kann man besser aufgehoben sein als in einer Kirche?" sagte er seelenvoll. Er schlug sanft seine arme um ihren Leib, mit der andern Hand fasste er ihre Hand, so führte er sie nach einer Bank, nötigte sie darauf nieder und setzte sich neben sie. Sie sah in ihren Schoss und liess die Bänder an dem buntfarbigen Jäckchen, welches sie trug, durch die Finger gleiten. Er hatte seinen Kopf auf dem Betbrette aufgestützt, sah sie von der Seite an und berührte das Häubchen, welches sie trug, wie um den Stoff zu prüfen. Er hörte ihr Herz klopfen und sah ihren Hals gerötet. – "Nicht wahr, es ist ein abscheulicher Anzug?" fragte sie nach langem Schweigen kaum hörbar. – "Oh!" rief er und knöpfte seine Weste auf, "ich sah nicht nach dem Anzuge!" – Er fasste ihre beiden hände, drückte sie stürmisch gegen seine Brust und zog sie dann von der Bank.
"Ich ertrag's nicht so still zu sitzen! Lassen Sie uns die Kirche besehen!" rief er. – "Hier ist wohl nicht viel Sehenswürdiges", versetzte sie zitternd. Er ging mit ihr zu dem Taufsteine, auf dessen grund noch etwas von dem heiligen Nass stand, denn es war vor der Hochzeit schon eine Taufe in der Kirche gewesen. Sie musste mit ihm auf den Grund und in das wasser hinabsehen. Dann tauchte er den Finger hinein und netzte erst ihre und dann seine Stirn.
"Um Gottes willen, was machen Sie?" rief sie ängstlich und wischte rasch die ihr frevelhaft dünkende Befeuchtung ab. – "Wiedertäuferei treibe ich", sagte er wunderbar lächelnd. – "Dieses wasser weiht die Geburt zum Leben, und dann geht das Leben so fort – lange, lange, heisst Leben und ist keins – und dann bricht das wahre Leben auf, und man sollte dann von neuem taufen." – Sie wurde ängstlich in seiner Nähe und stammelte: "Kommen Sie, ein Ausgang wird durch die Sakristei zu finden sein." – "Nein", rief er, "erst die Totenkronen wollen wir besehen; zwischen Geburt und Grab erlebt unser Leben sein Leuchtendes, sein Schönes!" – Er führte sie zu der stattlichsten Totenkrone am gegenüberstehenden Pfeiler und murmelte auf dem Wege mit trunken-irren Blicken die Stelle von Gray, welche mit seinen übrigen Gedanken nicht zusammenhing, und auf welche ihn nur der Ort bringen konnte: "Viel Tropfen reinsten Glanzes bergen des Meeres dunkele unermessene Tiefe, viel Blumen brachen auf, um ungesehen zu blühen und ihre Süsse an die öde Luft zu verschwenden!"
Dachte er an das Mädchen, von dessen Sarge die strahlende Totenkrone war? – Ich weiss es nicht. – Flittern und glänzende Ringe hingen an dünnem Zindel herunter. Er riss zwei Ringe ab und flüsterte: "Ihr seid nur schlechte Reifen, aber zu köstlichem Gold will ich euch weihen und heiligen!" – Er steckte, ehe die Lisbet es verwehren konnte, ihr den einen und den andern darauf sich an. Dabei sah er zornig aus, seine Lippen schürzte ein erhabener Unmut, er legte seine geballte Faust dem Mädchen auf den Nacken, als wollte er sie züchtigen, dass sie seine Seele ihm entwendet habe. In diesem starken jungen Gemüte riss die Liebe, wie ein Waldstrom im Gebirge, tiefe Schluchten und Spalten.
"Oswald!" rief sie und trat vor ihm zurück. Es war das erstemal, dass sie seinen Vornamen nannte. – "Wir können das ebensogut tun, wie die dummen Bauern", sagte er, "und sind keine anderen Ringe zur Hand, so nehmen wir sie vom Sargschmuck, denn das Leben ist stärker als der Tod." – "Nun gehe ich", seufzte sie atmend und wankte. Ihr Busen flog, dass das Mieder wild bewegt wurde.
Aber schon hatten seine starken arme sie umstrickt und aufgehoben und vor den Altar getragen. Dort liess er sie nieder, die halb ohnmächtig an seiner Brust lag, und stammelte schluchzend vor Liebesweh und Liebeszorn: "Lisbet! Liebe! einzige! Entsetzliche! Feindin! Räuberin! Vergib mir! Willst du mein Du sein? Mein ewiges, süsses Du?"
Sie antwortete nicht. Ihr Herz schlug an seinem, sie schmiegte sich ihm an, als wollte sie mit ihm verwachsen. Ihre Tränen flossen auf seine Brust. Nun hob er ihr Haupt empor, und die Lippen fanden sich. In diesem Kusse standen sie lange, lange.
Dann zog er sie sanft neben sich auf die Kniee nieder, und beide erhoben vor dem Altare betend die hände. Sie konnten aber nichts vorbringen als: "Vater! lieber Vater im Himmel!" Und das wurden sie nicht müde, mit wonnezitternder stimme zu rufen. Sie riefen es so zutraulich, als ob der Vater, den sie meinten, ihnen die Hand reiche.
Endlich verstummte dieses Rufen und sie legten das Gesicht schweigend an das Altartuch. Mit dem arme aber umschlang eines des andern Nacken, die Wangen glühten, eine an der andern, und die Finger spielten sanft in den Locken. Es war keine Unruhe mehr in den Herzen; sie schlugen still und gleichmässig.
So knieten die beiden eine Zeitlang vereinigt lautlos im Heiligtume. Plötzlich fühlten sie ihre Häupter leise angerührt und sahen empor. Der Diakonus stand zwischen ihnen mit leuchtendem Antlitz und hielt seine hände segnend auf ihren Scheiteln.