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, obgleich ihn der Hofschulze nicht einlud. Er lud sich aber selbst zur Hochzeit, indem er eines Tages dem Alten sagte, die Landesgebräuche seien ihm so merkwürdig, dass er sie auch auf einer Hochzeit kennenzulernen wünsche. Er sagte dies, nachdem er schon vielfältig unten bei Lisbet gewesen war. Und als er es vorbrachte, flammte sein Gesicht und er konnte das Verlangen nach Erweiterung der Kenntnisse nicht so recht ohne zu stocken kundtun.

Bald hatte der Jäger zwei Tageszeiten, eine unglückliche und eine glückliche. Die unglückliche war, wenn Lisbet, und sie tat es alle Tage, am Brautlinnen half. Der Jäger wusste dann gar nicht, was er mit seiner Zeit beginnen sollte. Nun sahen ihn die Bäume des Gartens und die Eichen des Kamps erst recht wie sein Waldmärchen an. Zuweilen blickte er gegen Himmel, aber noch öfter zur grünen, schwellenden Erde nieder, die er hin und wieder hätte küssen mögen, so lieb war ihm der Boden geworden, auf dem er gar manches erlebt hatte. Wenn seine Gedanken Worte wurden, so lauteten sie: "Das schöne Mädchen an der schönen Blumeund dann ihr liebes Blut droben am Freistuhlund nunund nun – –"

Aber das alles füllte ihm die Seele nicht aus. Er bedurfte einer Gesellschaft, freilich war ihm nicht jede recht, denn dem Hofschulzen wich er eher aus, wenn er ihm begegnete. Aber nach der Linnenkammer war er oft unterweges, worin er die Mädchen plaudern hörte und worin Lisbet still half. Hatte er aber die Klinke in der Hand um aufzudrücken, dann überzog sein Antlitz dunkle Glut, er wandte sich stolz und ging trotzig, wie ein Löwe, die Treppe hinunter, zum hof hinaus, weit, weit in das Feld, ohne sich umzusehen.

Die glückselige Zeit begann, wenn Lisbet von ihrer Arbeit ruhte und frische Luft schöpfte. Dann war es gewiss, dass beide zusammentrafen, der Jäger und sie. Und wäre er noch so weit hinten im Gebüsch gewesen, es kam ihm dann vor, als sagte ihm jemand: "Jetzt ist Lisbet im Freien." Dann flog er hin, wo er sie vermutete, und siehe, seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht, denn schon von weitem erblickte er die schlanke Gestalt und das liebliche Antlitz. Sie pflegte sich dann wohl seitwärts nach einer Blume zu bücken, als achte sie seiner nicht. Vorher hatte sie freilich nach der Gegend gesehen, woher er kam.

Nun gingen sie zusammen durch Feld und Aue, denn er bat sie darum herzlich, dass es ihr wie eine Sünde vorkam, ihm die kleine Bitte abzuschlagen. Und je weiter sie sich vom hof in die wallenden Felder, in die grünen Wiesen verloren, desto freier und fröhlicher wurde ihnen zumute. Und wenn die rote sinkende Sonne alles ringsumher und ihre jugendlichen Gestalten mit verklärte, dann meinten sie, es könne ihnen keine Angst und Pein mehr im Leben kommen.

Der Jäger tat der Lisbet auf diesen Gängen alles zu Gefallen, was er ihr nur an den Augen absehen konnte. Wenn sie zufällig nach einem Busche wilder Feldblumen sah, die entfernt vom Wege auf einer hohen Hecke blühten, so hatte er sich auf die Hecke geschwungen, ehe noch der Wunsch nach den Blumen in ihre Seele gekommen war. Und wo der Weg sich etwas abschüssig senkte, oder ein Stein im Wege lag, oder wo es ein geringes Wässerlein zu überschreiten gab, da streckte sich sein Arm ihr stützend und führend entgegen und sie lachte über die unnötige Dienstfertigkeit, undnahm den Arm dennoch, und liess ihren noch eine Zeitlang in dem seinigen, auch wo der Weg wieder eben geworden war.

Auf diesen stillen und anmutigen Gängen hatten die jungen Seelen einander viel mitzuteilen. Er erzählte ihr von den schwäbischen Bergen, von dem grünen Neckar, von der Alb, vom Murgtale und von dem Berge Hohenstaufen, auf dem das grosse Kaisergeschlecht entsprossen sei, dessen Taten er ihr auch erzählte. Dann sprach er von der grossen Stadt, worin er studiert habe, und von den vielen klugen Leuten, die ihm dort bekannt geworden seien. Und endlich erzählte er ihr von seiner Mutter, wie er diese so zärtlich lieb gehabt habe, und wie es daher wohl kommen möge, dass ihm nachher jede Frau teuer und wert erschienen sei, weil er bei jeder an seine selige Mutter gedacht habe.

Die Lisbet musste dagegen von ihrem einfachen Leben erzählen. Darin kamen keine grossen Städte und keine klugen Leute vor undauch keine Mutter! – Und dennoch meinte er, nie etwas Schöneres gehört zu haben. Denn jede niedere Pflicht, die sie geleistet, hatte sie durch Liebe geadelt, und von dem fräulein und dem alten Herrn Baron wusste sie tausend rührende Züge anzugeben, auf allen Plätzen im Schlossgarten und hinter demselben waren ihr Geschichten begegnet, und aus den Büchern, die sie sich verstohlen vom Söller geholt, hatte sie erstaunliche Dinge über fremde Völker und Länder herausgelesen, und sonderbare Vorgänge zu wasser und zu land, und alles hatte sie behalten.

Wohl hatte der Diakonus recht gehabt, als er die Lisbet mit der Blume verglich, die in Dust und Moder erblüht war. Die natur hatte an diesem blonden Mädchen ihre Allmacht bewähren wollen. Sie hatte sich in einem Maienrausche vorgesetzt, durch die Tat zu sprechen: "Sehet da mein Werk! Eure Erziehung ist Stückerei und Flickerei." – In der Seele dieses Mädchens war alles neu, ganz