werden", sagte die erste Magd. "Denn die Blässe ist melk, und wenn sie verkalbt, so seid Ihr vom Hof."
"Und wenn Ihr noch ein einziges Mal Euren Rachen aufreisst, so kriegt Ihr auch den Zaunpfahl an den Hirnkasten!" rief der Zornige. – "Denn der Baas hat mir lange keinen Spruch mitgeteilt und jach sein zum Hader tut auch mitunter gut, und an so einem Ehrentage muss man keinen Menschen kujonieren." – Er gab der geschmückten Blässe einen Schlag auf die Hüften und sagte: "Nun stehe gerade und halte die Hörner steif, damit du nach etwas aussiehst, wenn die Herrschaften hier speisen."
Während auf diese nachdrückliche Weise unten die Hochzeitsanstalten betrieben wurden, legte der Hofschulze oben in der kammer, worin er das Schwert Karls des Grossen verwahrte, seinen Staat an. Das hauptsächlichste Stück des Feierputzes, welches die Bauern der dortigen Gegend tragen, ist die Menge der Jacken, welche sie unter dem Rocke anziehen. Je reicher der Bauer ist, um so mehrere Jacken zieht er bei ausserordentlichen Gelegenheiten an. Der Hofschulze besass deren neun, und alle waren von ihm bestimmt, sich am heutigen Tage auf seinem leib zu versammeln. Er hatte sie hinter einem Saatlaken, welches wie ein Vorhang den einen teil der kammer von dem andern schied, der Reihe nach an Pflöcken nebeneinander aufgehängt, erst die unteren von wollenem geblümtem Damast, silbergrauem oder rotem, dann die oberen von braunem, gelbem, grünem Tuche. Diese waren mit schweren silbernen Knöpfen geziert. Hinter dem Saatlaken besorgte der Hofschulze seinen Anzug.
Er hatte sein weisses Haar sauber gekämmt, und das gelbe, frischgewaschene Antlitz leuchtete darunter hervor wie ein Rübsenfeld, über welchem im Mai Schnee gefallen ist. Der Ausdruck natürlicher Würde, welcher diesen Zügen eigen war, hatte sich heute noch um ein grosses vermehrt; er war Brautvater und fühlte das. Seine Bewegungen waren noch langsamer und gemessener als damals, wo er mit dem Rosskamm feilschte. Sorgfältig prüfend beschaute er jede Jacke, bevor er sie von ihrem Pflocke nahm, und legte sie darauf bedachtsam eine nach der andern an, ohne sich bei dem Zuknöpfen irgend zu übereilen.
Eben war er mit den damastenen fertig geworden und wollte zu denen von Tuch übergehen, als draussen vor der tür der kammer ein Leierkasten erklang, und folgendes Lied aus einer von Trunk und Heiserkeit verwüsteten Kehle zu tönen begann:
Fordre niemand mein Schicksal zu hören,
Dem das Leben noch wonnevoll winkt;
Ja wohl könnte ich Geister beschwören –
Weiter liess der Hofschulze den Schwanengesang Kosciuszkos nicht kommen, sondern rasch hinter dem Saatlaken hervortretend, ging er zur tür und rief ärgerlich hinaus: "Was soll das? Was soll das Geplärr im stillen Hochzeitshaus?"
"Ich wollt' mich nur anmelden", erwiderte die heisere stimme, indem die Pfeife des Leierkastens, welche bei dem letzten Worte des Liedes in Tätigkeit gewesen war, auspfiff. Herein trat, oder vielmehr drängte sich eine missgewachsene, kahlköpfige Gestalt, in eine kurze, grobe Jacke und zerrissene Hosen gekleidet, mit Holzschuhen an den Füssen. Es war der einäugige Spielmann, der bei den Bauern in der Gegend der Patriotenkaspar hiess, weil er in den Unruhen von 1787 als fünfzehnjähriger Knabe zu den holländischen Patrioten gelaufen war. Er wusste viel von Schoonhoven, Gorkum und Nieuwpoort zu erzählen; jener Feldzug war die grosse Zeit seines Lebens gewesen. übrigens galt er für einen schlechten Menschen, dem man nicht gern begegnete, schützte sich vor dem Hungertode durch den Pfennigerwerb seines Leierkastens, und lag oft wochenlang unter freiem Himmel, oder in einsamen Schoppen und Ställen, denn ein eigenes Obdach besass er nicht, obgleich er in seiner Jugend ein artiges Erb angetreten hatte, welches ihm aber in sonderbarer Weise verlorengegangen war. Neben seinem Singen schöner neuer Lieder, "gedruckt in diesem Jahr", trieb er auch einen kleinen Handel mit Schriften, wie: "Des Herzogs von Luxemburg Verbündnis mit dem Satan" oder "Die schöne Caroline als Husarenoberst", welche auf dem Leierkasten zur Anreizung der Wissbegierigen ausgebreitet lagen, wenn er sang und spielte.
Der Hofschulze war, verdriesslich über die Unverschämteit des Patriotenkaspars, zurückgetreten, stemmte die arme in die Seiten und rief: "Wer ruft Euch? Schert Euch vom hof! Hier wird Euch nichts gereicht."
"Nein", versetzte der einäugige Spielmann, indem er das unversehrt gebliebene Auge tückisch unter den dünnen Brauen zusammenkniff, "hier wird mir nichts gereicht, das weiss ich wohl, Hofschulze. Ihr lasst mich durch den Hund vom hof herunterhetzen, wenn ich hier anstimmen will: 'Auf! Auf, ihr Brüder, und seid stark!' oder das Mantellied, oder: 'Das Kanapee ist mein Vergnügen'. Ja, so tut Ihr, und wenn es nach Euch ginge, wäre ich längst vor Hunger zusammengeschnurrt, wie eine Backpflaume. Dieses verrichtet Ihr an mir, obgleich Ihr wohl wisst, dass Ihr derjenige seid, welcher einstmals mir Haus und Hof abfeimte und mich zu diesem Leierkasten darniedergebracht hat."
Der Hofschulze warf einen blick auf den eisenbeschlagenen Koffer, worin sein Richtschwert lag, dann trat er dem einäugigen Spielmann einen Schritt näher, sah ihn lange gross und gelassen an, und fragte ihn darauf: "Wer ist schuld, dass der Oberhof nach meinem tod in die fremde Freundschaft übergeht und nicht bei meinem Samen bleibt?"
"Ich", antwortete der Spielmann, und drehte am Leierkasten