, und alles nach der Mahlzeit verlangte, die doch ohne die gehörige Aufwartung nicht zustande kommen konnte.
Der Küster hatte sich, da er seine Sache in guten Händen sah, aus Politik, um nicht persönlich überrumpelt zu werden, auf einige Zeit vom Oberhofe entfernt. Er ging zwischen den Wallhecken spazieren, und mit ihm ging einer der fremden Hochzeitgäste, ein alter Schirrmeister, der im nächsten Postorte gerade seine zehn Ruhestunden genoss, und die gelegenheit nicht hatte vorbeigehen lassen wollen, vom Hochzeitbraten zu kosten – ein weitläuftiger Anverwandter des Hofschulzen. Er gehörte zu den ausgedienten Kriegsknechten, die nach vielen Mühen und Strapazen einen sogenannten Ruheposten bekommen. Der Ruheposten unseres Schirrmeisters gestattete ihm viermal im monat sein Bette aufzusuchen, sonst lag er bei Nacht und bei Tage auf der Landstrasse. Er hatte so viel Kupfer auf der Nase, als ein rechtschaffener Schirrmeister haben muss, war ein Fünfziger, d.h. hoch in den Fünfzigen, rüstig und wacker, und litt nur von seinen Feldzügen her an der Gicht, die ihn zuweilen ganz kontrakt machte.
Der Küster und der Schirrmeister unterhielten sich in dieser Zwischenzeit vor Tische vom menschlichen Leben und vom höchsten Gute. – "Wenn man so wie ich auf vielen Hochzeiten gewesen ist", sagte der Küster, "wenn man sieht, wie die jungen Leute einander heiraten, nach neun Monaten ein Kind kriegen, und dann immer so fort, jedes Jahr ein frisches Kind – nun stirbt dieses und jenes Kind, und die, welche leben bleiben, heiraten nach mehreren Jahren auch, und zuletzt stirbt alles miteinander, und hat das, wenn man seine sechzig Jahre auf den Schultern trägt, wie gesagt, einige Male mit durchmachen müssen, so kommt einem das menschliche Leben ganz einerlei vor und wie eine Kugel, die sich immer umdreht."
"Das menschliche Leben kommt mir mehr gleichsam als wie eine Reise vor", sagte der Schirrmeister.
Der Küster sah seinen gefährten lange erstaunt an und sprach darauf: "Dieser Gedanke ist ganz neu, denn ich fand ihn noch nirgends in den vielen Büchern, die ich doch gelesen habe."
Der Schirrmeister fühlte sich geschmeichelt und versetzte: "Unterweges fällt unsereinem allerhand ein. Es soll mir ganz recht sein, wenn dieser Gedanke noch nirgendwo geschrieben steht, denn Bücher zu lesen habe ich freilich keine Zeit."
Der Küster fuhr in seinen Betrachtungen folgendermassen fort: "In dieser vernünftigen Fassung über das menschliche Leben sänftigen sich auch die menschlichen Wünsche. Ich war zu meiner Zeit in der Jugend sehr obenaus und wollte platterdings Teologie studieren. Frühprediger musste ich wenigstens werden; das stand fest. Es war aber dazumal mit dem Unterrichte eine verkehrte Sache, und die Lehrer hatten nicht die Manier, dass man etwas begreifen konnte. Ich begriff nichts und wurde so nach und nach Küster, wozu man freilich auch nicht ohne Gaben sein darf. Gegenwärtig habe ich eigentlich nur noch drei Wünsche auf dieser Welt."
"Und die sind?" fragte der Schirrmeister.
"Erstlich wünsche ich, dass jemand einmal ein ordentliches und ausführliches Buch von Küstersachen schriebe und darin auseinandersetzte, worin das Amt und die Würde eines Küsters besteht, was man ihm mit Fug zumuten darf und was nicht. Denn alles will uns jetzt zu leib, und es gibt keinen angefochteneren Stand, weshalb es dann ein wahres Bedürfnis der Zeit wäre, dass in den Vorstellungen über Küster und Küstereien einmal wieder bessere Ordnung gestiftet würde."
"Was ich mir wünsche, ist geringer", sagte der kupfernasige Schirrmeister. "Ich bin mit meinem Posten ganz zufrieden, man lernt auf jeder Station andere Menschen kennen, es gibt immer etwas Neues, und die fremden Gegenden auf dem Kurs verschaffen einem auch beständig Abwechselung. Hat man einmal Langeweile, nun, so liest man zur Unterhaltung seinen Personenzettel, kurz, ich möchte diesen Beruf mit keinem anderen vertauschen und wäre ganz glücklich, wenn ich nur ein einziges Mal tüchtig schwitzen könnte."
"Tut Ihnen das so not und kommen Sie nie dazu?" fragte der Küster.
"Not sehr, denn das Reissen in den Gliedern von meinen Strapazen her nimmt von Jahr zu Jahr zu. Das ist auch ganz regulär, denn dergleichen Übel mehren sich immer, wenn man bei jedem Wind und Wetter hinaus muss. Könnte ich aber einmal so recht von Grund der Seele schwitzen, ich hätte wohl auf einige Zeit Ruhe. Dazu gelange ich indessen nie, weil ich nur viermal im Monate zu haus schlafe."
"Dann könnten Sie ja doch schwitzen", sagte der Küster.
"Keine Möglichkeit. Habe es versucht, aber die Gedanken lassen den Schweiss nicht vorbrechen", versetzte der Schirrmeister. "Nämlich, wenn ich eben ein paar Stunden im Bette gelegen habe und der Fliedertee nun seine wirkung tun will, so fange ich an zu denken: jetzt füttern die Pferde, die du vorgelegt kriegst, jetzt wird schon der Wagen geschmiert, nun stehen der Herr Sekretär auf, nun sehe ich sie in ihrem Warschauer Schlafpelz sitzen und die Charten und Papiere fertig machen, alleweile ist der Briefzettel geschrieben, und alleweile die Personenkarte – da schlägt es sechs, und ich muss aufstehen, trocken, wie ich mich hinlegte, denn wenn man seine völlige Ruhe nicht hat und an andere Dinge denken muss, so löst sich die natur nicht, und wenn man den Fliedertee eimerweis tränke. Dieses fehlt also an meiner völligen Zufriedenheit, und so ist das menschliche Glück nie