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, bevor die Magd Gitta herbeikam, und als sie endlich gekommen war, erschien die hülfe zu spät, denn der Topf hatte nichts mehr zu verschütten.

Der Hofschulze liess sich diesen Verlust nicht kümmern, die Magd musste ihm einen Stuhl vor das Haus setzen, er nahm dort, dem Eichenkampe gegenüber, Platz, und erwartete, die Schenkel gerade vor sich hingestreckt, Hut und Stock in der Hand, von der goldenen Sonne prächtig beleuchtet, still und wacker den weiteren Fortgang der Dinge.

Inzwischen schmückten zwei Brautjungfern die Braut auf ihrer kammer. Rings um sie her standen bunt mit Blumen bemalte Laden und Packen in Leinwand, welche die Ausstattung an Gebild, Betten, Garn, Wäsche und Flachs entielten. Selbst in der tür und bis weit auf den gang hinaus war alles besetzt. Inmitten dieser Reichtümer sass die Braut vor einem kleinen Spiegel, hochrot und ernstaft. Die erste Brautjungfer legte ihr die blauen Strümpfe mit roten Zwickeln an, die zweite warf ihr den Rock von schwarzem, feinem Tuche über, und liess diesem Stükke die Jacke gleichen Stoffes und gleicher Farbe folgen. Darauf beschäftigten sich beide mit dem Haare, welches zurückgestrichen und hinten in einer Art von Rad zusammengeflochten wurde.

Während dieser Zurüstungen sagte die Braut kein Wort. Desto gesprächiger waren ihre Freundinnen. Sie lobten den Putz, priesen die aufgestapelten Schätze, und hin und wieder liess ein verstohlener Seufzer ahnen, dass sie lieber Geschmückte als Schmückende gewesen wären. Unerschöpflich waren sie in Hochzeitsgeschichten, welche jedoch sämtlich darauf hinausliefen, dass die und die dasselbe angezogen habe, was nun auch die Tochter vom Oberhofe der Landessitte gemäss zu tragen hatte. Als diese Erzählungen endlich doch versiegten, kam das Ausbleiben der dritten Brautjungfer an die Reihe. Sie hatte sich unpass melden, jedoch zugleich sagen lassen, sie werde wohl noch imstande sein, zu kommen, wenn auch später als die andern. Nun war es aber schon zehn Uhr vormittags, in einer halben Stunde musste die Glocke anfangen zur Trauung zu läuten, es war die höchste Zeit, dass die dritte erschien, ohne welche die Braut für nicht gehörig begleitet gelten konnte. "Sie kommt gewiss", sagte die zweite Brautjungfer, "an so einem Tage macht sich ja kein Mensch etwas daraus, wenn ihm auch etwas schlimm ist." – "Und was wollt ihr mit mir wetten", rief die erste, "dass sie nicht kommt? Ich weiss, was ich weiss, weiss, mit den Schmerzen ist es so weit nicht her, aber der Verdruss ist zu gross, und sie kann sich nicht zwingen; das hat ihr von jeher gefehlt."

"Ei Gott", sagte die Braut, welche hier zum ersten Male ihre Sprache fand, ängstlich, "das wäre ja ein erschreckliches Unglück, und wenn sie ausbliebe, so würde aus der ganzen Hochzeit nichts." – Sie würde lieber den Bräutigam gemisst, als die dritte Brautjungfer entbehrt haben.

"Wenn du mir folgen willst, Kordelchen, so lass uns auf den Notfall denken", sprach die zweite Brautjungfer, ein flinkes, anstelliges Mädchen. "Ich pack' deinen zweiten Feiertagsanzug aus, wir warten noch ein Stückchen, und wenn die Sibyll' dann nicht da ist, so kleid' ich die Stellvertreterin für sie ein."

Ohne die Antwort der Braut abzuwarten, hatte das Mädchen eine der Laden aufgetan und aus derselben den saubern neuen Staat mit allem Zubehör an Bändern und Krausen genommen. Ihre Gefährtin stiess währenddessen durch das Radgeflecht der Haare einen silbernen Pfeil, und dann brachten beide Mädchen mit feierlichen Mienen der Braut die Krone zugetragen. Denn die Mädchen der dortigen Gegend tragen an ihrem Ehrentage keinen Kranz, sondern eine Krone von goldenen und silbernen Flittern. Der Kaufmann, welcher ihren Putz liefert, leiht die Krone nur dar und nimmt sie nach dem Hochzeitstage zurück. So wandert sie von einem bräutlichen haupt zum andern. Es liegt etwas Schönes und Wahres in diesem Gebrauche und ich müsste mich sehr irren, wenn er nicht aus dem göttlichen Instinkte des Volkes entsprungen wäre, der freilich darin, wie in allem, worin er schöpferisch hervortritt, nur unbewusst gewaltet hat. Das Höchste, einzige, was nur einmal das Leben zieren kann, soll nie als Eigentum in Besitz genommen werden, soll stets nur leihweise die Stirn des Glücklichen berühren. So darf der Lorbeerkranz um die Scheitel des Helden und Dichters, so darf das Blatt, welches sich, wann Vater und Mutter weinend segnen, durch die Locke der Jungfrau schlingt, nur Gunst und Zeichen eines Augenblicks sein. O es wäre zu wünschen, dass mancher unserer städtischen Damen versagt wäre, mit anspruchsvollem Stolze die welke Myrte zu betrachten, die sie im geschmückten Kästchen unter dem grossen Spiegel verwahren, dass sie sich vielmehr hätten gewöhnen müssen, gleich den westfälischen Bäuerinnen die Krone morgen auf einem andern haupt zu erblicken, welche sie heute trugen, und welche gestern ebenfalls eine andere getragen hat!

Drittes Kapitel

Worin der Autor fortfährt, die Vorbereitungen zur

Hochzeit zu beschreiben

Die Braut senkte ihr Haupt ein wenig, als die Freundinnen ihr die Krone aufsetzten, und ihr Antlitz wurde, als sie die leichte Last auf ihrem Haare fühlte, womöglich noch röter als früher. Es ist schön im Menschenleben, dass jeder einen Augenblick erlebt, worin alle königliche Macht und Majestät vor ihm zunichte wird. Diesen Augenblick erlebt nicht nur der Feldherr, der durch einen Sieg die Hauptstadt rettet, oder der Kanzler, der mit einem