vollkommen."
"Ja", sagte der Küster, "es mangelt immerdar etwas, welches auch heilsam sein mag, denn sonst verlangten wir nicht nach dem Himmel. – Mein zweiter Wunsch wäre, dass doch endlich ein Einsehen getan würde und alle Hunde abkämen, oder wenigstens mit Knüppeln vor den Beinen umherlaufen müssten, wegen der möglichen Tollheit. Hier an dieser Stelle, Schirrmeister, war es, wo ich durch eine solche Kanaille, die von jener Wallhecke herabsprang, am letzten Zinstage einen Todesschreck hatte. Man sollte überhaupt seinen Nebenmenschen vor Alterationen mehr behüten und bewahren. Tolle Menschen lässt man auch viel zu frei umhergehen. So habe ich zu meinem Erstaunen gehört, dass der übergeschnappte Schulmeister von Hackelpfiffelsberg, welcher eine Zeitlang bei dem alten Herrn Baron eingesperrt war, seit gestern frank in der Gegend gesehen worden ist. Wenn einem nun unversehens dieser Wütige begegnete –"
Aber der Küster konnte seinen Satz nicht enden, denn es ereignete sich etwas, was selten vorzukommen pflegt, nämlich: der Wolf in der Fabel erschien. Um die Ecke herum trat nämlich plötzlich mit einer Flinte bewaffnet der Schulmeister Agesilaus oder vielmehr Agesel in der veilchenblauen Pekesche mit Sammetvorstössen. Er ging munteren und beherzten Schrittes auf die beiden Männer zu, denn er war auf dem Wege nach dem Oberhofe. Aber ihn sehen, einen laut des Schreckens ausstossen, sich blitzschnell umkehren und mit gewaltiger Schnelligkeit entfliehen, war bei dem Küster eins.
Er lief, die hände vorgestreckt, spornstreichs nach dem Hochzeitause und stürzte mit dem Geschrei: "Rettet euch!" unter die Gäste, die alsobald aufgestört, teils den Küster in bewegten Gruppen umwogten, teils zum Flüchten Anstalt machten. Der Hofschulze, welcher von der allgemeinen Unruhe nicht angesteckt wurde, trat fragend zum Küster und erhielt von ihm den Bescheid, dass einer oder mehrere Tolle, ja vermutlich das ganze Irrenhaus in der Nähe ausgebrochen sei, und die verrückte Gesellschaft, furchtbar mit Flinten und Keulen bewaffnet, sich nahe.
Die Weiber erhoben ein Geschrei, der Hofschulze, welcher von sich auf andere schloss und nicht annehmen konnte, dass die Furcht in dem Masse übertreibe, wie hier der Fall war, machte zum ersten Male in seinem Leben ein verlegenes Gesicht, und alles war in Bestürzung – als der Schirrmeister mit dem vermeintlichen Tollen in den Hof trat.
"Agesel!" riefen alle, die ihn kannten, und deren waren nicht wenige. "Ist dieses das ganze entsprungene Irrenhaus?" fragte der Hauptmann. "Ihr seid und bleibt ein Poltron, Küster!" – "Man kann noch nicht wissen –" stammelte der zitternde Küster, der seinen Versteck hinter der Exzellenz vom hof, die indessen auch unter den Gästen eingetroffen war, genommen hatte, vermutlich weil er im Schutz des Vornehmsten am sichersten zu sein glaubte. Die Exzellenz sah verwundert umher und wusste abermals nicht, woran sie war.
Agesel warf einen wehmütigen blick auf die Versammlung, einen schmerzlichen gegen Himmel und sagte dann seufzend:
"Ich ahne recht wohl, was dieser Vorgang zu bedeuten hat. Ja, wer einmal einem gewissen Unglück unterworfen gewesen ist, vor dessen Schritten fleucht immerdar die Furcht her und ruft:
'Geht aus dem Wege!' – Meine Herren aus der Stadt! Ich kann Sie versichern, dass ich gewöhnlicher Mensch in der vollsten Bedeutung des Wortes bin. Euch Bauern, die ihr dies vielleicht nicht verstehen würdet, sage ich, dass es bei mir keinesweges rappelt, sondern dass ich auf den Oberhof komme, um mich nach der Pflegetochter vom schloss zu erkundigen. Wer mir das glauben will, der tut wohl daran, und wer es nicht glauben will, der kann es bleiben lassen. Die Flinte, welche den Küster vielleicht erschreckt hat, habe ich droben am Freistuhl, bei dem ich vorbeikam, im wald gefunden. Schaft und Rohr lagen gesondert und zum teil beschädigt an verschiedenen Stellen, mich jammerte das gute Eisen und Holz, ich band es notdürftig mit Bast und Bindfaden zusammen, und stellte so den Anschein einer Flinte dar, welcher aber, wie der Augenschein lehrt, durchaus unschädlich ist."
Er zeigte das zusammengeflickte Schiessgewehr vor, welches, wie man leicht errät, das des Jägers war. Wer es zu sehen bekam, überzeugte sich mit einem Blicke, dass es keine Gefahr bringen könne. Die gesetzten Reden des Schulmeisters brachten ein allgemeines Zutrauen in seinen hergestellten Verstand zuwege. Dem Diakonus kam plötzlich ein Gedanke, durch den so unvermutet in die Hochzeit eintretenden Agesel den ganzen Streit über das Aufwarten beizulegen. Er sagte dem Hofschulzen seine Meinung, dieser billigte sie, und beide richteten an den Schulmeister das Ersuchen, als zweiter Aufwärter bei der Mahlzeit zu dienen. Nichts konnte dem mann erwünschter sein. Er versetzte, dass sein ganzes Bestreben jetzt dahin gehe, nützlich zu wirken, dass er daher mit Freuden die gelegenheit, die ihm heute dazu durch das Bedienen der Gäste gewährt werde, ergreife, und in diesem anscheinend zufälligen Ereignisse eine wahre Fügung des himmels erkenne, indem er nicht verschweigen könne, dass der Herr Schulrat Tomasius ihm gewisse Aussicht auf die Schulmeisterstelle der Bauerschaft gegeben habe, daher das vorläufige Aufwarten gleichsam schon den Anfang des ihm zugesagten Dienstes darstelle. Nach dieser Rede band er sich hurtig eine weisse Schürze vor, holte mit Geschicklichkeit einen gekochten Schinken vom Feuer und setzte ihn anstandsvoll auf die Tafel im Baumgarten.
Sonach waren alle Hindernisse beseitiget, und die ganze Hochzeitgesellschaft nahm auf eine gereimte Einladung des Burschen, der