, dass dieser einige Misstöne von sich gab. "Ich habe Euch dazumal Euren Jungen und Erben totgeschlagen. Ihr wisst aber wohl, was der Junge wider mich ersonnen hatte, und wie ich um mein linkes Auge gekommen bin. Und deshalb hättet Ihr nicht so mit mir verfahren dürfen, wie Ihr verfahren seid, denn man darf den Menschen wohl abtun, aber ihn nicht elend machen."
"Seid Ihr anders als gehörig geheischen und geladen worden?" fragte der Hofschulze kalt. "Habe ich Euch nicht nach richtigem Freistuhlsrecht und Königsbann vermaledeiet und Euch gewiesen echtlos, rechtlos, friedelos, ehrlos, sicherlos, misstätig? – He?"
"Nein", versetzte der Spielmann und lachte höhnisch. "Mein Fleisch und Blut und Gebein ist, wie es sich gebühret, gewiesen und zugeteilt den Krähen und Raben und den Vögeln und andern Tieren in der Luft, meine Seele aber dem lieben Herrgott, wenn sie derselbe zu sich nehmen will."
"Amen", sprach der Hofschulze. "Warum rührt Ihr diese Dinge auf?"
"Es sind alte Geschichten, sie mögen schlafen", sagte der Spielmann, ingrimmig eine seiner fliegenden Schriften zerreissend, welche auf dem Deckel des Leierkastens lag und das höllische Verbündnis des Herzogs von Luxemburg entielt. "Ich komme wegen Hungers zu Euch. Mich hungert. Ich hab' seit drei Tagen nichts gefressen. Die Leute wollen mir nichts mehr geben, weil sie der Lieder überdrüssig sind. Hochzeitshaus ist offen Haus. Deshalb habe ich das Recht auf die Befugnis, auf den Oberhof zu kommen. Ich wollte Euch gebeten haben, dass Ihr mich zum Spassmacher für heute nachmittag annehmet und mir dafür, wie Recht, Speise und Trank reichen lasset."
Der Hofschulze besah den unglücklichen Spassmacher von oben bis unten und sagte dann langsam: "Ihr habt nicht die Statur und Manier, dass die Leute über Euch lachen können. Auch ist Steinhausen bereits genommen worden und mit zwei Spassmachern gibt es Zank."
"Steinhausen", rief der Spielmann zornig, "weiss nicht halb die Spässe, wie ich! Ich habe die besten und neuesten, von denen sich Steinhausen nichts träumen lässt."
"Dennoch bleibt es bei Steinhausen", erwiderte der Hofschulze, ohne die Miene zu verziehen, denn er hatte im Laufe des Gesprächs seine gewöhnliche Ruhe bald wiedergewonnen. Er fügte aber dem abweisenden Bescheide hinzu, dass der andere sich fern von den Gästen in den Eichenkamp setzen dürfe und dort der Stillung seines Hungers gewärtig sein könne.
Aber in diesem sonderbaren volk lebt selbst bei den Geächteten und Ausgestossenen ein gewisser Stolz fort. Der Spielmann warf auf das letzte Anerbieten seines rauhen Feindes trotzig den Nacken empor und rief: "Umsonst habe ich noch nie Brot gegessen, und wenn Ihr mir nicht vergönnen wollt, für Euch zu arbeiten, so will ich fortfahren zu hungern."
Er wandte sich und ging der tür zu. Der Hofschulze wartete seine völlige Entfernung nicht ab, um hinter das Saatlaken zurückzutreten. Der Spielmann blieb aber in der tür stehen, und als er sah, dass sein Widersacher ihn nicht bemerken konnte, setzte er leise seinen Leierkasten ab, schlich auf den Zehen unhörbar wieder in die kammer, blickte sich spähend um, flüsterte: "Hier muss es irgendwo herum stecken! Wo steckt es?"
Der Koffer erregte seine Aufmerksamkeit, er schlug sacht den Deckel zurück und hätte beinahe seine Freude durch einen Schrei verraten, als er das rostige Gewaffen darin liegen sah. "Nun ist es gut, nun will ich dir schon einen Tort antun, den du zeitlebens nicht verwinden sollst", murmelte er. Ohne Geräusch zu machen, klappte er den Deckel zu, bewegte sich leise nach der tür, zog den Schlüssel von derselben, warf den Leierkasten an dem Tragriemen über die Schulter, trat jetzt, als kehre er noch einmal zurück, hart auf und rief mit lauter stimme: "Hofschulze, noch ein Wort!"
Der Hofschulze, der gerade mit seinem Hochzeitsputze fertig geworden war, schritt in diesem Augenblicke hinter dem Saatlaken hervor. Sein Ansehen war höchst stattlich. Ein lichtblauer offenhängender Tuchrock mit weiten, geräumigen Ärmeln gab der grossen, markigen Gestalt Umfang und Fülle, darunter sassen die neun Jacken, die er nur so weit zugeknöpft hatte, dass alle, eine unter der andern, sichtbar blieben. Auf das Haupt hatte er sich den dreieckichten Hut mit breitem rand, an der Seite in die Höhe gekrempt, gedrückt, an den Füssen trug er leinene Kamaschen, glänzend von Weisse, und ein grosser Stock bewehrte die braune, runzlichte Faust. Erstaunt über die vermeintliche Wiederkehr des Spielmanns blieb er einige Augenblicke schweigend stehen, der Spielmann schwieg ebenfalls, weil er sich an dem Anblicke seines Feindes, dem er einen tödlichen Verdruss bereiten zu können sich bewusst war, wie an dem eines aufgeschmückten Opfers, im stillen weiden mochte. So standen einander der Reiche und der Bettler des Standes schweigend gegenüber; der Reiche voll Verachtung, der Bettler mit dem Gefühle, dass auch ihm eine Macht über den Reichen geworden sei.
Endlich fragte der Hofschulze: "Was wollt Ihr noch?"
"Hofschulze", versetzte der Spielmann mit erheuchelter Demut, "Hunger tut doch gar zu weh und Standhaftigkeit hält nicht vor gegen knurrende Eingeweide. Ich wollte Euch nur noch sagen, dass ich im Eichenkampe heute nachmittag sitzen und auf die Brokken warten werde, die von Eurem Tische fallen."
"Ich