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seid auch was Apartes, mit Euch kann sich niemand in Vergleichung stellen", sagte der junge Bursche schüchtern.

"Ei was!" fuhr der Hofschulze auf. "So wie ich bin, hat der liebe Herrgott alle Menschen haben wollen, und es ist nur Eure Schlemmerei und Liederlichkeit, die Euch nicht so werden lässt."

Während dieses rauhen Auftrittes hatten die Knechte mit den Packen und Laden auf der Treppe und im Flur ein grosses Geräusch gemacht, und es war sonach die frühere Stille des Oberhofes sehr unterbrochen worden. Jetzt trat die Braut, geführt von den beiden Brautjungfern, in die tür, das Haupt fest und steif unter der zitternden Goldkrone haltend, als ob sie fürchte, den Ehrenschmuck zu verlieren. Sie reichte dem Vater die Hand und bot ihm, ohne aufzusehen, den guten Morgen, worauf der Alte ohne alle Rührung "Schön Dank" versetzte und seine frühere Positur wieder annahm. Die Braut setzte sich an die andere Seite der tür, nahm ihr Spinnrad vor sich und begann eifrig zu spinnen, in welcher Arbeit sie observanzmässig bis zu dem Augenblicke, wo der Bräutigam sie zum Brautwagen führte, fortfahren musste.

Der nachlässige Hochzeitbitter hatte sich unterdessen verstohlen entfernt. Die zweite Brautjungfer unterrichtete den Hofschulzen von dem Ausbleiben der Sibylle, woran, wie sie hinzufügte, keine Unpässlichkeit, sondern das boshafte Wesen schuld sei, weil sie nämlich selbst ein Auge auf den Wilhelm, den Bräutigam, gehabt habe. Die Glocke begann eben zum ersten Male zu läuten, und es war nun durchaus keine Zeit zu verlieren. Der Hofschulze, der seit einer Viertelstunde aus einer Verdriesslichkeit in die andere gestürzt wurde, murmelte tiefsinnig vor sich hin: "Wenn nur alles klug geht bei dieser Hochzeit! – Alle die Scherereienhm! hm! ei! ei! – Indessen muss der Mensch seine Kontenance behalten." – Er gab, wiewohl sehr ungern die Erlaubnis, anstatt der boshaften Eifersüchtigen Lisbet als dritte Brautjungfer einzukleiden, mit welchem Bescheide sich die zweite entfernte, um den Putz zu Lisbet zu tragen. Auch die erste ging, im Baumgarten den Strauss für den Bräutigam zu pflücken.

In der Ferne liessen sich schon einzelne Töne der Musik hören, welche das Herannahen des Brautwagens verkündigten. Aber auch dieses Zeichen, dass der entscheidende Augenblick bevorstehe, der ein Kind vom haus der Eltern löset und den Vater bei dem kind in den Hintergrund der anhänglichkeit schiebt, brachte keine Regungen in den Personen hervor, welche wie Musterbilder alter Bräuche an den beiden Seiten der Hoftüre sassen. Die Tochter spann, hochrot aber gleichgültig aussehend, unverdrossen fort, der Vater sah gerade vor sich hin, und beide. Braut und Brautvater, wechselten miteinander kein Wort.

Die Brautjungfer suchte unterdessen im Baumgarten den Strauss für den Bräutigam zusammen. Sie wählte spätblühende Rosen, Feuerlilien, orangegelbe Sternblumen, Blumen, welche sie dort Jelängerjelieber, an andern Orten Jesublümlein nennen, und Salbei. Gross, dass man drei Hochzeiter höherer Stände damit hätte ausstatten können, geriet dieser Strauss, denn bei den Bauern muss alles in das Gewicht fallen. Auch nicht ganz lieblich duftete er, denn die Salbei verbreitete einen starken, die Sternblume sogar einen übeln Geruch; indessen durfte beides, insbesondere die Salbei, nicht fehlen, sollte der Strauss herkömmliche Vollständigkeit besitzen. Als sie ihn fertig hatte, hielt ihn das Mädchen mit stolzer Freude vor sich hin, und verknüpfte ihn dann mit einer breiten dunkelroten Schleife. Darauf ging sie ihren Posten bei der Braut einzunehmen.

Viertes Kapitel

Der Jäger und sein wild

Während das Zeremoniell so durch den ganzen Oberhof waltete, waren auf dem Zimmer, welches der wilde Jäger früher bewohnt hatte, zwei junge Leute ohne alles Zeremoniell beisammen. Vier warme Wangen hielten keine bestimmte Farbe, sondern spielten bald in Purpur, bald in Rosenröte, bald in einem fliegenden Bleich; vier blaue Augen suchten einander, und wenn sie sich gefunden, zogen sie, wie erschrokken über ihr Wagnis, den Vorhang der Wimpern vor sich nieder; zwei Lippenpaare hätten gern gemeinsame Beschäftigung vorgenommen; da diese ihnen aber noch versagt war, so zuckten sie für sich in wundersamer, unruhiger Tätigkeit, die des eigentlichen Ziels entbehrte.

Das junge Mädchen sass am Fenstertischchen und säumte ein schönes Tüchlein, welches der Jüngling für sie in der Stadt gekauft und ihr zum Festputz verehrt hatte. Sie stach sich heute noch öfter in die Finger als an dem Abende, da sie der Braut am Linnen nähen half, denn wenn die Augen die Nadel nicht überwachen, so geht diese ihre eigenen boshaften Wege.

Der Jüngling stand vor ihr und hatte eine Arbeit für sie unter Händen. Er schnitt ihr nämlich eine Feder. Denn endlich, hatte das Mädchen gesagt, müsse sie doch Nachricht geben, wo sie geblieben sei und um Erlaubnis bitten, noch einige Tage im Oberhofe verweilen zu dürfen. Er stand an der andern Seite des Tischchens, und zwischen ihm und dem Mädchen duftete eine weisse Lilie und eine Rose, frisch abgeschnitten, im Glase. Mit der Arbeit übereilte er sich nicht, er fragte, bevor er das Messer anlegte, das Mädchen vielfältig, ob sie lieber mit weicher oder mit harter Spitze schreibe, fein oder stumpf, ob er die Fahne stutzen oder lang lassen solle? und richtete noch mehrere dergleichen fragen an sie, so gründlich, als solle ein Schreibmeister mit der Feder ein kalligraphisches Kunstwerk liefern. Auf diese umständlichen fragen gab das Mädchen mit halber stimme viele und unbestimmte Antworten, bald sollte