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"Ihr habt hier recht eigentümliche Sitten, Alterchen."

Auf diese huldreiche Anrede mass der Hofschulze seinen vornehmen Gast mit den Augen und versetzte dann stolz und bedächtig: "Ich weiss nicht, Herr, ob die Sitten hier anders sind, als anderer Orten, denn ich bin nie über Börde und Haarstrang hinausgekommen, habe auch niemalen Lust dazu gehabt. Richtig ist es, dass hier alles mit der Manier zugeht, alles und jedes seine Ordnung, Zeit und den gewiesenen Platz hat, jedermann die ihm gebührende Reverenz geniesst, so dass ich den Halbhüfner, den Kötter, und wer es sonst sein mag, jeden bei seiner Gebühr nennen muss, freilich aber auch prätendiere, dass mich niemand anders als Hofschulze nennt, das heisst, versteht sich, von meinesgleichen, denn, Herr, hinter den Bergen mögen wohl andere Sitten und Gebräuche herrschen."

Es war gut, dass in diesem Augenblicke das letzte Gericht der Mahlzeit, der Rollkuchen, verzehrt war, und von weiterer Herablassung seitens des vornehmen Herren nicht mehr die Rede sein konnte, denn man kann nicht wissen, bis zu welchen unangenehmen Auftritten dieselbe noch geführt haben würde. Der Diakonus sprach das Gratias, abermals ertönte ein geistliches Lied, und darauf ging alles von den Tischen, die gleich einem Schlachtfelde nur noch Knochen, Gerippe und Schwarten zeigten. Die Weiber tranken Kaffee, die Männer setzten ihr Biertrinken fort, die Musikanten stimmten allgemach ihre Instrumente. Steinhausen, der Spassmacher, begann sein Amt, indem er von einer Gruppe zur andern ging, hier das Rätsel aufgab: wann der Hase über die meisten Löcher laufe? dort einen Rotkopf warnte, er solle nicht so nahe an die Scheune gehen, um nicht Feuer anzulegen, einem dritten Haufen die geschichte vom Prinzen Pralle erzählte, der gefallen sei vom Stalle, hätte weinen wollen, aber keine Augen gehabt, und was dergleichen mehr war an Rätseln, Schwänklein und Pösslein, die er auf jeder Hochzeit anbrachte und die nie ihre wirkung verfehlten. Die Bauern lachten, dass die Hofesmauern hätten Risse bekommen mögen; wen er recht entzückte, der gab ihm einen Puff, nicht eben allzu sanft, worauf Steinhausen einen Klaps zurückgab, oder mit den Füssen ausschlug, wie ein Pferd, ohne dass diese Tätlichkeiten irgendeine Störung des guten Vernehmens und des allervollkommensten Verständnisses hervorbrachten, welches zwischen dem Spassmacher und seinen Zuhörern herrschte.

Während man so dort einander durchaus begriff,

dauerten in einer andern Ecke des Hofes die Missverständnisse fort. Der vornehme Herr hatte sich nämlich mit dem alten Hauptmann in ein Gespräch eingelassen, welches eine patriotische Färbung erhielt. Der Alte war sehr gesprächig über die Affären, denen er auf der vaterländischen Seite beigewohnt, und erging sich mit Behagen in diesen Kriegesgeschichten. Jener Kavalier war vorzeiten dem Hauptquartiere attachiert gewesen, und konnte also so ziemlich folgen. Im Verlaufe dieser Unterredungen rief er plötzlich mit einem feucht verklärten Blicke: "Diese grosse Zeit, die der Herr segnete! Was für herrliche Früchte hat sie aber auch gebracht!" – Er faltete die hände dabei.

Das Gesicht des alten Hauptmanns wurde so trokken, wie ein Sandfeld, welches seit sechs Wochen keinen Regen gesehen, und er versetzte: "Früchte? Ei!"

"Ein Vaterland!" rief der Hofmann mit Patos.

Der alte Hauptmann hatte etwas zuviel Wein getrunken. Er schüttelte sich, als ob er, mit Erlaubnis zu reden, an Ungeziefer litte und polterte dann rücksichtslos: "Vaterland! – Schwere Angst! Und alles vergessen oben, was geschehen, mit Schlauchspritzen die Feuer ausgespritzt, und wenn wir künftiges Jahr das Jubiläum feiern, vermutlich damit wegkriechen müssen beiseite, nur damit so geduldet werden, keine Anerkennung, keine Unterstützung von – – Donnerwetter! Verzeihen Exzellenz, dass ich Sie stehen lassen, aber ich kann die Pfeife nicht entbehren und will sie mir dort bei den Bauern anstecken."

Er ging und liess den Kavalier stehen, dessen Beziehungen im Oberhofe anfingen mytisch zu werden. Im grund war es ihm lieb, dass der alte Offizier sich so brüsk von ihm entfernte, denn er erwog, dass der angeregte Gegenstand zu zarter natur sei, um ihm, in seiner Stellung so nahe dem Trone, ein ferneres Gespräch zu verstatten.

Ein Unwille hatte sich seiner Seele bemeistert, er nahm sich vor, geeigneten Ortes ein Wort über den in diesen Gegenden herrschenden schlechten Geist fallen zu lassen, vorderhand aber seine Rolle rein auszuspielen. – "Wenn diese Bestien die feineren Andeutungen von Güte und Huld nicht verstehen, so will ich mich gleichsam encanaillieren", sagte er für sich. Er trat zu einer Gruppe von Bauern, welche Steinhausen eben verlassen hatte, fasste zwei bei der Hand (denn er konnte sich dazu verstehen, weil er Handschuhe trug) und rief im biedersten Hoftone, dessen er mächtig werden konnte: "Wie freut man sich, wenn man immer in Zwangsverhältnissen leben muss, darf man einmal unter euch gemütliche, von jeder Fessel der Konvenienz entbundene Naturmenschen treten!"

Dieses Lob klang den Bauern wie Chaldäisch, und sie begannen sich nun vor ihrem gönner zu fürchten, denn sie meinten, er habe ihnen eine neue Steuer ankündigen wollen. Sie wichen daher, wie in der Kirche, scheu vor ihm zurück, und die beiden an der Hand Ergriffenen steckten die hände in die Rocktaschen. – Der Diakonus, welcher die ganze Zeit über den Mühwaltungen seiner vornehmen Bekanntschaft mit Behagen gefolgt war, trat zu dem unglücklichen Herablassenden und sagte: "Exzellenz