, frisch, jungfräulich. Dieses Mädchen war verständig, wie ein Rechenmeister, und hatte mit den Bauern um den letzten Zinsgroschen sich gestritten, den sie ihrem Pflegevater verschaffen wollte, und dieses Mädchen war doch auch ganz lyrisch, ganz hingerissen, ganz quellendes und wiedergebärendes Empfangen. Über ihr Antlitz zogen die Geister der Dinge, die sie sah und hörte, ein sichtbarer Reigen. Wenn der Jäger ihr von den klugen Gesprächen der Weisen erzählte, so lag ein feines Verstehen um die Lippen, wenn er ihr sagte, dass Karl von Anjou mit finsterem unbeweglichem gesicht zugesehen, als er den jungen unschuldigen Konradin hinrichten lassen, so faltete sich die reine Stirn und Tränen flossen unter diesen lieben zornigen Falten; aber eine süsse Trunkenheit, ein seliger Sonnenschein durchleuchtete das Antlitz, wenn er ihr das grüne, wilde Murgtal schilderte und dazu mit seiner tiefen, wohlklingenden stimme das Lied sang:
Süsser, goldner Frühlingstag!
Inniges Entzücken!
Wenn mir je ein Lied gelang,
Sollt' es heute nicht glücken?
Alles, was er in diese unberührte Brust säte, das keimte, sprosste, wurzelte darin, blühte und trug Frucht. Der Jäger ward nicht müde, ihr aus seinem Vorrate zu geben, denn er empfing wieder das hundertste Korn; seine Welt kam ihm verklärt, gelichtet, vergöttlicht zurück aus dem Lächeln Lisbets und von ihren frischen Lippen. So wogte es zwischen ihnen hin und wider, ein Seliges, Unausgesprochenes, Unaussprechliches und war der Wonne kein Ende. Jegliches gefiel ihm an ihr. Wenn er ihr an einer schlimmen Stelle des Weges die Hand reichte und wohl fühlte, dass der leise Druck leiser erwidert wurde, so durchschauerte ihn die Freude, und wenn er ihr dann gleich wieder die Hand drückte und die ihrige nun regungslos in der seinigen blieb, gleich als wollte sie sagen: "Verschwenden wir das Beste nicht!" so gefiel ihm das auch. Ebenso war es mit den Blicken. Ihr Auge ruhte einmal oder zweimal des Tages hingegeben an ihm und dann nicht wieder, er mochte es mit dem seinigen auffordern, wie dringend er wollte. Dass sie in allem Mass hielt, gefiel ihm so sehr. Ja, es gefiel ihm sogar, dass ihre Oberlippe ein klein wenig zu kurz war, und die weissesten Zähne zum Vorschein kamen, wenn sie lachte oder lebhaft sprach. Denn dieser Mangel gab in seinen Augen ihrem gesicht etwas reizend Kindliches, lieblich Unfertiges, was wie alles in ihr auf die letzte, süsseste Vollendung durch den Hauch der Zärtlichkeit harrte.
So gingen ihnen die Tage hin, einer nach dem andern im Oberhofe. Der Hofschulze sah freilich mit andern Augen drein, musste zwar geschehen lassen, was er nicht hindern konnte, aber er schüttelte häufig den Kopf, wenn er seine jungen Gäste so viel miteinander gehen und verkehren sah. Dann pflegte er für sich zu sagen: "Es ist unrecht von so einem Junker." – Seine rauhen Gedanken flogen wie ein widriger Sturm um diese reine Knospe, die zur Blüte aufbrechen wollte. Er nahm sich vor Lisbet bei erster günstiger gelegenheit zu warnen.
Wovor? – Zwischen ihr und ihrem Freunde war alles Unschuld, Demut, der keuscheste Traum eines guten Geistes. Noch war das Wort Liebe nicht über ihre Lippen gekommen und geküsst hatten sie einander auch noch nicht. Wenn er zu Nacht in dem elenden Verschlage auf sein Strohlager sank, so hatte er vorher die Luke aufgestossen und die Sterne schienen ihm wie Lisbets Augen tief in das Herz hinein, bis er entschlummerte. Wenn sie ihr Bettchen unten im Stüblein suchte, so kniete sie am stuhl vor dem Bettchen nieder, und faltete die hände und meinte, ein schönes Gebet zu sprechen, obgleich ihre Lippen kein Wort sagten. Er rief oben leise für sich hin, wenn seine Wimpern sich schlossen: "Der ganzen Welt möchte ich vertrauen, wie sie mir so wohl gefällt." – Sie flüsterte, indem sie sanft ihre Wange an das Kissen drückte: "Er ist der beste Mensch, den ich noch gesehen habe" – und dann schliefen sie beide ein und die harmlosen Gedanken besuchten einander in den webenden Schatten der Nacht.
Das waren die Tage, von welchen geschrieben steht: Sie blühen einmal und nicht wieder!
Fünftes Kapitel
Die Störung. Was sich in einer Dorfkirche zutrug
Endlich hatte der Jäger die Feder geschnitten. Er schob Lisbet ein Blatt Papier hin und bat sie, zu versuchen, ob sie schreibe. Sie tat es, konnte aber damit nicht zurechtkommen, sie habe Zähne, sagte sie. Er sah, was sie geschrieben, es war ihr eigener Name in den klarsten, ebensten Zügen. Die feinen Buchstaben entzückten ihn. "Ich glaube, an der Feder liegt es nicht", stammelte er, "ich wollte wohl, ohne sie zu kappen, ein ganzes Gedicht damit niederschreiben." – "Tun Sie es", versetzte Lisbet und schlug die Augen nieder, "Sie sagten mir ja überdies, dass Sie mir das Tuch mit einem Scherze haben schenken wollen."
"Oh – der Scherz wird wohl ausbleiben –" rief der Jäger, nahm Feder und Papier, setzte zu dem Worte: "Lisbet" das Wörtlein: "An", und schrieb einige Reimzeilen nieder.
Lacht nicht über sie! – Der Jäger konnte seinen guten, runden schwäbischen Vers machen, und hätte bessere zustande gebracht, wäre er freieren Herzens gewesen.
Ich wollte dir mit leichten Scherzen
Die arme kleine