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wohin ich seitdem kam, überall hatte sich die Volksmeinung gebildet, dass der alte Schnotterbaum das Geschlecht der Koryphäen des Geisterglaubens wirklich entdeckt habe.

Dadurch aber hatte in der Tat, wie sich deutlich spüren liess, die höhere Welt, nämlich die KernbeisserEschenmichelsche, einen Stoss erlitten. Die Erben des Magisters aber traten die Erbschaft nach seinem Testamente ohne Vorbehalt an.

Dritter teil

Fünftes Buch

Hochzeit und Liebesgeschick

Erstes Kapitel

Worin der Hofschulze dem einäugigen Spielmann auseinandersetzt, warum er keine seiner neun Jacken

einbüssen wolle

An einem klaren Augustmorgen brannten im Oberhofe so viele Kochfeuer, als ob die Bevölkerung sämtlicher Ortschaften in der Runde zum Mittagsmahle erwartet werde. Über der Herdflamme, durch grosse Klötze und Scheiter zu ungewöhnlicher Grösse entzündet, schwebte an dem eingezahnten eisernen Haken der mächtigste Kessel, welchen die Wirtschaft bewahrte. sechs oder sieben eiserne Töpfe umstanden mit ihrem siedenden und brodelnden Inhalte diese Gluten. Auf dem platz vor dem haus nach dem Eichenkampe zu prasselten, wenn die geschichte die Wahrheit sagt, neun Feuer, und ebenso viele, oder höchstens eines weniger auf dem hof in der Nähe der Linden. Über allen diesen Kochstätten waren Böcke oder Roste errichtet, auf welchen Bratpfannen standen, oder an welchen Kessel von nicht geringer Grösse hingen, obschon keiner derselben sich mit dem Umfange dessen, der über dem Herde seine Pflicht leistete, vergleichen durfte. Die Gluten verbreiteten in dem haus und um dasselbe eine starke Hitze, rote Funken sprühten allentalben empor und flogen auch wohl unter das Strohdach, erloschen aber unschädlich inmitten des gefährlich Brennbaren, gleichsam, als wollte das Element dem arglosen Zutrauen, welches die Hofesbewohner in seine Treue setzten, dankbar entsprechen.

Die Mägde des Oberhofes gingen mit Schaumlöffeln oder Gabeln zwischen den Kochstätten geschäftig hin und her. Es durfte, sollte die Speise den Gästen munden, nicht gefeiert werden mit Abschäumen und Umwenden, denn in dem grossen Kessel über dem Herde gaben acht Hühner die Kraft zur Suppe her, und in den übrigen dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Töpfen, Kesseln oder Pfannen sotten oder brieten sechs Schinken, drei Trutähne, fünf Schweinsbraten, nebst der entsprechenden Anzahl von Hühnern.

Diesem Geflügel war nämlich das bevorstehende fest am verhängnisvollsten geworden. Der Hahn, welcher die gelichteten Reihen seiner Teuren über die Nährplätze des Hofes führte, sah sich unterweilen wehmütig um, oder blickte zornig nach den Feuern, die sein Liebstes für fremde Freuden zurichteten, und in einer entfernten Ecke des Hofes bewegte der Morgenwind einen grossen Haufen brauner, gelber und weisser Federn, hin und wieder eine derselben bis in die Nähe der Feuer wirbelnd.

Während die Mägde in den Bratpfannen nachgossen, die Schinken anstachen, unter den Trutähnen die Glut erfrischten, von den Hühnern und der Suppe den Schaum hinwegnahmen, waren auch die Knechte fleissig an ihrem Werke. Der schwarzäugige Verwegene richtete im Baumgarten mit Böcken, Blöcken und Brettern eine gewaltige lange Tafel zwischen den Blumenbeeten und unter den Fruchtstämmen zu, nachdem ihm ein ähnliches Gerüst bereits im Flure gelungen war. Der dicke Langsame bekleidete die Pforten des Hauses, die Wände des Flures und die Türen der beiden Zimmer, in denen wir den Diakonus und seinen Küster einstmals haben speisen sehen, mit grünen Birkenstämmen. Er seufzte nachdrücklich über diese grüne und lustige Arbeit, auch fiel ihm, wie es schien, die Glut beschwerlich. Dennoch war ihm ein nachgiebigeres Geschäft zugefallen, als seinem Mitknechte, dem zornigen Rotaarigen. Denn er hatte doch nur mit schmiegsamen Maien zu tun, jenem aber lag ob, das Vieh festlich zu zieren. Den Kühen nämlich und Rindern, welche an der einen Seite des Flurs hinter ihren Krippen standen, vergoldete der Rotaarige mit Schaumgold die Hörner, oder band ihnen bunte Schleifen und Quasten um dieselben. In der Tat war dieses eine verdriessliche Arbeit besonders für einen jähzornigen Menschen. Denn manche Kuh und dieses und jenes Rind wollte schlechterdings nichts von dem Feste wissen, schüttelte mit dem kopf oder schwang die Hörner seitwärts, sooft ihm der Rotaarige mit dem Leimpinsel und den Schaumgoldblättern nahte. Er bezwang lange seine natur und gab nur zuweilen ein dumpfes Murren von sich, wenn ihm ein Horn den Pinsel oder die Blätter aus der Hand schlug. Laute, welche die allgemeine Stille, womit alle Beschäftigte ihre Arbeit verrichteten, kaum unterbrachen.

Als aber die Zierde des Stalles, eine grosse Weissgefleckte, mit welcher er sich wohl schon eine Viertelstunde lang umsonst abgemüht hatte, endlich sogar heimtückisch ward und ihm einen gefährlichen Stoss versetzen wollte, da riss dem Rotaarigen die Geduld. Er sprang zur Seite, ergriff jenen Zaunpfahl, mit dem er einst den Pitter vom Bandkotten verschont hatte, und der sich zufällig in der Nähe befand, und gab dem widerspenstigen Tiere mit dem dicksten Ende des Pfahls einen so gewaltigen Schlag in die Weichen, dass die Kuh aufstöhnte. Ihre Seiten begannen zu fliegen und ihre Nüstern zu schnauben.

Der Langsame liess die Maie, welche er in der Hand hielt, sinken, die erste Magd sah vom Kessel auf, und beide riefen wie aus einem mund: "Gott behüt' uns! Was tust du?"

"Wenn so ein Aas keine Räson annehmen will, und will sich nicht mit Manier vergolden lassen, so soll ihm das Donnerwetter die Knochen zerschmeissen!" rief der Rotaarige. Er riss der Kuh das Haupt herum und schmückte sie nun schöner als alle ihre Gefährtinnen. Denn das Tier, in seinen Schmerzen sanftmütiger geworden, stand jetzt ganz still und liess mit sich vornehmen, was der rauhe Künstler wollte.

"Das kann Euch eine teure Hochzeit