1836_Immermann_045_164.txt

Gabe reichen;

Da trat mir ein Gefühl zum Herzen,

Das jene Scherze machte weichen.

Es war die fromme sanfte Rührung,

Wenn man durch guter Genien Führung

Die lieblichste natur erblüht,

Und aus sich selbst entfaltet sieht.

In deinem Ernst, in deinem lachen

Gehörst du dir nach holdem Rechte;

Was deine frischen Lippen sprachen,

Es ist das Deine, drum das Echte:

Wo solche Zauber im Gemüte,

Folgt das Geschick, wie Frucht der Blüte,

So lebe, lebe immerzu

Dein Los, dir eigen, hold wie du!

Er hatte diese Verse mit fliegender Feder geschrieben, denn die Glocke läutete schon, und Lisbet, die im Hochzeitszuge nicht fehlen durfte, schien unruhig zu werden. Jetzt reichte er das Blatt mit abgewandtem gesicht ihr hin und trat von ihr hinweg an das andere Fenster. Nach einigen Sekunden hörte er hinter sich tief atmen und dann leise schluchzen. Rasch wandte er sich und hatte den rührendsten Anblick. Lisbet stand, etwas gebeugt, als drücke sie die Verehrung, welche sie empfangen, und hielt das Blatt in der reizendsten Unbehülflichkeit mit beiden Händen vor sich hin, wie ein Kind, das die glänzende Weihnachtbescherung sich noch gar nicht anzueignen wagt. Die hellen Tränen flossen ihr unter den Wimpern, dabei lächelte sie, und sah den Jäger mit dem gläubigsten Vertrauen an, als wollte sie sagen: "Wenn du einen armen Findling so hübsch besingen kannst, so musst du es wohl recht herzlich mit ihm meinen." – Endlich fand ihre Empfindung ein lautes Wort und sie lispelte: "Sie machen zuviel aus mir und ich werde noch ganz eitel durch Sie werden."

Er trat, fest seinen flammenden und doch so sanften blick auf sie heftend, ihr entgegen und wollte ihre Hand küssen. Sie war küssenswert, diese Hand. Es ist, als ob manchem nichts schaden könne. Trotz aller Arbeit war die Hand weich und zart geblieben. Lisbet entzog sie seinem mund und bot ihm, die Augen schliessend, die Lippen dar. Jauchzend wollte er mit den seinigen sie rühren, da öffnete sich die tür und die Brautjungfer trat mit dem Putze und ihrem Anliegen ein. Die Gestörten traten erschreckt auseinander, Lisbet zu ihrem Tüchlein, der Jäger, ohne sie anzusehen, an das Fenster, von wo er dann mit niedergeschlagenem Blicke aus dem Zimmer schlich. Denn das Gefühl ist auch darin nur sich selbst gleich, dass es mit dem Bewusstsein der reinsten Tugend die Furcht des lichtscheusten Verbrechens paart. – Du denkst an das geliebte Mädchen zugleich mit deinen Gedanken an Gott, du sagst, wie der Jäger in deinen einsamen Entzückungen: "Könnte ich diese Liebe, wie meine beste Tat, von den Dächern rufen!" und dann verleugnest du sie wie Petrus den Herrn der ersten Basenfrage, und rufst, ob man von dir glaube, dass du so töricht seist? –

Draussen war unter dem Glockengeläute die Musik immer näher gekommen, und jetzt wurde der Brautwagen, gezogen von zwei starken Pferden am andern Ende des Weges, der durch den Eichenkamp leitete, sichtbar. Die erste Brautjungfer stand mit ihrem dikken, zum teil übelriechenden Strausse ehrbar neben der Braut, die Knechte standen bei den Packen und Laden im Flur, zum letzten Anfassen bereit; der Hofschulze schaute unruhig nach der zweiten und nach der improvisierten dritten Brautjungfer sich um; denn wenn diese nicht vor der Erscheinung des Bräutigams den Platz, den ihnen der Tag anwies, nahmen, so war es nach seinem Gefühle um die ganze Feierlichkeit geschehen. Doch da kamen die beiden Erwarteten eben noch zur rechten Zeit die Treppe herunter und stellten sich zu der ersten, als der Wagen gerade auf den freien Platz vor dem haus hinauslenkte.

Gleichmütig im Gesicht, wie alle Hauptpersonen dieses Festes, stieg der Bräutigam vom Wagen. Junge Leute, seine nächsten Freunde, folgten ihm bebändert und bestrausst. Er schritt langsam auf die Braut zu, die auch jetzt noch nicht emporsah, sondern immerfort nur spann und spann. Nun befestigte ihm die erste Brautjungfer den grossen Strauss, worin Sternblume und Salbei dufteten, vorn auf der Brust an dem hochzeitlichen Kleide. Der Bräutigam empfing diesen Schmuck, ohne zu danken, denn der Dank gehörte nicht zum Herkommen. Er reichte seinem Schwiegervater stillschweigend die Hand, dann sie ebenso stillschweigend der Braut, die sich darauf erhob und zu den Brautjungfern stellte, zwischen die erste und zweite und vor die dritte.

Währenddessen hatten die Knechte die Ausstattung auf den Wagen geschafft. Die Szene bekam etwas Wildes, denn indem die Menschen mit dem Gepäck zwischen den Kochfeuern hindurchliefen, wurde mancher brennende Klotz von seinem Orte hinweggestossen, knisterte und sprühte in dem Wege, den das Brautpaar zu gehen hatte. Nach dem Linnen, dem Flachs, den Betten, den Kleidungsstücken nahm die Braut mit ihren drei Jungfern und dem Spinnrade, welches sie selbst trug, auf dem Wagen Platz. Der Bräutigam setzte sich abgesondert von ihr in den hintersten teil des Fahrzeuges, und die jungen Bursche mussten diesem zu fuss folgen, da die Ausstattung zu viel Raum einnahm, um ihnen noch Sitze zu gestatten. Hierüber machte der eine hergebrachte Spässe gegen den Hofschulzen, auf welche dieser schmunzelnd antwortete. Er ging hinter den jungen Burschen her, und zu ihm gesellte sich der Jäger. So gingen zwei zusammen, welche an diesem Tage die entgegengesetztesten Empfindungen hegten. Denn der Hofschulze dachte an nichts, als an die Hochzeit, und der Jäger an nichts weniger, als an sie, obgleich