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Küssen auf der flachen Wange beehrt. Dann führte der Geistliche seinen vornehmen Bekannten in die Sakristei, um ihn von dort in das Freie zu entlassen. Der noch immer Erschrockene sagte, er müsse erst überlegen, ob er an dem ferneren Verlaufe der Festlichkeit teilnehmen könne. Der Geistliche bedauerte dagegen auf dem Wege nach der Sakristei unendlich, dass er nicht früher von dem Vorhaben Seiner Exzellenz Kunde erhalten habe, weil er dann imstande gewesen sei, Nachricht von der Prügelsitte zu erteilen und so Furcht und Schreck abzuwenden.

Nachdem beide sich entfernt hatten, war Stille und Schweigen in der Kirche. Es war ein artiges Kirchlein, reinlich und nicht zu bunt; ein reicher Wohltäter hatte manches dafür getan. Die Decke war blau gemalt mit goldenen Sternen, an der Kanzel zeigte sich künstliches Schnitzwerk und unter den Leichentafeln der alten Pfarrer, welche den Fussboden bedeckten, befanden sich sogar zwei oder drei von Messing. Reinlich und sauber wurden die Bänke gehalten, auch darauf hatte der Hofschulze mit seinem grossen Einflusse hingewirkt. Eine schöne Decke zierte den Altar, über dem sich ein geschlungenes marmoriert angestrichenes Säulenwerk erhob.

Hell fiel das Licht zu dem Kirchlein ein, die Bäume säuselten draussen und zuweilen bewegte ein gelindes Lüftchen, das durch eine zerbrochene Scheibe drang, die weisse Schärpe, womit der Engel über dem Taufbecken bekleidet war, oder die Flitter der Kronen, welche, von den Särgen der Jungfrauen genommen, die Pfeiler umher schmückten.

Braut und Bräutigam waren fort, der Brautzug war fort, und doch war es nicht ganz einsam in dem stillen Kirchlein. Zwei junge Leute waren darin zurückgeblieben und wussten nicht voneinander und das war so zugegangen. Der Jäger hatte sich, als die Hochzeitleute die Kirche betraten, von ihnen abgesondert und war still eine Treppe zu einer oberen Prieche hinaufgegangen. Dort setzte er sich auf einen Schemel ungesehen von den andern, abgewendet von ihnen und von dem Altar, ganz für sich und allein. Er schlug sein Gesicht in seine Hand, aber das konnte er nicht lange ertragen, die Wange und Stirn glühte ihm zu stark. Das Kirchenlied drunten fiel mit seinen ernstgezogenen Tönen wie ein kühlender Tau in seine Glut, er dankte Gott, dass endlich, endlich ihm das grösste Glück beschieden sei, und in die frommen Worte da unten sang er unaufhörlich seine weltlichen Verse hinein:

In deinem Ernst, in deinem lachen

Gehörst du dir nach holdem Rechte! ...

Ein kleines Kind, welches sich neugierig heraufgeschlichen hatte, nahm er sanft bei der Hand und streichelte diese. Dann wollte er ihm Geld geben, aber er liess es sein, drückte es an sich und küsste ihm die Stirn. Und als das Kind, ängstlich von den heissen Liebkosungen, die Treppe hinuntergehen wollte, führte er es sacht hinab, dass es nicht falle. Dann kehrte er zu seinem Sitze zurück und hörte nichts von der Rede und nichts von dem Lärmen, der ihr folgte, in tiefe, selige Träume versunken, die ihm seine schöne Mutter zeigten und sein weisses Schloss auf grünem Berge und ihn und noch jemand in dem schloss.

Lisbet war in ihrem fremdartigen Anzuge verlegen und scheu hinter der Braut hergegangen. "Ach", dachte sie, "in dem Augenblicke, wo der gute Mensch von mir sagt, ich wäre immer natürlich, muss ich geborgte Kleider tragen." Sie sehnte sich in die ihrigen zurück. Die Bauern, die Leute aus der Stadt hörte sie hinter sich zischelnd ihren Namen nennen, der vornehme Herr, welcher vor der Kirche dem zug entgegentrat, besah sie lange prüfend durch seine Lorgnette. Das alles musste sie erleiden, als sie eben so schön besungen worden war, als ihr Herz von Freude und Entzükken überflutete. Sie trat halbbetäubt in die Kirche ein und nahm sich vor, bei dem Rückwege von dem zug zu bleiben, damit sie auf keine Weise wieder der Gegenstand des Gesprächs oder gar der Scherze werde, über welche sie sich seit einer Viertelstunde weit hinaus fühlte. Auch sie hörte von der Rede wenig, so sehr sie sich zwang, dem Vortrage ihres verehrten geistlichen Freundes zu folgen. Und als die Ringe gewechselt wurden, da erregten ihr die gleichgültigen Gesichter des Brautpaares eine sonderbare Empfindung, gemischt aus Wehmut, Neid und dem stillen Unwillen, dass ein so himmlischer Augenblick an stumpfen Seelen vorübergehe.

Nun entstand der Tumult und da entfloh sie unwillkürlich hinter den Altar. Als es wieder still geworden war, holte sie tief Atem, zupfte an ihrer Schürze, strich sich eine Locke, die ihr auf die Stirn gefallen war, sacht zurück und fasste sich ein Herz. Sie wollte sehen, wie sie unbemerkt auf Nebenwegen zum Oberhofe zurückgelangen und der leidigen Kleider quitt werden möchte. Mit kleinen Schritten und niedergeschlagenen Augen ging sie durch einen Seitengang nach der tür zu.

Aus seinen Träumen endlich erwacht, kam der Jäger die Treppe hinunter. Auch er wollte die Kirche verlassen, wusste aber freilich nicht, wohin dann? Sein Herz bebte, als er Lisbet sah; sie schlug die Augen auf und blieb schüchtern und fromm stehen. Dann gingen sie, ohne einander anzuschauen, stumm der tür zu, auf deren Drücker er seine Hand legte, sie zu öffnen. "Sie ist verschlossen!" rief er mit einem laut des Entzückens, als sei ihm das höchste Glück widerfahren. "Wir sind in der Kirche eingeschlossen!"

"Eingeschlossen?" fragte sie voll süssem Schreck. – "Warum macht Sie das bestürzt? Wo