seine Gedanken um den Brautwagen flogen.
Fahre dieser nun langsam nach dem hof des Bräutigams, wo schon die ganze Hochzeitsgesellschaft, Männer, Frauen, Mädchen, junge Bursche aus allen umliegenden Wehren, und überdies die Freunde aus der Stadt, der Hauptmann und der Sammler seiner warten. Dort wird abgeladen; wir gehen inzwischen voran zur Kirche, die in der Mitte der ganzen Bauerschaft auf einem grünen Hügel, beschattet von Walnussbäumen und wilden Kastanien liegt. – In der Sakristei beschäftigte sich der Diakonus still mit seinem Texte. Er gehörte zu den glücklichen Geistlichen, deren innerste Glaubenskraft vom Zweifel, welchen die neuere Wissenschaft erst recht gründlich ausgeschaffen hat, nicht berührt wird. Die verflüchtigenden Vorstellungen, welche in das Christentum eingedrungen sind, waren ihm nicht fremd geblieben, und sein Geist musste zu sich sagen, dass darin mehr Wahrheit sei, als in dem Buchstaben des Ortodoxen. Aber es ging ihm mit der heiligen geschichte, wie es uns mit unsern Eltern geht. Wir erkennen ihre Schwächen und sind doch, wo es auf etwas ankommt, immer ihre Kinder. Denn er wurde gleich ein anderer, wenn er das Heiligtum betrat; zwischen dessen Wänden verschwand ihm die Kälte, er empfand das Evangelium in allen seinen Ausstrahlungen, Wundern und Widersprüchen als eine ewige Tatsache, und als eine wirkliche, nicht als eine gemachte. So war er denn nie in der Kirche Lippengläubiger, sondern erbaut, um andere zu erbauen.
Auch heute war er in den Gegenstand seiner Predigt fromm vertieft. Indessen störte ihn einigermassen der Küster, welcher, ohne noch dort ein Geschäft zu haben, auch in der Sakristei verweilte, seinen Oberen mit verlegenen Blicken anschaute und dazu unablässig seufzte. Der Diakonus sah sich endlich genötigt, ihn zu fragen, was dies zu bedeuten habe?
"Beklemmung, Beängstigung, ein ungemeines Blutwallen und Zudringen der Säfte nach dem kopf hat es zu bedeuten, Herr Diakonus", versetzte der seufzende Küster.
"Es ist nicht zu verwundern, dass Ihr beklommen seid", antwortete lächelnd der Diakonus. "Dieses Kopfkissen, welches Ihr jahraus, jahrein, sobald wir die Stadt verlassen, eingeknöpft auf dem Unterleibe tragt, die Witterung mag so schön sein, wie sie will, muss Euch das Blut wallen machen und die Säfte zu kopf treiben."
"Es ist nicht dieses, mein Herr Diakonus", erwiderte der Küster, indem er seinen ausgestopften Unterleib streichelte, welcher sich in sonderbaren Wellenlinien, Wülsten und Knoten darwies, weil der Inhaber die Federn des Kissens nicht ganz gleich verteilt und verstrichen hatte. "Es ist nicht dieses. Besser bewahrt, wie beklagt, ich weiss ja, was eine hartnäckige Verkältung auf sich hat. Das Kissen ist gleichsam ein teil von mir geworden und ruht mir ohne die mindeste Beschwer auf dem Herzen. Aber weshalb ich beklommen bin, das ist die Furcht vor einer Herabsetzung meines Ansehens und vor einer Schändung sozusagen des ganzen Küsterstandes, welche mir auf dieser unglückseligen Hochzeit bevorsteht."
"Wie denn so?"
"Der Herr Diakonus wissen, dass der Schulmeister loci vor nunmehr beinahe acht Tagen verstorben ist, und seine Stelle noch keine Besetzung gefunden hat. So fehlet also dieser Hochzeit der zweite observanzmässige Aufwärter7, und da hat nun der Hofschulze, dieser alte eigensinnige Mann sich nicht entblödet, mir gestern an- und zumuten zu lassen, ich solle statt des fehlenden Schulmeisters aufwarten, weil Küster und Schulmeister miteinander die meiste Ähnlichkeit und Verwandtschaft hätten, worüber ich denn die ganze Nacht hindurch kein Auge zugetan habe. Annoch kann ich vor Herzklopfen mich nicht zufriedengeben."
"Freilich würde bei der Aufwartung die eigene Leibesnahrung nicht so wohl gedeihen", sagte der Diakonus.
"Dieses nebenbei", sprach der Küster sehr ernst. "Nötigenfalls würde durch Bündelschnüren und Serviettenverpackung dafür gesorgt werden, dass Küsterei in ihren Gerechtsamen keinen Schaden erlitte. Aber dass die Würde eine Beeinträchtigung dulden müsste und die Freiheit der Stelle von allen und jeden Aufwartediensten eine Verletzung erführe; dieses ist die Hauptsache. Und ehe ich ein solches Präjudiz aufkommen lasse, wodurch mittelst fernerer Nachlässigkeit der Amtsnachfolger Küsterei einer immerwährenden Last unterzogen werden könnte, sterbe ich lieber, obschon ich einsehe, dass meine Weigernis einen furchtbarlichen Lärmen hervorbringen kann, denn der Hofschulze ist in allem fest, was er sich vorsetzte. Daher entspriesset denn wohl nicht ohne Grund einiger Kummer."
Der Diakonus, der durch das Geschwätz des närrischen Küsters sich in seinen Gedanken unangenehm geirrt fühlte, beschwichtigte ihn mit der Versicherung, dass er seinen Einfluss verwenden werde, um den Hofschulzen von dem rechtswidrigen Verlangen abzubringen. Der Küster ging, etwas erleichtert, da es Zeit war, und die Menschen sich schon in der Kirche versammelt hatten, hinaus und begann auf der Orgel die hergebrachte "Schlacht von Prag" zu spielen. Er kannte nämlich nur ein Präludium, und dieses war jene verschollene Schlachtmusik, an welche sich vielleicht noch einige ältere Leute erinnern, wenn ich ihnen in das Gedächtnis zurückrufe, dass das Tongemälde mit dem Aufmarsche der Zietenschen Husaren anfängt. Von diesem Aufmarsche wusste der Küster dann immer mit freilich nicht selten kühnen Gängen sich in die gangbaren Kirchenmelodien hinüberzuschwingen.
Während des Liedes betrat der Diakonus die Kanzel, und als er die Augen zufällig auf die Versammlung warf, hatte er einen unerwarteten Anblick. Ein vornehmer Herr vom hof stand nämlich mitten unter den Bauern, deren Aufmerksamkeit er zerstreute, weil sie von ihrem Gesangbuche immer empor- und nach seinem Sterne schielten. Der vornehme Herr wollte mit irgendeinem