Bauer aber muss sich zuviel placken und schinden, um sich auf das Gemüt legen zu können. Er ist durch und durch gerader Verstand, Ernst, Eigensinn und erlaubter Eigennutz. Weil diese Mischung nun aber wie für die Ewigkeit bei ihm zu sein scheint, so hat sie etwas Ehrwürdiges, etwas so Ehrwürdiges wie der Granit, der auch, hart und schwer, die Erde hält. Der Bauernstand ist der Granit der bürgerlichen Gemeinschaft."

"Sie müssen sie besser kennen. – Wenigstens aber hatte ich darin recht, dass ich sie von den Fesseln der Konvenienz gelöste Naturmenschen nannte."

"Im GegenteilExzellenz verzeihender Bauer ist zwar viel im Freien, aber nichts weniger als ein Naturmensch. Er hängt so sehr von Konvenienz, Herkommen, Standesbegriffen und Standesvorurteilen ab, wie nur die höchste Klasse der Gesellschaft. Im Mittelstande allein gilt die Freiheit des Individuums, in diesem stand fliesst einzig der Strom der Selbstbestimmung nach Charakter, Talent, Laune und Willkür. Der Bauer denkt, handelt, empfindet standesmässig und hergebrachterweise. Die Abstufungen werden in den Dörfern wenigstens ebenso festgehalten als in den Schlössern und Palästen. Ich unterstehe mich, Ihnen zu versichern, dass dieser Hofschulze auf den Kolonen mit demselben Stolze hinuntersieht, wie nur der reichste Majoratsherr auf den Briefadel von gestern blicken kann. Ich wollte es keinem Burschen aus einem kleinen hof raten, um die Tochter aus einem Oberhofe zu freien. Dieselben Verwickelungen würden entstehen, als in dem Falle, wenn ein Kaufmannsdiener zu einer Erbgräfin emporblickt. Gerade hiervom Oberhofegeht eine alte halbverklungene Sage umher, die den schauderhaften Ausgang einer solchen missgewandten Neigung meldet. Durch meinen nahen Verkehr mit diesen Leuten hat sich die Ansicht bei mir festgestellt, dass der Bauernstand nur einen zweiten ihm ähnlichen hat, den sogenannten alten oder hohen Adel, wo ein solcher nämlich noch wahrhaft besteht. Der Mittelstand ist eine von beiden ganz verschiedene Schicht. Bauer aber und hoher Aristokrat stimmen darin überein, dass ersterer sowohl als letzterer weniger sich, als ihrer Gattung angehören, zuvörderst Bauer sind und Aristokrat und erst nachher Mensch."

Der mytische Kavalier, welcher diese unerwartete Parallele zu hören bekam, schwieg einige Zeit tiefsinnig. Dann versetzte er: "Sie haben, Herr Prediger, dieses mehr aus Büchern. Ich versichere Sie, dass wir mit der Zeit fortgeschritten sind. Wir heiraten sogar Jüdinnen."

"Exzellenz", fuhr der Diakonus mit aller Vergessenheit eines deutschen Gelehrten heraus, "der Adel, den Sie meinen, ist ein reines Garnichts und kommt mir höchstens vor wie der Schwamm im haus."

Hierauf wollte die Exzellenz ein Gesicht machen, welches erhaben aussehen sollte; es liess sich jedoch nur vornehm an. In diesem Augenblicke kam sein Privatsekretär und meldete, dass der Wagen, zur Weiterreise fertig, vor dem hof halte. Er ging hierauf, sehr höflich von dem Hofschulzen und dem Diakonus geleitet, zur Pforte, wo er beide entliess. Gedanken hatte er nicht über das Vorgefallene, sondern nur die Absicht, auch den Diakonus als unruhigen Kopf bei gelegenheit zu denunzieren.

Dieser ging mit dem Hofschulzen still lächelnd zurück, sagte aber nichts. Im Baumgarten spielten die Musikanten auf und der Tanz begann. Der Bräutigam, welcher nun endlich auch zu einem Vergnügen gelangte, führte zuerst die Braut auf, dann brachte er sie den nächsten Anverwandten, einem nach dem andern zu, um auch ein Gängelchen mit ihr zu machen. Erst tanzten sie Menuett, einen Munteren darauf, und dann den sogenannten Schustertanz mit seinen possierlichen Sprüngen. Das Gras im Baumgarten war bald niedergetanzt und der Boden so glatt geworden wie eine Tenne. Die Köpfe hatten sich erhitzt, die Männer jauchzten, die Mädchen kreischten und es war viel Lärmens, Springens und Jubilierens im Oberhofe.

Achtes Kapitel

Eine Idylle in Feld und Busch

Indessen liefen der Jäger und sein wild durch den Eichenkamp nach den Kornfeldern, Triften und Hügeln. Das wild floh nicht vor dem Schützen, es liess sich küssen und streicheln; es war ein sehr zahmes wild geworden. Der Jäger trieb tausend Possen mit dem Wilde, er ringelte die gelben Locken sich um die Finger, und dann küsste er sie, er drückte, wenn die weissen Zähne seines Mädchens zwischen den Lippen zu sehr hervorschienen, die Lippen sanft zusammen und sagte, das Gesichtchen sei nicht fertig geworden und er müsse es vollenden. Er fasste das feine Ohrläppchen, und kniff es etwas, doch nicht allzusehr. Dann zupfte er sie auch wohl am Kleide und wendete sich um und tat, als habe er es nicht getan. Solche kindische Possen trieb der erwachsene Mensch. – Lisbet ging still mit freudeschwimmendem Gesicht für sich hin und ihre hände falteten sich oft unwillkürlich wie zum Gebet. Zuweilen flüsterte sie: "O du!" Aber weiter sagte sie nichts. Trieb der Jäger seine Possen zu arg, so drohte sie ihm mit dem Finger, dann sah er sie aus seinen dunkelblauen tiefen Augen so ernst an, als zögen Gedanken der Ewigkeit durch seine Seele. Dann lachte sie und rief: "Ich fürchte mich